Sind organisierte Mobilfunkgegner in Wahrheit Satiriker? (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 01.08.2014, 13:17 (vor 2848 Tagen)

Am 30. Juli 2014 schreibt eine "Gastleserin" auf Gigaherz zum Fall Mollath:

Freitag, 23. August 2013 - Freistaat Bayern schickt Mollath saftige Rechnung für 7 Jahre Miete und psychologische Betreuung

Die Rechnung über knapp 300.000 Euro resultiere aus den berechneten monatlichen Durchschnittskosten (3142,37 Euro) für Miete, Essen und Trinken sowie psychologische Betreuung in den Bezirkskrankenhäusern Straubing und Bayreuth.

http://www.der-postillon.com/2013/08/freistaat-bayern-schickt-mollath.html

Bierernst und durchaus plausibel setzte "Der Postillion" (... seit 1845) diese unglaubliche Meldung in die Welt.

Ob es die Abstumpfung durch die häufig bizarren Mutmaßungen von Mobilfunkgegnern war, oder nur Naivität, ich weiß es nicht, doch ich muss zugeben: Die satirische Meldung des Postillion ist mir zwar durchaus spanisch vorgekommen, ich hielt sie jedoch für möglicherweise wahr - bis "Phoenix" eingriff.

Warum ich das hier erwähne: Das Phänomen, dass Blödsinn, wird er nur halbwegs plausibel vorgetragenen, leicht für bare Münze genommen wird, ist aus meiner Sicht eine der stärksten Triebfedern der Anti-Mobilfunk-Debatte. Denn schätzungsweise 95 Prozent der Meldungen und Anekdoten, die über Elektrosmog & Co. in Umlauf sind, lesen sich fragwürdig, unglaublich oder bizarr. Vom anderen Ende her betrachtet: Gibt es diese Debatte überhaupt, ist sie nicht vielleicht eher der größte Feldversuch der Menschheit, Satire im Medium www zu erproben? Bei "Anka" ist Satire i.a. noch gut erkennbar. Wie aber steht es um Jörn Gutbier, Peter Hensinger, Klaus Buchner, Karl Richter und all' die anderen? Sind es plumpe Angstschürer, damit ein bisschen materieller oder immaterieller Gewinn einzuheimsen ist, oder sind es Satiriker vom Schlage der Postillone, die sich jeden Abend in geheimer Forenrunde genüsslich darüber amüsieren, wer wieder mal auf ihre phantastischen Geschichten hereingefallen ist?

Wir werden es nie erfahren. Die Wahrscheinlichkeit, plumpe Angstschürer könnten in Wahrheit grandiose Satiriker sein, dürfte allerdings gegen Null gehen.

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Hintergrund
SPON über "Der Postillion": "Das Sympathischste an "Der Postillon" ist die Tatsache, dass es ihn überhaupt gibt. Seit 2008 arbeitet Stefan Sichermann, ein ehemaliger Werbetexter, an seriös präsentierten Nachrichten mit einem erleichternden Dreh ins Sinnfreie. Damit ist er so erfolgreich, dass er inzwischen davon leben kann. 2013 hat ihn das Grimme-Institut mit einem Preis in der Kategorie "Information" ausgezeichnet - augenzwinkernd, versteht sich. In ihrer Begründung lobte die Jury, "Der Postillon" beraube täglich eine Nachricht ihrer "Verkleidung", und die stehe "dann nackt da - dem Humor preisgegeben. Auch wenn einem manchmal das Lachen im Hals stecken bleibt vor lauter Wahrheit im Witz."

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Angst, Humor, Alarmschläger, Anekdote, Kommerz, Debatte, Feldversuch, Menschheit, Postillon


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