Pseudoexperte Jakob: Erdkabel statt Hochspannungs-Freileitung (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 27.10.2013, 01:21 (vor 2761 Tagen)

Der Gigaherz-Präsident schreibt am 7. Oktober über eine geplante 380-kV-Freileitung im Salzburger Land. Mit dramatischen Plakaten schüren Bürgerinitiativen dort subjektive Ängste gegenüber Hochspannung - und Jakob schürt mit. Zum Beispiel mit folgender Passage:

Die ICNIRP-Grenzwerte schützen schlecht und recht vor unzulässiger Erwärmung des menschlichen Körpers. Das heisst, sie bewahren lediglich davor, dass sich der Mensch im niederfrequenten elektromagnetischen Feld (wie von Hochspannungsleitungen verursacht) nicht innerhalb von 7 Minuten von 37 auf 38°C erwärmt.

Doch was der ehemalige Elektriker da von sich gibt ist absoluter Blödsinn. Für mich unverständlich, denn Jakob beschäftigt sich angeblich seit 20 Jahren mit Elektrosmog. Dass er nach so langer Zeit noch immer nicht die elementaren Wirkmechanismen niederfrequenter elektrischer und magnetischer Felder auf biologische Systeme kennt, ist befremdlich.

Der Gigaherz-Präsident verwechselt wieder einmal die Wirkmechanismen niederfrequenter und hochfrequenter Immission. Eine Erwärmung des menschlichen Körpers tritt nur bei hochfrequenter Immission auf (Stichwort: Mikrowellenofen), nicht aber bei Niederfrequenz (Hochspannungstrassen). Dies ist Buchwissen, das sich jeder mühelos und unentgeltlich aneignen kann. In einer deutschen Übersetzung der ICNIRP-Richtlinie (Guidelines for Limiting Exposure to Time-Varying Electric, Magnetic and Electromagnetic Fields up to 300 GHz) heißt es auf Seite 11:

Die Exposition durch niederfrequente elektrische und magnetische Felder führt normalerweise zu einer vernachlässigbaren Energieabsorption und zu keinem meßbaren Temperaturanstieg im Körper. Hingegen kann die Exposition durch elektromagnetische Felder mit Frequenzen über rund 100 kHz zu einer beträchtlichen Energieabsorption und einem beträchtlichen Temperaturanstieg führen.

50 Hz (Hochspannung) sind von 100 kHz verdammt weit weg, genauer gesagt liegt der Faktor 2000 dazwischen!

Ab PDF-Seite 13 der Richtlinie kann man sich dann über die biologischen Wirkungen und Gesundheitsfolgen elektrischer und magnetischer Felder mit Frequenzen bis 100 kHz vertraut machen. Was dort steht ist Stand des Wissens 1998. Wer's aktueller will, muss gut englisch können. An dem grundsätzlichen Wirkmechanismus (Reizwirkung) von niederfrequenten Feldern, bekannt seit gut 100 Jahren, hat sich jedoch nichts geändert.

Wie hier im Forum an vielen Beispielen dargelegt, nimmt es der Gigaherz-Präsident mit der Wahrheit nicht so genau, um nicht zu sagen, er lügt wie gedruckt. Deshalb erachte ich auch seine folgende Äußerung über die IARC als höchstwahrscheinlich gelogen:

Der 1Mikrotesla-Wert des Magnetfeldes reicht seitlich je nach Masthöhe und Masttyp von 80 bis 120m aus der Leitungsachse. Das erhöhte Krebsrisiko (nach IARC) von 200 bis 300m. Vorsorglich müssten jedoch bis 400m eingeplant werden.

Wie üblich verschweigt Jakob eine nachprüfbare Quelle für seine Behauptung. Eine kurze Suche im www brachte erwartungsgemäß keine einzige Bestätigung, auch die WHO weiß in einem 2007 herausgegebenen Hintergrundpapier nichts davon. Wer mag, kann sich auf der Suche nach Jakobs Behauptung gerne durch diese 445 Seiten des IARC Monographs 80 aus dem Jahr 2002 hindurchwühlen, um den Gigaherz-Präsidenten auch in dieser Angelegenheit gerichtsfest einen Lügner schimpfen zu dürfen - oder einen Freispruch für ihn zu erarbeiten, auch wenn Jakob dieses Dokument sicherlich bestenfalls vom Hörensagen kennt. Mir ist das zu viel Mühe, ich weiß auch so, was ich von ihm zu halten habe.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Jakob, Rentner, Gerücht, Grenzwerte, Schweiz, Peinlich, Erdkabel, Wutbürger, Amateur, Hochspannungsleitung, Kompetenzgefälle, Hobby


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