Leszczynski und Rubin über sogenannte Elektrosensible (Forschung)

H. Lamarr @, München, Samstag, 07.01.2012, 21:09 (vor 2969 Tagen)

Der Brite James Rubin ist der Wissenschaftler, der in den letzten Jahren das Bild der Wissenschaft von überzeugten Elektrosensiblen (EHS) mit am deutlichsten geprägt hat. Zuletzt kam Rubin 2010 in einem Update seiner letzten Review (wieder) zu dem Schluss, EHS beruhe nicht auf der ungewollten Fähigkeit zur Feldwahrnehmung, sondern auf dem Nocebo-Effekt. Diese Einschätzung stützt sich auf die Auswertung von über 40 Studien mit mehr als 1000 EHS-Probanden.

Im Dezember 2011 legte Rubin nun eine weitere Studie nach mit dem Titel Do people with idiopathic environmental intolerance attributed to electromagnetic fields display physiological effects when exposed to electromagnetic fields? A systematic review of provocation studies. Diesmal trug er 29 Blind/Doppelblind-Studien zusammen, die sich um physiologische und kognitive Effekte bei EHS unter Feldeinwirkung gekümmert haben. Fünf dieser Studien fanden signifikante Expositionswirkungen wie reduzierte Herzratenvariabilität und Blutdruck, veränderte Pupillenraktionen, reduzierte optische Wahrnehmung, besseres räumliches Gedächtnis, sich im Schlaf von einer EMF-Quelle wegdrehen und EEG-Veränderungen im Schlaf. Allerdings handelt es sich hierbei meist um Einzelbeobachtungen, die nicht repliziert werden konnten. Und die EEG-Veränderungen im Schlaf von EHS wurden in ähnlicher Form auch bei Personen einer Kontrollgruppe festgestellt (Nicht-EHS). Rubin und seine Arbeitsgruppe bekräftigen abschließend die bisherige Einschätzung, es gäbe keine belastbaren Beweise dafür, dass die Symptome bei überzeugten EHS auf EMF-Exposition zurückzuführen seien.

Wie "Merlin" im hese-Forum entdeckte, hat sich Dariusz Leszczynski in seinem Blog über die jüngste Studie von Rubin Gedanken gemacht. Der Finne ist Wissenschaftler bei der finnischen Strahlenschutzkommission (Stuk) und damit in vergleichbarer Position zu Alexander Lerchl in Deutschland. Und wie Lerchl legt auch Leszczynski am Ende seines Beitrags wert auf die Feststellung, dass er in dem Blog seine persönliche Meinung vorbringt, die nicht als Stellungnahme der "Stuk" zu werten ist. Lerchl wird für seine sinngleiche Differenzierung hierzulande von einigen überzeugten Mobilfunkgegnern regelmäßig attackiert, von Angriffen auf Leszczynski ist dagegen nichts bekannt.

Leszczynski ist weder ein Freund noch ein Feind der EHS. Womit er nichts anzufangen weiß sind überzeugte EHS, die versuchen, ihre eigene Wahrnehmung zum Maßstab für andere zu machen. Kategorisch ausschließen will der Finne Elektrosensibilität jedoch nicht, er hält es für möglich, dass bestimmte Menschen auf elektromagnetische Felder empfindlicher reagieren als andere, solche Sensibilitäten gäbe es auch auf anderen Bereichen. Leszczynski sagt, er kenne EHS persönlich und viele davon seien nicht als Spinner zu sehen, sondern als glaubwürdig und sorgfältig. Es fehle jedoch an angemessenen Tests für EHS, die EHS-Forschung müsse besser werden.

Meine Meinung: Isoliert betrachtet, ohne die umgebende Szene, könnte jemand durchaus zu einer Einschätzung wie Leszczynski kommen. Die Realität aber ist anders. Hierzulande öffentlich wahrgenommene EHS (ich will jetzt keine Namen nennen) sind für mich alles andere als glaubwürdig: Auf konkrete Fragen gibt es Ausflüchte, einige sind mit Schwindeleien aufgefallen, andere sehe ich als Schwindler und Täuscher mit kommerziellem Hintergrund. Um diese unglaubwürdigen EHS schwirren hierzulande jede Menge Nutznießer der E-Smog-Debatte herum, Mediziner, Messtechniker, Baubiologen, selbsternannte Aufklärer, vereinsmäßig organisierte Alarmgeber, Politiker und Wissenschaftler, um nur die wichtigsten zu nennen. Sie alle tanzen seit Jahren den stets gleichen Reigen, der allen Beteiligten materiellen oder immateriellen Gewinn bringt und so ein sich selbst stabilisierendes System Alarm-Angst-Rettung schafft. Niemand wird ernsthaft geschädigt, selbst die Geprellten sind äußerst zufrieden, es gibt keine Verlierer, nur Gewinner.

Und Sie sagen sich jetzt: Aber die armen EHS, die leiden doch unter E-Smog wie ein Fisch auf dem Trockenen! Ich sage: Woher wollen Sie das wissen? Beispiel: Die überzeugte Extrem-EHS Eva W. schrieb im Fettdruck an den Chef des BfS: "Meine Situation wird so unerträglich, dass ich nun endgültig aus meinem Haus muss." Das war im Dezember 2006. Doch heute, im Januar 2012 wohnt Eva W. nach wie vor in ihrem Haus. Sie hat Ihre Ankündigung nicht wahr gemacht, welche Ausflüchte (z.B. Schirmung) es dafür auch immer geben mag. Und damit höre ich auch schon wieder auf, wer's genauer wissen will, schaue sich hier im Forum um, gefühlt haben wir zur Glaubwürdigkeit von EHS hunderte Stränge mit mehr als 1000 Postings geschrieben.

Nach zehn Jahren auf Tournee mit dem Elektrosmog-Zirkus bin ich vom Glauben an EHS abgefallen. Nach anfänglicher Begeisterung über EHS gelangte ich mit jeder Pleite und jeder Enttäuschung im Laufe der Jahre über den wohlwollenden Skeptiker zunächst zum kritischen Skeptiker. Noch vor zwei drei Jahren hielt ich EHS wenigstens für möglich, das tue ich heute nicht mehr, jedenfalls was EHS anbelangt, die vorgeben, Funkfelder im µW/m²-Bereich äußerst unangenehm zu spüren. Die Symptome anzuerkennen habe ich keinerlei Problem, wenn aber Funk als Ursache reklamiert wird, dann ist für mich Schluss.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Elektrosmog-Phobie, EHS, Herzratenvariabilität, Inszenierung, Leszczynski, STUK, Rubin, Idiopathie, HRV, EHS-Probanden, Elektrosensibel


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