Retrokult alter Musik-Technik
Spende Wärme, schönes Teil!
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Der Klang alter Tonbandgeräte wird mit Algorithmen nachgebildet, die ein bisschen "harmonische Verzerrung" erzeugen. «
Neumann baut seit den 20er Jahren Mikrofone. Sie hängen in jeder anständigen deutschen Rundfunkanstalt und in Musikstudios weltweit. Selbst in schnell geschnittenen MTV-Clips erkennt das geschulte Auge sie zuweilen. Just for show: Nicht selten werden sie extra falsch herum gehalten - damit man das Firmenzeichen besser sehen kann. Genau wie ihre alte, höchst lebendige Schwester Microtech-Gefell aus der Ex-DDR, fabriziert Neumann immer noch Röhren-Mikrofone. Deren Klang gilt als unerreicht satt und warm. "Die Röhre produziert Verzerrungen, die machen die Wärme aus", erklärt der Ingenieur. Klangschmutz sozusagen. Der macht den Sound fetter, runder, bassiger.
Neumann nimmt sogar die alten Mikrofon-Kapseln. "Das sind Kapseln, die wir Jahrzehnte nicht mehr verwendet haben", sagt der Ingenieur. Irgendwie scheint ihm alles ein wenig peinlich zu sein: "Eigentlich wollen wir nicht zurück zur Röhre. Sondern vorwärts. Wir wollen nicht die ganzen alten Macken neu erfinden." Er könnte leicht ein modernes Mikro konstruieren, das den alten Klang nachahmt. "Aber das würde man uns übel nehmen."
Alles ist digital, aber die Welt will Wärme. Selbst die Chinesen machen jetzt in Röhrenmikros. Sie kopieren alles, was sich verkaufen lässt. Das Mikro "Studio Projects T3" von 797 Audio aus Peking klingt beinahe neumannesk, kostet aber nur ein Bruchteil.
Ich will zurück auf die Straße, will wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut. «
Und "beinahe" reicht heute ja vielen. Doch geht es hier nicht um die Globalisierung des Hifi-Marktes. Oder ausschließlich um Impedanzwandler, Obertöne und das hübsche Kratzen alter Platten-Nadeln. Es geht um eine Lebensfrage für die Seelenlage der Welt.
"Ich will zurück auf die Straße, will wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut", röhrte Westernhagen 1981. Heute ist alles glatt und schön und pragmatisch und unsere tonalen Allzweckwaffen - die Mobiltelefone, die Computer, I-Pods, sie machen Piep.
Die Sehnsucht nach dem großen Knacks in der Rille kommt also nicht von ungefähr. Völker, hört mal diese Signale!
Verrückt: Die analogen Tücken werden jetzt digital simuliert, die sauberen Digitaltöne extra verfälscht, um wieder echt zu klingen.
Eilig rüstet man neuste Toncomputer mit allerlei Plug-Ins und Filtern nach, die den Sound der 60er imitieren. Schon quietscht die Gitarre wieder, das Schlagzeug hat Druck, die Stimme gurrt. Der Klang alter Tonbandgeräte wird mit Algorithmen nachgebildet, die ein bisschen "harmonische Verzerrung" erzeugen.
Eines dieser Produkte hat den schönen Namen "Vintage Warmer". Es besteht aus durch und durch digitaler Software. Aber die Programmoberfläche erscheint auf dem Computermonitor im Holz- und Metalldesign, mit Knöpfen und pendelnden VU-Metern. Ein paar verrückte Polen haben diesen Erwärmer programmiert. Er ist ein Welterfolg. Virtuelle Wärme!
Längst reicht die Rechenpower des Standardcomputers auch, um die Schaltkreise analoger Geräte mathematisch nachzubilden. Da protestieren wahre Puristen: Murks, Tand, Fälschung! Bei den Analog-Maschinen, gesteht Johannes Maul von digidesign, "variierte der Klang in Abhängigkeit von der Temperatur, der Betriebsdauer und dem Alter schon sehr stark".
Digital dagegen bedeutet: Bit für Bit, immer gleich, überall, ohne Rauschen, Verzerrungen, Phasenfehler. Das Problem ist, dass solche "Fehler" Teil des klassischen Sounds sind. Ohne Fehler klingt es hohl. Also, sagt Maul, müssen die Programmierer entscheiden, welche "Fehler" sie ihrer digitalen Nachahmung beimischen.
Ich weiß einiges, aber verstehen tue ich es nicht. «
Das Digitale hat enormen Nutzen, funktioniert schneller, billiger und ist kommod. Wer spult noch Kassetten, schrammt mit Nadeln über den Tonträger? Was früher nur Tonstudiotechnik für hunderttausende Mark vermochte, kann heute der Aldi-PC im Schlafzimmer. Auch Profis würdigen, wie virtuos man heute auf vielen digitalen Spuren Musik und mit feinem und üppigem Ton schaffen kann. Ein Fortschritt.
Was aber ist Perfektion? Was authentisch? Klang ist Suche, ewiges Streben nach Annäherung ans Optimum. Bei so einer Auflösung, sagen die Techniker, ist die digitale Näherung an das analoge Signal perfekt, der Unterschied allenfalls noch für Fledermäuse zu hören.
Die analoge Welt aber ist schwieriger, komplexer; die digitale mit ihrer Reduzierung auf 1 und 0, an und aus, eher banal.
Analoge Elektroniker blicken leicht verächtlich auf die Konstrukteure digitaler Schaltungen. Analog versteht man nicht sofort, die Logik ist anders. Ein digitaler Rechner "denkt" nur in vorgestanzten Bahnen. Er kann enorm gut rechnen, viel schneller als Menschenhirne. Dafür hapert es mit dem Abstraktionsvermögen. Eine Irritation, ein falsches Bit - und alles klemmt.
Das Hirn dagegen verarbeitet die Daten analog und "hoch parallel", wie die Fachleute sagen. Es verdaut gut eine Milliarde Informationen gleichzeitig.
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