Blutproben statt Protestschreiben (Allgemein)

RH, Donnerstag, 04.03.2004, 11:24 (vor 6734 Tagen)

Süddeutsche Zeitung, Bayern, 01.03.2004

Aus Angst vor dem elektro-magnetischen Zangengriff

Blutproben statt Protestschreiben

Erstmals in Deutschland macht eine Initiative mit einer Reihenuntersuchung Front gegen Mobilfunkanlagen

Von Rolf Thym

Rimbach - Als Karin Bak davon hörte, dass knapp zwei Kilometer von ihrer Wohnung entfernt eine neue Mobilfunkanlage in Betrieb genommen werde, war ihr erster Gedanke: "Au Backe." Die 2000-Einwohner-Gemeinde Rimbach liegt im Bayerischen Wald an den Hängen des Hohen Bogen, auf dessen Spitze bereits eine Sende- und Empfangsanlage für das Mobilfunknetz steht. Durch die zweite Anlage, die seit dem Jahreswechsel auf der gegenüber liegenden Talseite am Waldrand installiert ist, würden die Bewohner gleichsam in die elektromagnetische Zange genommen, findet Karin Bak, die Gesellschafterin und Geschäftsführerin einer auf Umweltmedizin spezialisierten Privatklinik in Furth im Wald ist. Sie könne auf Anhieb 30 Patienten nennen, bei denen Mobilfunkstrahlung zu ernsten Erkrankungen des ohnehin schon durch zahlreiche Umweltbelastungen vorgeschädigten Organismus' geführt habe.


Die Furcht vor möglichen Gesundheitsgefahren durch elektromagnetische Strahlung treibt in Rimbach freilich nicht nur Karin Bak um. Besorgte Bürger haben den Arbeitskreis Risiko Umwelt gegründet, und gemeinsam mit den Organisatoren der Initiative entwickelte Karin Bak ein Projekt, das es "in dieser Art in Deutschland noch nicht gegeben hat". Die Idee war, nahezu gleichzeitig mit der Inbetriebnahme der zweiten Sendeanlage eine medizinische Studie zu beginnen, die Aufschluss darüber erbringen soll, ob die zusätzliche elektromagnetische Strahlung Auswirkungen auf die Gesundheit der Rimbacher hat. Bislang, sagt Karin Bak, seien solche Studien immer erst dann angestellt worden, "wenn Mobilfunkanlagen schon lange in Betrieb waren". In der kleinen Bayerwald-Gemeinde bestehe erstmals die Gelegenheit, "den gesundheitlichen Zustand vor und nach der Inbetriebnahme" einer Sende- und Empfangsanlage fürs Handynetz festzustellen.


30 Rimbacher Grundschulkinder von der 1. bis zur 4. Klasse beteiligen sich freiwillig und auf dringenden Wunsch ihrer Eltern an der zwei Jahre dauernden medizinischen Studie. Sie haben sich von Ärzten, die in Karin Baks Klinik eine Weiterbildung zu Umweltmedizinern absolvieren, Blut abnehmen lassen, und sie haben Urinproben abgeliefert. Ein Labor in München, mit dem die Further Privatklinik eng zusammenarbeitet, analysiert gegenwärtig die Proben.


Zusätzlich dazu haben die Mediziner die an der Studie beteiligten Kinder grundlegend untersucht, um herauszufinden, ob bei ihnen bereits Vorbelastungen vorliegen - etwa durch schädliche Stoffe in den Wohnungen, besondere Ernährungsgewohnheiten oder genetische Veranlagung. Alle sechs Monate sollen an den Kindern diese Untersuchungen wiederholt werden, begleitet von neuerlichen Blut- und Urintests, um etwaige gesundheitliche Veränderungen festzustellen. Falls sich an den generellen Lebensumständen der Kinder nichts verändere, aber dennoch negative Einflüsse auf deren Gesundheit festzustellen seien, dann, sagt Bak, lasse sich möglicherweise der Nachweis führen, dass die nun von zwei Mobilfunk-Anlagen kommende Strahlung die Ursache sei.


Die Mediziner werden bei der Auswertung der Tests besonderes Augenmerk auf so genannte körpereigene Marker legen, die nach Darlegung von Karin Bak auf den Einfluss elektromagnetischer Strahlen reagieren. Es geht dabei, unter anderem, um Neurotransmitter - Botenstoffe im Nervensystem, das als Schlafhormon bezeichnete Melatonin und das als Wohlfühlhormon geltende Serotonin. Zudem soll nach Hinweisen auf Entzündungen und verschiedene Abbaustoffe gesucht werden.


Fortsetzung

Tags:
Rimbach, Urintest, Umweltmedizin, Blutprobe

Blutproben statt Protestschreiben

RH, Donnerstag, 04.03.2004, 11:25 (vor 6734 Tagen) @ RH

- Fortsetzung

Zusätzlich zu den 30 Schulkindern unterziehen sich 46 weitere Rimbacher - vom Kleinkind bis zum Rentner - den gleichen Untersuchungen, um außerhalb der Studie festzustellen, ob Erwachsene von möglichen Folgen der Mobilfunkstrahlung eher betroffen sind als Kinder. Die Gesamtkosten in Höhe von 121 000 Euro tragen zu wesentlichen Teilen Karin Baks Klinik und das untersuchende Labor. Auf die 76 Probanden entfallen jeweils 200 Euro für die gesamte Dauer der Studie. Die Gemeinde hatte den Antrag der Bürgerinitiative auf Übernahme eines Teils der Kosten mit der Begründung abgelehnt, derartige Forschungen seien nicht Aufgabe der Kommune. Immerhin hat der Gemeinderat beschlossen, die Intensität der auf die Rimbacher einwirkenden Mobilfunkstrahlung messen zu lassen.


Auf einen endlosen Streit darüber, ob die deutschen Grenzwerte im internationalen Vergleich nicht viel zu hoch seien, will sich die Bürgerinitiative indes erst gar nicht einlassen. Josef Aschenbrenner, der Vorsitzende des Arbeitkreises Risiko Umwelt, hält es für geschickter, wenn sich mögliche Geschädigte direkt an die Mobilfunkbetreiber halten. Das Unternehmen T-Mobile hat schon reagiert - mit mehrseitigen Verweisen auf Strahlenschutzrichtlinien und darauf, dass keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vorlägen, wonach Mobilfunk krank mache. "Die von Ihnen angekündigten Blutuntersuchungen", so endet das Schreiben der Umweltsicherheits-Beauftragten von T-Mobile an die Rimbacher Initiative, "stellen dagegen einen Schritt in die richtige Richtung dar, da sie geeignet sein können, die nach dem Stand der Wissenschaft und Forschung nach unbegründeten Ängste abzubauen." Ob es so sein wird, wie das Mobilfunk-Unternehmen hofft, wird sich zeigen, wenn die Auswertung der gesamten Studie vorliegt - im Sommer 2006.

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