HF-Labor im KZ Dachau (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 24.01.2024, 15:26 (vor 149 Tagen)

[image]Ein Besuch des KZs Dachau ist ohne Frage beklemmend, bietet aber auch Überraschungen. So hängt in den Werkstätten im Westflügel des Wirtschaftsgebäudes an einem Pfeiler eine Schautafel (Foto), auf der Unerwartetes zu lesen ist:

In dem 1938 errichteten Gebäude befanden sich mehrere Werkstätten und wichtige Funktionsräume. Im nördlichen Bereich des Westflügels arbeiteten in den Werkstätten im Keller, im Erd- und Dachgeschoss Häftlinge als Schreiner, Schlosser, Elektriker, Installateure, Maler.

1943 wurde hier im Parterre ein Laboratorium für Hochfrequenztechnik eingerichtet, in dem unter anderem Funkgeräte, die man von den Alliierten erbeutet hatte, untersucht wurden. [...]

Neugierig geworden machte ich mich auf die Socken und verfolgte die Spur mit Hilfe von Tante Google weiter. Dabei stellte sich heraus, in dem HF-Labor arbeiteten tatsächlich Häftlinge. Darunter mutmaßlich einer, in dessen Firma ich später eine Ausbildung zum Elektromechaniker Fachrichtung Elektronik absolvierte.

[...] So war in Räumen des Konzentrationslagers Dachau im August 1943 ein „Hochfrequenzforschungs-Institut“ eingerichtet worden. Dieses Kommando war der Vorläufer des im Juni 1944 zum KZ Groß-Rosen in Schlesien verlegten Kommandos „Wetterstelle“ und bestand aus Fachleuten der Elektro- und Funktechnik aus den Reihen der KZ-Häftlinge. [...] (Quelle)

[...] Während des Kriegs war die Firma, wegen Kriegsschäden teilweise nach Memmingen und Wolnzach ausgelagert, Zulieferer von Meßgeräten der Funk- und Nachrichtentechnik. Im September 1944 wurden Rohde und seine Frau inhaftiert und in das Konzentrationslager Dachau gebracht, da Rohde mit dem british Geheimdienst in Kontakt stand; am 26.4.1945 gelang ihnen die Flucht. Nach dem Krieg wandte sich „Rohde & Schwarz“ endgültig der Funknachrichtentechnik zu, und Rohde entwickelte Nachrichtenanlagen, UKW- und Fernsehsender. [...] (Quelle)

Während meiner dreijährigen Ausbildung in München habe ich Lothar Rohde nur ein einziges mal persönlich getroffen. Zur Mittagszeit kam er unerwartet in die Abteilung, durch die ich seinerzeit als Azubi gerade geschleust wurde. Ein Ingenieur im weißen Laborkittel saß an seinem Werktisch vor geöffneten R&S-Messgeräten aus der Produktion und mampfte sorglos eine Wurstsemmel. Als Rohde das bemerkte wurde er laut und faltete den Mann wütend zusammen, er solle gefälligst woanders essen, Semmelbrösel hätten in Qualitätsmessgeräten von R&S nichts verloren. Dann rauschte er wieder ab. Dazu muss man wissen, Rohde war ein hagerer Hühne von schätzungsweise zwei Metern Körpergröße, der den Gescholtenen um mehr als einen Kopf überragte. Nach der Standpauke waren der sprachlose Ingenieur und ich gefühlt jedenfalls zehn Zentimeter kleiner als zuvor.

Zu R&S kam ich, da Rohdes Kompagnon Hermann Schwarz nach dem Krieg auf Amischlitten wie den Ford Mercury stand und mein Vater ihm diese verkaufte. Schwarz elektrisierte mit seiner Funkmesstechnik anscheinend meinen Vater, denn wenig später lag der Kosmos-Experimetierkasten "Radiomann" unterm Weihnachtsbaum, der wiederum mich elektrisierte. Der Rest ist Geschichte ...

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
HF-Labor, KZ, Rohde & Schwarz, Lothar Rohde, Hermann Schwarz

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