Deutschlands erster und einziger Bautheologe (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 30.06.2023, 01:52 (vor 298 Tagen)

Der evangelische Theologe Werner Thiede und das Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit (IBN) sind sich näher gekommen. Seit 2020 veröffentlicht der Theologe hin und wieder in dem Baubiologie-Magazin des IBN seine Gedanken über das Risiko Elektrosmog, das im Geschäftsmodell des IBN eine zentrale Rolle spielt, weil das Weiterbildungsinstitut z.B. aus einem Architekten oder Bäcker gegen Entgelt einen sogenannten Baubiologen formt. Der synergetischen Verbindung der Baubiologie mit der Theologie entspringt hingegen als neuer Typ des überzeugten Mobilfunkkritikers der sogenannte Bautheologe.

Thiedes jüngstes Werk für das Baubiologie-Magazin trägt den programmatischen Titel "Zunehmende Elektrifizierung unserer Lebenswelt aufgrund baubiologischer Ignoranz der Politik" (Volltext). Weitere Artikel Thiedes in dem Blatt gehen so existenziellen Fragen nach, ob Sünder mit Funk besser schlafen oder ob der Mobilfunk-Zwang in Privathaushalten verkleidet als Smart-Meter zulässig ist. Da ich als Ingenieur der Nachrichtentechnik die Fachkompetenz eines Theologen in der Mobilfunkdebatte nicht anerkenne, möchte ich inhaltlich diesmal nicht auf Thiedes Ausführungen eingehen.

Interessanter finde ich, dass in jedem der von mir gefundenen vier Artikel der Autor unübersehbare Literaturempfehlungen gibt. Und diese gelten nicht etwa der Strahlenschutzkommission oder dem Bundesamt für Strahlenschutz, sondern unisono Thiedes eigenen Büchern, fünf an der Zahl, mit denen er sich anlässlich der Mobilfunk- und Digitalisierungsdebatte zu Wort gemeldet hat. Wegen dieser Eigenwerbung in seinen Artikeln musste das IBN den Autor mutmaßlich nicht oder nur finanziell gering honorieren. Klar, auch das IBN geht bei dem Geschäft nicht leer aus, denn der Bautheologe schürt wie alle Mobilfunkgegner irrationale Befürchtungen gegenüber Funk und befeuert damit die Nachfrage nach Dienstleistungen der Baubiologie.

Die Autorenvorstellung in allen vier Artikeln lautet: Prof. Dr. Werner Thiede, Apl. Professor für Systematische Theologie an der Uni Erlangen, Pfarrer i.R., Publizist. Der Titel "Prof." dürfte mit Sicherheit auf autoritätsgläubige Leser Eindruck machen, die unter der Einschränkung "apl." womöglich einen apostolischen Professor vermuten. Doch "apl." bedeutet "außerplanmäßig" und was es damit auf sich hat, das ist hier gut verständlich beschrieben.

Eigenen Angaben zufolge ist Werner Thiede seit Sommer 2018 im Ruhestand. Weil er zudem auf der Website der Uni Erlangen nur mit Mühe aufzufinden ist und ihn die Fundstelle unter "Weitere Personeneinträge" nennt, steht der Bautheologe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr in einem Dienstverhältnis mit der Uni. Womit die Autorenvorstellung im Baubiologie-Magazin irreführend wäre. Rechtlich ist diese Irreführung jedoch zulässig, denn es ist eine der Schrullen vieler deutscher Universitäten, dass Professoren nach ihrem Ausscheiden ihren Titel weiter tragen dürfen. Dies führt nicht selten zu Irritationen über den tatsächlichen Prestigestatus eines Professors, wenn bei dessen Vorstellung ein Hinweis auf seinen Ruhestand (oder Emeritus) fehlt. Mobilfunkkritische Professoren sind meiner Wahrnehmung nach nahezu alle außer Dienst gestellt, bei ihren öffentlichen Auftritten wird darauf jedoch ganz bewusst nicht hingewiesen, um den vollen Prestigewert des Referenten gegenüber dem Laienpublikum nicht zu schmälern.

Als ich 2002 in die Mobilfunkdebatte stolperte, gab es bereits Verbindungen zwischen organisierten Mobilfunkgegnern und der Baubiologie. Wegen des kommerziellen Interesses der Baubiologie an einer möglichst aufgeregten Debatte wurden diese Verbindungen jedoch in aller Regel verdeckt gepflegt, um dem Image der Bürgerinitiativen nicht zu schaden. Das hat sich grundlegend geändert. Die sogenannte Kompetenzinitiative und der Verein Diagnose-Funk kooperieren nach tastenden Anfängen um 2010 herum inzwischen ganz ungeniert offen mit den Verbänden der Baubiologie, worauf es auch bei Bürgerinitiativen kein Halten mehr gab. Die ohnehin marode Glaubwürdigkeit der Szene leidet mMn unter dieser Kommerzialisierung des Protests stark.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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Baubiologie, Werbung, Diagnose-Funk, Täuschung, Geschäftemacher, Ko-Ini, Glaubwürdigkeit, Autodidakt, Thiede, Theologe, Autor, Koppelgeschäft, Elektrosmogbusiness

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