Amprion entdeckt nach 111 Jahren Rolfe Hensingmuller (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 18.09.2022, 23:27 (vor 76 Tagen)

Dr. Rolfe Hensingmuller nannte sich 1911 der Autor eines in den USA erschienenen Zeitungsartikels, welcher der damals neuen Funktelegraphie allerlei schädliche Nebenwirkungen andichtete. Rund 111 Jahre später hat auch Strom-Übertragungsnetzbetreiber Amprion den Akademiker aus Deutschland für sich entdeckt.

Pünktlich zum 100. Jahrestag von Hensingmullers Artikel würdigte ihn das IZgMF 2011 mit dem Beitrag 100 Jahre Elektrosmog-Panikmache. Wir konnten seinerzeit die Spur des mutmaßlich deutschen Autors nach seinem Auftritt in den USA sogar noch bis nach Australien und Neuseeland verfolgen. Angeblich soll Hensingmuller Mitarbeiter der Universität Göttingen gewesen sein. Unsere Nachfrage beim Archivar der Universität ergab jedoch, im Personalarchiv der Uni, das bis 1734 zurück reicht, gibt es niemanden mit diesem oder einem ähnlichen Namen.

Elf Jahre später begegnete mir Hensingmuller unerwartet wieder, diesmal am Beginn eines Videos des Strom-Übertragungsnetzbetreibers Amprion. In dem Video geht es nicht um Funktelegraphie, sondern um das "Ultranet"-Projekt (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung mit vorhandenen Masten einer herkömmlichen Hochspannungsfreileitung).

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Weitere Recherchen führten bei Amprion zu dieser Literaturliste, in der an Position [2] tatsächlich Hensingmuller mit seinem Alarmartikel von 1911 auftaucht. Die dort genannte Quelle “The Atlantic Constitution” ist allerdings falsch, richtig heißt die Südstaatenzeitung, die 1911 den Artikel veröffentlichte “The Atlanta Constitution”. Das Blatt gibt es übrigens noch heute, nach einer 1982 vollzogenen Fusion mit einem anderen Blatt heißt es mittlerweile “The Atlanta Journal-Constitution”.

Leicht abgewandelt in Rudolf Hensingmuller von der Uni Heidelberg taucht unser Mann schließlich noch in einem 2015 publizierten Buch des Autors William J. Fanning, Jr. auf: "Death Rays and the Popular Media, 1876-1939 - A Study of Directed Energy Weapons in Fact, Fiction and Film". Dort ist zu lesen:

[...] For example, the Washington Post ran a story in June 1914 saying that his weapon could greatly revolutionize warfare and that several foreign powers, including Japan, had approached him about his invention. The following month the same newspaper had another article depicting the power of wireless rays as an accepted reality. The author, Rudolf Hensingmuller of the University of Heidelberg, revived the view that wireless transmissions were responsible for several disastrous explosions on ships at sea, in particular, the French battleship Liberte in 1911. More than two hundred men lost their lives in that tragedy. Hensingmuller argued that none of these tragedies appeared to be deliberate acts but were simply unfortunate accidents. He believed that wireless transmissions from sending stations had exploded the gunpowder and ammunition in the magazines. The author cited as support Ulivi’s demonstrations in Florence. [...]

[So berichtete die Washington Post im Juni 1914, seine Waffe könne die Kriegsführung revolutionieren und mehrere ausländische Mächte, darunter Japan, seien wegen seiner Erfindung an ihn herangetreten. Im darauf folgenden Monat erschien in derselben Zeitung ein weiterer Artikel, in dem die Stärke der Funkstrahlen als anerkannte Realität dargestellt wurde. Der Autor, Rudolf Hensingmüller von der Universität Heidelberg, griff erneut die Ansicht auf, dass Funksprüche für mehrere katastrophale Explosionen auf Schiffen auf See verantwortlich waren, insbesondere auf dem französischen Schlachtschiff Liberte im Jahr 1911. Bei dieser Tragödie verloren mehr als zweihundert Menschen ihr Leben. Hensingmüller vertrat die Auffassung, dass keine dieser Tragödien vorsätzlich herbeigeführt wurde, sondern dass es sich lediglich um unglückliche Unfälle handelte. Er glaubte, dass die Funksignale von Sendestationen das Schießpulver und die Munition in den Magazinen zur Explosion gebracht hätten. Als Beleg führt der Autor die Demonstrationen von Ulivi in Florenz an.]

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Rolfe Hensingmuller: Hansdampf in allen Gassen

H. Lamarr @, München, Dienstag, 20.09.2022, 22:12 (vor 74 Tagen) @ H. Lamarr

Leicht abgewandelt in Rudolf Hensingmuller von der Uni Heidelberg taucht unser Mann schließlich noch in einem 2015 publizierten Buch des Autors William J. Fanning, Jr. auf

Dass Google keineswegs die allwissende Suchmaschine ist, zeigt das Archiv der Universität Heidelberg. Dort tauchen zu Hensingmuller Quellen auf, die Google nicht auf dem Schirm hat. Die folgende Auflistung der schönsten Fundstücke zeigt einen erstaunlich vielseitig belesenen Hensingmuller, einen Hansdampf in allen Gassen, der Vergleiche mit Mobilfunkgegnern unserer Tage nicht scheuen muss. Aber: Sämtliche Fundstellen sind Zeitungsberichte. Irgendeine Spur, dass Hensingmuller dem Personalstamm der Uni Heidelberg angehörte, konnte ich nicht finden. So taucht sein Name in zeitlich passenden alten Vorlesungsverzeichnissen der Uni Heidelberg nicht auf.

► 1911 berichtete Rudolph Hensingmuller abermals in "The Atlanta Constitution", die Schuhgröße 2 für Frauen, seit 20 Jahren am gefragtesten, sei durch die Größen 4 und 6 abgelöst worden (Quelle).

► Im selben Jahr und Blatt sinnierte Prof. Hensingmuller aus Berlin darüber, wie ein Vulkan in Mexiko die verheerendsten Stürme in New York verursachen konnte (Quelle).

Dr. Hensingmuller von der Universität Göttingen sieht 1911 in der Washington Post (Chicago Tribune) einige schlimme Auswirkungen der leistungsstarken, heimtückischen Röntgenstrahlen voraus, wenn wir letztendlich die Anwendungen der Elektrizität bis an ihre Grenzen bringen, worauf das Funksystem hinausläuft (Quelle).

► Die New York Times macht sich 1911 anscheinend über Hensingmullers Alarmartikel in "The Atlanta Constitution" lustig (Quelle).

► 1911 ließ Prof. Rudolph Hensingmuller die Leser des Blattes "Nashville Tennessean and the Nashville American" wissen, Frauen könnten Luftschiffe besser als Männer steuern, weil sie die primitive Fähigkeit bewahrt haben, mit ihrer gesamten Netzhaut zu sehen (Quelle).

► Max Nordau stimmt 1912 in der Washington Post mit Prof. Rudolph Hensingmuller von der Universität Wien überein, Frauen wären die besseren Flieger. Ihre angeborenen weiblichen Qualitäten würden ihnen schließlich die Herrschaft am Himmel sichern. Glen Curtiss und Grahame White sind mit dieser Meinung ganz und gar nicht einverstanden. Tatsächlich sehen alle männlichen Flieger ungern Frauen "in der Luft". Der Platz der Frau ist auf der Erde, sagen diese erfahrenen Abenteurer (Quelle).

► 1914 informierte Prof. Rudolf Hensingmuller von der Universität Heidelberg die Leser der Washington Post darüber, eine lange Kette von tödlichen Unglücken auf See und in der Luft habe ihn von der Notwendigkeit einer internationalen Kommission überzeugt, die den Gebrauch der drahtlosen Telegrafie regeln und verschiedene unerklärliche und mysteriöse Phänomene untersuchen soll, die mit ihrem Gebrauch zusammenhängen (Quelle). Mit Icnirp wurde Hensingmullers Vision 1992 Realität :-).

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