Hirnforschung: Ich sehe was, was du nicht siehst (Forschung)

Gast, Sonntag, 19.06.2022, 22:41 (vor 165 Tagen)

Der Grund dafür, dass andere Menschen die Welt anders wahrnehmen als wir, liegt im Gehirn. Wir sind davon überzeugt, die Art und Weise, wie wir andere Menschen, Situationen oder sogar die Politik sehen, ist die Richtige. Wir denken, dass die Art, wie andere diese Dinge sehen, falsch ist. Warum ist das so?

Matthew Lieberman, ein Psychologieprofessor an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, hat über 400 Studien analysiert und kam zu dem Schluss, das der Grund im Gehirn zu finden ist. Genauer gesagt im Gestalt-Kortex, einer Region hinter dem Ohr, mit dem Menschen vage oder unvollständige Informationen schnell verarbeiten und deuten und alternative Auslegungen ignorieren. Seine Forschung wird demnächst in der Fachzeitschrift „Psychological Review“ veröffentlicht.

Die Wissenschaft konnte die Mechanismen im Gehirn, die unsere Wahrnehmung der Welt bestimmen, nie vollständig erklären. Was wir wissen ist, dass mehrere geistige Akte im Gestalt-Kortex ablaufen. Wir nehmen zum Beispiel eine lächelnde Person als glücklich wahr, ohne darüber nachzudenken.

Das sehe ich anders

„Wir neigen dazu, ein irrationales Vertrauen in unsere eigene Erfahrung der Welt zu setzen und andere als fehlinformiert, faul, unvernünftig oder parteiisch zu betrachten, wenn sie die Welt anders sehen als wir“, erklärt Prof. Lieberman in einer Pressemitteilung. „Neuronale Daten zeigen eindeutig, dass der Gestalt-Kortex eine zentrale Rolle dabei spielt, wie wir unsere Version der Realität aufbauen.“

Wir sehen unser Verständnis der Umwelt meist fälschlicherweise als objektive Reflexion der Realität, nicht aber als unsere eigene Interpretation. Unsere Perspektiven sind irrational. In der Arbeit wird dieses Phänomen „naiver Realismus“ genannt – die vielleicht am meisten unterschätzte Quelle für Konflikt und Misstrauen zwischen Einzelpersonen und Gruppen.

„Wenn andere die Welt anders sehen als wir, dann kann das eine existenzielle Bedrohung für unseren Kontakt mit der Realität darstellen und oft zu Wut und Argwohn führen“, fügt Prof. Lieberman hinzu. „Wenn wir wissen, wie eine Person die Welt wahrnimmt, dann werden ihre nachfolgenden Reaktionen besser vorhersagbar.“

Die Dinge sehen, wie sie sind

Eine Ableitung wie die der lächelnden Person geschieht direkt und ohne Anstrengung. Meist fühlt es sich eher an, als würde man die Realität sehen, obwohl Zufriedenheit ein innerer psychologischer Zustand ist. „Wir denken, dass wir die Dinge so sehen, wie sie sind. Dadurch wird es schwieriger, andere Perspektiven zu würdigen oder überhaupt in Betracht zu ziehen“, führt Prof. Lieberman aus. „Unser Verstand hebt die beste Antwort hervor und ignoriert konkurrierende Lösungen. Der Verstand nimmt die Welt zwar zunächst auf wie eine Demokratie, in der jede alternative Deutung eine Stimme hat, doch er wird schnell zum autoritären Regime, in der eine Auffassungsweise mit eiserner Faust regiert und Widerspruch nicht geduldet wird. Indem der Gestalt-Kortex eine Deutung auswählt, blockiert er buchstäblich andere.“

„Unsere Fähigkeit, eine kohärente Welt unmittelbar zu erfahren, ist das unerwartete Rückgrat eines bedeutungsvollen Lebens“, heißt es in der Arbeit. „Die Welt um uns herum wird nahezu sofort mit Sinn versehen auf eine Art, die sich mühelos anfühlt, kaum beachtet wird und dennoch all unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen beeinflusst.“

Wir sehen unsere Umwelt durch unsere eigene Linse. Vielleicht sollten wir ab und zu die Brille von jemand anderem ausleihen.

Quelle: Cordis - Forschungsergebnisse der EU

Tags:
Forschung, Psychologie, Deutungshoheit, Cordis, Review, closed club, Realismus

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