Jörn Gutbier scheitert als Impfpflichtgegner (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 21.12.2021, 23:27 (vor 155 Tagen)

Er berät Politiker, ob sie wollen oder nicht: Der erste Vorsitzende von Diagnose-Funk gab kürzlich dem Kreistag des Landkreises Böblingen den Befehl, eine geplante Resolution des Gremiums zugunsten einer allgemeinen Impfpflicht abzulehnen. Der 84 Sitze zählende Kreistag aber gab sich widerspenstig und stimmte am 20. Dezember 2021 mit sehr großer Mehrheit bei nur fünf Gegenstimmen (sowie fünf Enthaltungen) für die sofortige Einführung einer allgemeinen Impfpflicht. Was war da los?

Gutbier wandte sich am 18. Dezember 2021 mit einem Leserbrief in der Lokalzeitung "Herrenberger Gäubote" an die Kreisräte. Anlass war ein Antrag von Landrat Roland Bernhard, der Kreisrat möge eine allgemeine Impfpflicht beschließen. Der Diagnose-Funker erkennt darin einen "faktischen Angriff auf unsere Grundwerte einer freien Gesellschaft sowie auf das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit". Weiter ist er der Ansicht: "Ich halte es für eine sehr gefährliche gesellschaftspolitische Überreaktion im Blick auf wieder vollere Intensivstationen, zugespitzt, weil das Personal fehlt, welches nicht gehalten und/oder zusätzlich aufgebaut wurde. Eine Überreaktion, weil die Bundes- und Landespolitiker durch die sie beratenden Fachleute einseitig auf das Impfen als einzigen Weg aus der Krise fokussiert sind und mit dieser Strategie die Zustände in den Krankenhäusern erneut an die Wand gefahren haben."

Meinetwegen, in einem Rechtsstaat darf man eine derartige Meinung unbehelligt öffentlich äußern, auch wenn sie unbelegte Behauptungen enthält. Und eine lautstarke Minderheit macht von diesem Recht bekanntlich auch ausgiebig Gebrauch (Beispiel). Später aber wird Gutbier in seinem Leserbrief konkreter und versteigt sich selbstgewiss auf dieselbe Weise, wie wir es aus seinen Darbietungen zum "Risiko Mobilfunk" kennen. So behauptet er:

[...] Die Ansteckung frühzeitig zu behandeln, wurde wohl beispielsweise in Indien erfolgreich umgesetzt. Unabhängige Wissenschaftler wie die der FLCCC argumentieren, dass es dafür sichere hochwirksame Medikamente gibt. Dass hier zum Beispiel das weithin bekannte Medikament Ivermectin von der FDA, WHO und EMA nicht zur Behandlung von Infizierten empfohlen wird, halte ich für einen Skandal ungeheuren Ausmaßes. Nachvollziehbar wird dies nur, wenn man weiß, dass dieses Mittel nur Centbeträge kostet. [...]

Gutbier konnte nicht wissen, dass Spaßvogel Dieter Nuhr heute in seinem Jahresrückblick einen ersten Hinweis auf den Holzweg geben würde, auf dem Gutbier mit seinem Votum für Ivermectin wandelt. Gemäß Nuhr [ab min. 30:30] ist das Medikament nicht für Menschen gedacht, sondern ein Entwurmungsmittel für Pferde. In Österreich sei es dennoch ausverkauft.

Wer es ernsthafter wissen möchte: Das RKI listet das Mittel in dieser Therapieempfehlung vom 26. November 2021 unter den Substanzen ohne nachgewiesenen Nutzen in der Behandlung von Covid-19. Die Bewertung des RKI lautet:

► Niedriger Evidenzgrad wg. zahlreicher methodischer Limitationen der bisherigen Studien.
► Einsatz zur Therapie oder Prophylaxe nur im Rahmen von kontrollierten klinischen Studien.
► Risiko der schwerwiegenden Toxizität bei unkontrollierter Anwendung.

Mögliche Nebenwirkungen sind: Fieber, Pruritus, Hautödem, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Erbrechen/Übelkeit, Transaminasenerhöhung, asthmatische Anfälle.
Kontraindikation: strenge Indikationsstellung in der Schwangerschaft (im Tierversuch Hinweise auf embryotoxische und teratogene Wirkung).

Wem das noch nicht genügt, hier die Stellungnahme der WHO zu Ivermectin. Auch Wikipedia (englisch) weiß nicht allzuviel über das Medikament zu berichten, was die Euphorie von Gutbier stützen könnte. Ebenfalls nachzulesen in Wikipedia, diesmal aber auf deutsch, ist die Widerlegung von Gutbiers Ausflug nach Indien: "In Indien wurde die im April 2021 herausgegebene Empfehlung, Ivermectin bei mild verlaufenden oder asymptomatischen Fällen kurzfristig einzunehmen,[56] im Juni desselben Jahres wieder zurückgezogen.[57]"

Bei dieser Faktenlage wundert es dann einen schon nicht mehr, dass die von Gutbier ins Spiel gebrachte FLCCC ein Spendensammelverein ist, dessen Mitbegründer Pierre Kory Ivermectin als ein Wundermittel gegen Covid-19 pries.

Bei dieser Faktenlage wundert es weiterhin nicht, dass der Kreistag dem Befehl von Gutbier keine Folge leisten wollte. Befehl schreibe ich, weil der Architekt sich zum Schluss seines Leserbriefes tatsächlich im kategorischen Imperativ an die Kreisräte wendet und diese auffordert:

Der Antrag des Landrats ist abzulehnen.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Leserbrief, Gutbier, Aufmerksamkeit, Impfgegner, Covid-19, Hochmut, FLCCC, Ivermectin

Die Besserwisser aus Stuttgart und ihre Selbstüberschätzung

KlaKla, Mittwoch, 22.12.2021, 11:35 (vor 154 Tagen) @ H. Lamarr

Bei dieser Faktenlage wundert es weiterhin nicht, dass der Kreistag dem Befehl von Gutbier keine Folge leisten wollte. Befehl schreibe ich, weil der Architekt sich zum Schluss seines Leserbriefes tatsächlich im kategorischen Imperativ an die Kreisräte wendet und diese auffordert:

Der Antrag des Landrats ist abzulehnen.

Diese überhebliche Art gehört zum gepflegten Ton dieser Pseudo-Experten. Siehe u.a. das Video von Diagnose:Funk aus dem Jahr 2020, NTP-Studie weist Krebspotential der Mobilfunkstrahlung nach

Dabei geht's ums Gerücht, James C. Lin weißt das Krebspotential der Mobilfunkstrahlung nach. Weltweit bezweifelt niemand die Qualität der NTP-Studie aus der USA. Laut Drucker bestätigen dies auch die Ramazzini-Studie aus Italien und der Athem-Report der AUVA aus Österreich. Er ist überzeugt, alle drei Studien weisen nach, dass Mobilfunkstrahlung Krebs auslösen kann. Angesichts diese Studienlage fordert der Lobbyverein Diagnose:Funk die Bundesregierung auf, sich diesen wissenschaftlichen Fakten zu stellen und die Ergebnisse dieser Studien anzuerkennen. Die Bevölkerung muss über das Krebspotenzial der Handystrahlung aufgeklärt werden. Weiter fordert er, besinnen sie sich auf die Leitlinien des Strahlenschutzes aus dem Jahr 2005. Das BfS soll seine Positionen überdenken und korrigieren. Und die Zusammenarbeit mit der ICNIRP beenden. :tock:

Statt sich auf anerkannte Experten zu verlassen, soll das BfS sich auf Pseudo-Experten verlassen, die glauben durch ein bisschen lesen von Studien diese auch bewerten zu können. Herr lass Hirn regnen.

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Selbstüberschätzung, Geltungsdrang, krebserregend, Besserwisser, James Lin, Plurv, Pseudo-Experte

Jörn Gutbier scheitert als Impfpflichtgegner

Alexander Lerchl @, Mittwoch, 22.12.2021, 20:38 (vor 154 Tagen) @ H. Lamarr

Gibt es einen Link zu diesem Leserbrief von Gutbier?

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"Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Vince Ebert

Jörn Gutbier scheitert als Impfpflichtgegner

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 22.12.2021, 22:06 (vor 154 Tagen) @ Alexander Lerchl

Gibt es einen Link zu diesem Leserbrief von Gutbier?

Ja, gibt es, aber der Link führt hinter eine Bezahlschranke.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Jörn Gutbier vor Wechsel der Partei?

Alexander Lerchl @, Donnerstag, 23.12.2021, 15:34 (vor 153 Tagen) @ H. Lamarr

Ich habe mir den Leserbrief besorgt und bin bestürzt. Andererseits auch wieder nicht, weil der Herr Gutbier beim Mobilfunk ja auch meilenweit von Wissenschaft und Evidenz entfernt ist. Der Ton ist überdies mMn eher bei AfD-Leuten zu hören. Hat er vielleicht die Partei gewechselt? Oder hat er das vor?

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"Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Vince Ebert

Jörn Gutbier vor Wechsel der Partei?

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 23.12.2021, 18:15 (vor 153 Tagen) @ Alexander Lerchl

Hat er vielleicht die Partei gewechselt? Oder hat er das vor?

Bekannt ist davon nichts. Ich könnte mir jedoch denken, dass die ÖDP nach dem bescheidenen jüngsten Wahlergebnis einen neuen durchsetzungsstarken Parteivorsitzenden sucht. Das wäre doch was für ihn, oder? Ein eingefleischter Mobilfunkkritiker an der Spitze von Deutschlands einziger mobilfunkkritischen Partei. Auch die euphorische Öffentlichkeitsarbeit würde nahtlos zusammen passen. Bundesweit hat die ÖDP zuletzt zwar nur 0,2 Prozent der Wahlberechtigten überzeugen können, das hindert deren PR-Abteilung aber nicht, wie heute geschehen, die Kleinpartei in einem Newsletter der Münchener ÖDP zum Peitschenschwinger aufzustrapsen:

Klimaschutz: ÖDP treibt Koalition vor sich her

Und mit einer anderen Titelzeile in demselben Newsletter ...

Agnes Becker kommt!

... ist die ÖDP ebenso wie Diagnose-Funk ein Garant für unfreiwillige Komik. Frau Becker ist stellvertretende Vorsitzende der ÖDP Bayern.

Also, ich meine, da würde vieles zusammen kommen, was prima zusammen passt.

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