Wir üben Desinformieren (3): Mit absoluten Fallzahlen täuschen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 20.12.2020, 22:51 (vor 273 Tagen)

Krankenkassen berichten Jahr für Jahr darüber, dass die Fallzahlen psychischer Erkrankungen hierzulande deutlich wachsen. Einige Mobilfunkgegner nutzen diese Statistiken, um ebenso regelmäßig ihre These vorzutragen, an diesem Zuwachs sei der Mobilfunk schuld. Wobei gemeint ist, Funk würde das Hirn verstrahlen und nicht etwa der reale Fakt, dass ein mit Telefon, E-Mail, Messenger usw. ausgestattetes Smartphone seinen Besitzer tatsächlich nicht zu Ruhe kommen lassen kann.

Tabelle 7 aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der "Die Linke" zu alternden Belegschaften und psychischen Belastungen bei der Arbeit bestätigt eindrucksvoll den geschilderten Sachverhalt, dass psychische Erkrankungen in Deutschland die Anzahl der Fehltage am Arbeisplatz in schwindelerregende Höhen treiben:

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Diese Tabelle 7 besagt, von 2009 bis 2018 nahmen die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischen Störungen und Verhaltensstörungen von 52,4 Mio. AU-Tagen auf 111,8 Mio. AU-Tage zu. Da wir Desinformation streuen wollen, verbreiten wir diese Zahlen auf unseren Websites und in unseren Newslettern, reden alarmierend von mehr als einer Verdopplung der AU-Tage und behaupten, an dieser Entwicklung sei höchstwahrscheinlich XXXXXX schuld (hier gewünschten Verursacher eintragen). Jede Wette: Vorbei streunende Orks werden unsere Meldung mit Kusshand aufgreifen und weiter in Umlauf bringen.

Was wir nicht machen dürfen: Die komplette Originaltabelle veröffentlichen. Denn diese weist noch eine weitere Spalte auf, die den Anteil psychischer Diagnosen an der Anzahl aller Diagnosen nennt und so aussieht:

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Die Spalte rechts müssen wir verschwinden lassen. Denn sie zeigt a), dass im Gegensatz zu den Fallzahlen der Anteil der P-Diagnosen an den Diagnosen aller Diagnosegruppen sich keineswegs verdoppelt hat, was für uns schlecht ist, und b), dass der Anteil der P-Diagnosen ab 2016 einer Trendumkehr unterliegt und nicht weiter steigt, sondern wieder leicht zurückgeht, was wie überhaupt nicht gebrauchen können.

Ein Link auf die Originalquelle ist deshalb tabu. Auch deshalb, weil Neugierige dort auf Seite 56 folgenden Text lesen könnten, was für unsere Zwecke kontraproduktiv wäre:

In den jährlichen Berichten zum Stand von „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ werden Statistiken über Arbeitsunfähigkeit dargestellt. Dabei muss berücksichtigt werden, dass es über die hier dargestellte Zeitreihe hinweg nicht durchgängig die gleichen Krankenkassen sind, die Daten beisteuern (genaueres ist in den Berichten der jeweiligen Jahre unter www.baua.de/suga zu finden).

Zudem gibt es eine Vielzahl von Einflussfaktoren auf das Arbeitsunfähigkeitsgeschehen, die hier unberücksichtigt bleiben, z. B. zeitliche begrenzte Erkrankungswellen, durch Wetter bedingte höhere Anzahl an Erkältungen, konjunkturelle Entwicklungen mit tendenziell weniger Krankmeldungen bei wirtschaftlich angespannter Lage etc.

Sowohl die absolute Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund von Psychischen und Verhaltensstörungen als auch der prozentuale Anteil am Erkrankungsgeschehen insgesamt ist von 2009 auf 2016 deutlich gestiegen (vgl. Tabelle 7). Während die absolute Zahl 2017 etwas niedriger liegt, 2018 aber wieder geringfügig weiter gestiegen ist, ist prozentual ab 2016 ein leichter Rückgang zu verzeichnen.

Der in den Arbeitsunfähigkeitsdaten sichtbare Anstieg der psychischen Erkrankungen zeigt sich nicht in gleichem Ausmaß in Bevölkerungsstudien und den daraus abgeleiteten Bevölkerungsprävalenzen. Expertinnen und Experten (vgl. Robert-Koch-Institut, 2015, S. 112) führen an, dass der Anstieg auch auf eine höhere Aufmerksamkeit für diese Erkrankungen und eine Veränderung des ärztlichen Verhaltens im Umgang mit Diagnosen (und Krankschreibungen) verbunden ist.

Damit niemand auf falsche Gedanken kommt, empfiehlt es sich grundsätzlich, Links zur Originalquelle zu vermeiden oder, was fast noch besser ist, die Quelle lückenhaft oder leicht verfälscht zu nennen. Damit stehen wir bei desinteressierten unkritischen Lesern gut da, und die Wenigen, die tatsächlich nachforschen wollen, verheddern sich auf ihrer Suche nach der Quelle in den Maschen des www.

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Wir üben Desinformieren (2): MwSt vs Geburtenrate

H. Lamarr @, München, Samstag, 02.01.2021, 00:47 (vor 261 Tagen) @ H. Lamarr

Im Streitgespräch mit Eva Herman behauptet 2007 Senta Berger in dem Video unten ab Minute 6:19, es werde kein Kind mehr gezeugt, wenn die Mehrwertsteuer runter geht.

Rund 13 Jahre später hat Corona dazu verholfen, Senta Bergers Behauptung der Nagelprobe unterziehen zu können, denn am 1. Juli 2020 wurde in Deutschland die Mehrwertsteuer vorübergehend bis zum 1. Januar 2021 gesenkt. Wir müssen also nur schauen, wie sich die Geburtenrate vom 29. März 2021 (neun Monate nach Senkung der MwSt) bis 1. Oktober 2021 entwickelt. Bleibt sie gleich oder fällt sie weiter geht der Punkt an Senta, steigt sie, geht er an Eva.

Schön wär's, wäre es so schön einfach, denn der Einfluss der Corona-Einschränkungen auf die Geburtenrate müsste dazu selbstredend herausgerechnet werden. Nur wie könnte das gehen? Immer diese lästigen Fakten, die alles so kompliziert machen. Gut dass es Populisten gibt, die uns mit lästigen Fakten verschonen :-).

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Wir üben Desinformieren (1): Staat anerkennt "Elektrosensible"

H. Lamarr @, München, Samstag, 09.01.2021, 02:29 (vor 254 Tagen) @ H. Lamarr

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) verkündet im Ressortforschungsplan 2021 nebenbei eine kleine Sensation, indem es verlauten lässt:

Das Phänomen der erhöhten Strahlensensibilität bei mehr als einem Prozent der Bevölkerung muss verstanden werden, um es anschließend sachgerecht in Vorschriften berücksichtigen zu können.

Das BMU bestätigt damit – im Gegensatz zum BfS – die Existenz von ungefähr 1 Mio. "Elektrosensiblen" in Deutschland und deren Bedürfnis nach Rechtssicherheit. Möchte man meinen, spürte man obiges unverfälscht wiedergegebenes Zitat in einer der bei Mobilfunkgegnern so beliebten "Zitatensammlungen" auf.

Der Schein aber trügt. Dazu musste ich das Zitat nicht einmal verfälschen, wie dies in einer bekannten Zitatsammlung über angebliche Elektrosmogrisiken nicht selten vorkommt. Nein, es genügte schon, das Zitat aus dem Zusammenhang so zu lösen wie das Bein eines Brathuhns. Erst im Kontext wird klar: Besagte Strahlensensibilität bezieht sich nicht auf "Elektrosensible", sondern auf Personen, die gegenüber ionisierender Strahlung empfindlicher sind als der Durchschnitt. Damit Sie sich selbst überzeugen können, hier noch einmal das Zitat, diesmal aber im Kontext der Strahlenbiologie:

[...] Gegenstand der Forschungsvorhaben in diesem Bereich sind einerseits die Untersuchung biologischer Effekte der ionisierenden Strahlung, andererseits aber auch das Verständnis der Wirkung ionisierender Strahlung auf zellulärer wie auf molekularer Ebene. Das Phänomen der erhöhten Strahlensensibilität bei mehr als einem Prozent der Bevölkerung muss verstanden werden, um es anschließend sachgerecht in Vorschriften berücksichtigen zu können. Dazu sind umfangreiche Studien in Kombination mit neuesten molekulargenetischen Analysen notwendig. [...]

Wer also mit Zitaten von Autoritäten erfolgreich desinformieren möchte, sollte sich hüten, die Quelle so genau zu benennen, dass misstrauische Zielobjekte der Desinformation diese mühelos finden können. Es verbietet sich deshalb, bibliografische Angaben zu machen oder gar einen Link zur Quelle zu nennen. Stattdessen empfiehlt es sich, den Ursprung eines sinnentstellten Zitas möglichst nebulös (aber bitte noch glaubhaft) zu umschreiben. Bewährt hat sich auch die Irreführung, für das Datum, an dem das Zitat der Wahl gesprochen oder geschrieben wurde, eine falsche Jahreszahl zu nennen.

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