Günstiger WiFi-6-Router mit "Wall-Penetration-Mode" (Technik)

H. Lamarr @, München, Montag, 14.09.2020, 13:40 (vor 1368 Tagen)

Mit dem Modell AX1800 hat Xiaomi einen äußerst günstigen WiFi-6-Router herausgebracht. Einem ersten Testbericht zufolge beherrscht der Router Beamforming, das mutmaßlich tragende Säule des im Testbericht angesprochenen "Wall-Penetration-Modes" ist. "Elektrosensible" werden von der speziellen Wanddurchdringung des AX1800 allerdings wenig entzückt sein. Aber: Wie soll das Beamforming funktionieren, hat der Router doch nur zwei Antennen? Wenn überhaupt, ist damit nur ein sehr begrenztes Beamforming technisch möglich. Also Anfrage an Xiaomi raus und schon einen Tag später flatterte mir die erhellende Antwort ins Haus: Der AX1800-WiFi-Router nutzt für den Wall-Penetration Mode kein Beamforming, sondern 100 Prozent Sendeleistung. Also gar kein Grund für Unruhe unter "Elektrosensiblen", der günstige Router würde nun massenhaft mit trickreicher Technik Wände besser durchdringen als andere Router. Xiaomi könnte theoretisch sogar damit werben, der AX1800 sei, weil frei von wanddurchdringendem Beamforming, "von Elektrosensiblen empfohlen" :-).

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Beamforming, WiFi-6-Router, Testbericht

Günstiger WiFi-6-Router mit "Wall-Penetration-Mode"

Kuddel, Dienstag, 15.09.2020, 20:02 (vor 1366 Tagen) @ H. Lamarr
bearbeitet von Kuddel, Dienstag, 15.09.2020, 20:57

"Beam Forming" bei WLAN bringt nur in Amerika einen Reichweitenvorteil
In Europa hingegen nicht.
Das verschweigt die Werbung natürlich und selbst "Fachzeitschriften" fallen auf die nur für Amerika geltenden- und unreflektiert für Europa übernommenen- Werbeaussagen rein.
Der einzig verbleibende Vorteil hierzulande etwas geringere Interferenz zu Nachbarnetzwerken auf demselben Kanal. Der Effekt ist bei 2 und 4 Antennen-Routern aber so gering, dass er sich nur unter Zuhilfenahme statistischer Mittelung einer größeren Anzahl von Vergleichs-Messungen nachweisen läßt.

Das Gleiche gilt übrigens für "MU-MIMO". Es funktioniert nur in den USA und das auch nur unter optimalen Bedingungen, die mit der Anwendungspraxis nichts mehr zu tun haben.
Damit es nämlich funkioniert, muss die WLAN Basisstation in der Mitte des Raumes stehen, und die Mobiltelefone (WLAN) gleichverteilt-kreisförmig drum-herum .
Also schonmal einen Sockel mit Stromanschluss in die Mitte des Wohnzimmers setzen:yes:
Wenn dann 4 Teilnehmer, alle mit dem gleichen Telefon-Modell, dann absolut synchron Daten herunterladen, dann, aber auch nur dann, kann die Basisstation eventuell die 2-fache Datenrate erreichen (hurra !!) , aber auch nur wenn sich keiner dabei bewegt...(kein Witz).
In den Demonstrationen der Hersteller werden die Telefone deswegen auf kleinen Tischchen abgelegt und die Benutzer ziehen sich während der Messung 1..2 Meter zurück. :wink:

In Europa geht nichtmal das. Man kann getrost ein Ei drauf pellen. Ich finde es immer wieder amüsant, wie Autoren solcher Artikel dann so lange im statistischen Rauschen herumstochern, bis sie glauben, tatsächlich eine positive Wirkung gefunden zu haben.

Erinnert mich an gewisse Mobilfunkstudien ;-)

K

W-Lan-Beamforming: USA vs. EU

H. Lamarr @, München, Dienstag, 15.09.2020, 22:14 (vor 1366 Tagen) @ Kuddel

"Beam Forming" bei WLAN bringt nur in Amerika einen Reichweitenvorteil
In Europa hingegen nicht.

Ich komm nicht drauf, was W-Lan in den USA von dem in Europa so unterscheidet, dass Beamforming bei uns nichts bringt. Beim noch immer gängigen 2,4-GHz-W-Lan (802.11g/n) ist in den USA zwar eine 10-Mal höhere Strahlungsleistung zulässig (1000 mW), das aber dürfte eher nicht der Grund sein, oder doch?

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W-Lan-Beamforming: USA vs. EU

Kuddel, Mittwoch, 16.09.2020, 22:54 (vor 1365 Tagen) @ H. Lamarr
bearbeitet von Kuddel, Mittwoch, 16.09.2020, 23:47

Ich komm nicht drauf, was W-Lan in den USA von dem in Europa so unterscheidet, dass Beamforming bei uns nichts bringt.

:wink:
Kleiner Tipp

Es hat keine technischen Gründe, sondern Regulatorische.

...ist in den USA zwar eine 10-Mal höhere Strahlungsleistung zulässig (1000 mW), das aber dürfte eher nicht der Grund sein, oder doch?

Nicht ganz, aber schon nahe dran.
Da ist ein klitzekleiner, aber hier nicht unbedeutender Fehler in ihrer Annahme: "Strahlungsleistung zulässig (1000mW) " ....

Wie ist die WLAN Leistungsgrenze von der FCC in den USA definiert (Maßeinheit), wie ist die WLAN-Leistungsgrenze in Europa definiert (Maßeinheit)?

Welche Auswirkung hat Beam Forming auf diese entsprechenden Leistungsgrenzen ?

Naaaa ??

K

W-Lan-Beamforming: USA vs. EU

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 17.09.2020, 13:07 (vor 1365 Tagen) @ Kuddel

Es hat keine technischen Gründe, sondern Regulatorische.

Ich ahne, worauf Sie hinaus wollen, die Funkgeräterichtlinie 2014/53/EU hat allerdings 45 Seiten, die nicht unbedingt leichtverständlich sind. Werde tapfer weiter drin herumstochern ...

...ist in den USA zwar eine 10-Mal höhere Strahlungsleistung zulässig (1000 mW), das aber dürfte eher nicht der Grund sein, oder doch?

Nicht ganz, aber schon nahe dran.
Da ist ein klitzekleiner, aber hier nicht unbedeutender Fehler in ihrer Annahme: "Strahlungsleistung zulässig (1000mW) " ....

Wie ist die WLAN Leistungsgrenze von der FCC in den USA definiert (Maßeinheit), wie ist die WLAN-Leistungsgrenze in Europa definiert (Maßeinheit)?

Auch da muss ich noch stochern, vermute aber, dass die FCC großzügiger mit befristeten Grenzwertüberschreitungen umgeht als die Europäer. Auch die Definition der Strahlungsleistung könnte anders geregelt sein, mal ERP und mal EIRP, das macht immerhin schon Faktor 1,64 Unterschied aus. Dies wäre aber echt fies, es fällt kaum auf und stiftet (mMn unnötig) Verwirrung bei der Vergleichbarkeit der Grenzwerte.

Welche Auswirkung hat Beam Forming auf diese entsprechenden Leistungsgrenzen ?

Das dürfte klar sein: Beamforming kratzt infolge starker Richtwirkung bei gleichbleibender Sendeleistung mit höherer Strahlungsleistung an den Grenzwerten oder überschreitet diese sogar. Die 5G-Netzbetreiber in der Schweiz können in Bezug auf die strengen Anlagegrenzwerte ein Lied davon singen.

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W-Lan-Beamforming: USA vs. EU

Kuddel, Donnerstag, 17.09.2020, 21:07 (vor 1364 Tagen) @ H. Lamarr
bearbeitet von Kuddel, Donnerstag, 17.09.2020, 22:32

Nun gut, ich will Sie mal nicht weiter zappeln lassen :wink:

In den USA basiert das Leistungslimit in den für WLAN freigegebenen ISM Bändern auf "conducted power" von 1 Watt mit einer Freigrenze von 6dB bezüglich Antennengewinn.
Erst wenn der Gewinn des Antennensystems 6dB übersteigt, muss die Leistung gedrosselt werden.

Das entspricht faktisch einem EIRP Limit von 36dBm (4 Watt EIRP)
Da die wenigsten Konsumer-Geräte diese großzügigen Limits knacken, läßt sich mit Beam-Forming noch ein Schippchen drauflegen, um die 4 Watt Grenze voll auszureizen.

In Europa basiert das Limit in den freigegebenen Bändern rein auf "EIRP"
Das viel niedrigere EIRP limit wird schon von "günstigen" Geräten ohne Beam Forming voll ausgeschöpft.

Beam-Forming könnte also theoretisch die EIRP verbessern, aber es "darf" nicht.
Die Prüfvorschriften verlangen, dass die Sendeleistung so anzupassen ist, dass die EIRP Grenze nicht überschritten wird.

Somit bleibt faktisch die EIRP immer gleich, ob mit- oder ohne Beam Forming.
Da sich die EIRP nicht erhöht, verbessert sich auch die Reichweite nicht.

Oder anderes ausgedrückt:
Faktisch *darf* sich die Reichweite gar nicht verbessern.
Wenn sie es doch tut, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Regelkonform.

Resultat:
Beam-Forming und MU-MIMO bei WLAN-Geräten funktioniert - so wie von der Industrie beworben -...nur in den USA , aber nicht in Europa...es sei denn.. "oops"...das steht ja auf "US" statt auf "DE"....habe ich garnicht gemerkt....

Die Strahlenfürchter können also beruhigt sein, was die vermeindlichen WLAN- "Wand-Penetratoren" mit den vielen Antennen betrifft.

Unsere Regulierung hat den Penetratoren gewissermaßen einen Keuschheitsgürtel aufgezwungen.

Sie sehen nur gruslig aus, aber "strahlen" (bei uns in Europa) nicht mehr, als ältere Geräte.

:wink: Schafe im Wolfspelz :wink:

Natürlich gibt es vereinzelt auch schwarze Schafe und Hirten welche durch illegale Eingriffe schwarze Schafe züchten.

Und wenn die Geräte in den USA "sicher" sind (bei 4 Watt EIRP ) , dann bei uns in Europa erst recht.
(0,1 Watt EIRP bei 2,4GHz bzw 1 Watt EIRP bei 5GHz)


K

W-Lan-Beamforming: USA vs. EU

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 17.09.2020, 22:37 (vor 1364 Tagen) @ Kuddel

Nun gut, ich will Sie mal nicht weiter zappeln lassen :wink:

:danke: Das haben Sie so schön erklärt, das verstehe sogar ich :-)!

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