Oberlandesgericht Hamburg zu REFLEX: klare Entscheidung (Allgemein)

Alexander Lerchl @, Mittwoch, 05.08.2020, 21:02 (vor 442 Tagen)

Die REFLEX-Studien der Wiener Arbeitsgruppe um Hugo Rüdiger sind ja seit mindestens 2008 Fälschungsvorwürfen ausgesetzt, das ist nicht neu und auch nicht berichtenswert. Der Koordinator der Studien, Franz Adlkofer, wehrt sich mit Händen und Füßen gegen diese Vorwürfe, der Grund ist mir immer noch nicht ganz klar, wenngleich frappierende Ähnlichkeiten des Verhaltens mit einem gewissenlosen Präsidenten nicht von der Hand zu weisen sind [Eingriff Admin: Die vom Autor des Postings in diesem Absatz hinterlegten beiden Links wurden wegen der Auflagen, die für das IZgMF aus dem Rechtsstreit IZgMF vs. Franz Adlkofer (2010) resultieren, am 6. August 2020, 00:10 Uhr, vorsorglich entfernt].

Die Süddeutsche Zeitung (SZ), bekannt für sehr gut recherchierte Berichte, hatte vor Jahren geschrieben, dass die REFLEX-Studien "so" (und auf dieses Wort kommt es an!) nicht reproduziert werden konnten, was ebenfalls, jedenfalls bei Wissenschaftlern, hinreichend bekannt ist. Nur Adlkofer fand das nicht akzeptabel und klagte.

2012 entschied das Landgericht Hamburg gegen die SZ, diese ging in Berufung. Das Ergebnis hat Adlkofer selbst so kommentiert:

Die SZ wurde 2012 vom Landgericht Hamburg auf Unterlassung verurteilt. Über die von ihr eingelegte Berufung wurde sieben Jahre später, im April 2019, entschieden. Das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg hob aus nicht nachvollziehbaren Gründen das Urteil des Landgerichts auf und entschied erstaunlicherweise zu Gunsten der SZ. Das letzte Wort in der Angelegenheit wird der Bundesgerichtshof haben.

Das letzte Wort übrigens nur wegen der Nichtzulassung der Revision: "Gründe für die Zulassung der Revision liegen nicht vor. Dem vorliegenden Rechtsstreit kommt weder grundsätzliche Bedeutung (§ 543 Abs. 2 Nr. 1 ZPO) zu, noch erfordern die Fortbildung des Rechts oder die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des Revisionsgerichts (§ 543 Abs. 2 Nr. 2 ZPO)."

Na ja, "aus nicht nachvollziehbaren Gründen" (Adlkofer) sieht anders aus. Das OLG hat in der Urteilsbegründung eine wunderbare und vollkommen zutreffende logische Kette formuliert:

"Auch der Kläger behauptet nicht, dass die konkreten Ergebnisse in anderen Labors hätten reproduziert werden können, sein Vortrag ist vielmehr, die Ergebnisse der „R. ...-Studie“ seien richtig. Der Kläger behauptet, Ergebnisse, die auf ein genschädigendes Potential elektromagnetischer Felder hinweisen, seien inzwischen in zahlreichen Untersuchungen unter Verwendung verschiedener Methoden erhalten worden. Ausschlaggebend sei aus Sicht des Klägers allein, dass die in der „R. ...-Studie“ beobachtete genschädigende Wirkung im Grundsatz bestätigt worden sei. Wenn es aber nach Klägervortrag bisher nur untaugliche Versuche gebe, die R. ...-Studien zu wiederholen, weil etwa abweichendes Zellmaterial verwendet worden sei, so ist prozessual unstreitig, dass die Ergebnisse „so“ „von anderen Labors“ bisher nicht „reproduziert“ worden sind und dass es keine Studie gibt, die identische Methodik und Ergebnisse aufweise. Soweit der Kläger meint, es komme nicht darauf an, ob die „R. ...-Studie“ in allen Einzelheiten reproduziert worden sei, so folgt der Senat dem nicht. Denn die Äußerung in der Berichterstattung ist nach Auffassung des Senates nur in diesem Sinne zu verstehen."

q.e.d.

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"Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Vince Ebert

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Reflex, Querulant, SZ, Ex-Tabaklobbyist, Hamburg, Landgericht, Deutungshoheit

BGH-Urteil zu REFLEX: Bitte warten, bitte warten ...

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 06.08.2020, 01:13 (vor 442 Tagen) @ Alexander Lerchl

Die SZ wurde 2012 vom Landgericht Hamburg auf Unterlassung verurteilt. Über die von ihr eingelegte Berufung wurde sieben Jahre später, im April 2019, entschieden. Das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg hob aus nicht nachvollziehbaren Gründen das Urteil des Landgerichts auf und entschied erstaunlicherweise zu Gunsten der SZ. Das letzte Wort in der Angelegenheit wird der Bundesgerichtshof haben.

Was ist denn nun aus der Klage vor dem BGH geworden? Hätte Franz Adlkofer obsiegt, wüsste die Welt davon unverzüglich. Davon aber ist nichts bekannt.

Ich habe deshalb am BGH soeben nach einer Entscheidung in der besagten Angelegenheit gesucht, bin aber leer ausgegangen. Dafür gibt es drei Erklärungen:

1. Der Fall wird noch verhandelt, das Urteil steht noch aus.
2. Der Fall wurde ohne Begründung nicht zur Verhandlung angenommen.
3. Der Fall wurde vom BGH ohne Begründung verworfen.

Die Varianten 2 und 3 werden von Franz Adlkofer medial mutmaßlich eher diskret behandelt.

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BGH zu REFLEX (Adlkofer ./. SZ): Fall wurde nicht angenommen

Alexander Lerchl @, Freitag, 09.10.2020, 20:12 (vor 377 Tagen) @ H. Lamarr

Die SZ wurde 2012 vom Landgericht Hamburg auf Unterlassung verurteilt. Über die von ihr eingelegte Berufung wurde sieben Jahre später, im April 2019, entschieden. Das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg hob aus nicht nachvollziehbaren Gründen das Urteil des Landgerichts auf und entschied erstaunlicherweise zu Gunsten der SZ. Das letzte Wort in der Angelegenheit wird der Bundesgerichtshof haben.

Was ist denn nun aus der Klage vor dem BGH geworden? Hätte Franz Adlkofer obsiegt, wüsste die Welt davon unverzüglich. Davon aber ist nichts bekannt.

Ich habe deshalb am BGH soeben nach einer Entscheidung in der besagten Angelegenheit gesucht, bin aber leer ausgegangen. Dafür gibt es drei Erklärungen:

1. Der Fall wird noch verhandelt, das Urteil steht noch aus.
2. Der Fall wurde ohne Begründung nicht zur Verhandlung angenommen.
3. Der Fall wurde vom BGH ohne Begründung verworfen.

Die Varianten 2 und 3 werden von Franz Adlkofer medial mutmaßlich eher diskret behandelt.

Nein, Variante 2 wurde von Adlkofer selbst in seinem angeblich letzten Interview dieser Art verkündet (ab Minute 31). Der BGH hat den Fall nicht zur Entscheidung angenommen.

Das war es dann wohl.

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Blick zurück im Zorn: Adlkofer hadert mit deutscher Justiz

H. Lamarr @, München, Dienstag, 13.10.2020, 21:53 (vor 373 Tagen) @ Alexander Lerchl

Solange er vor Gericht die Oberhand behielt, waren von Franz Adlkofer keine Klagen über die deutsche Justiz zu hören. Doch kaum unterliegt der Ex-Tabaklobbyist im Rechtsstreit mit der Süddeutschen Zeitung in zweiter Instanz, hadert er tränenreich mit dem Rechtsstaat und fragt am 12. Oktober 2020 bestürzt: Endet die deutsche Rechtsstaatlichkeit dort, wo die Interessen von Politik und Mobilfunkindustrie betroffen sind?

Wortreich windet sich Adlkofer um das Zwei-Buchstaben-Wörtchen "so", das aus seiner Sicht eine ganz andere Bedeutung hat als die, welche vom Rest der Menschheit, darunter das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg, als gegeben angesehen wird. Zur Erinnerung: Es geht um die Frage, ob Ergebnisse der umstrittenen Reflex-Studie so und nicht anders repliziert werden konnten oder nicht. Das OLG Hamburg stellte dazu in seiner Urteilsbegründung fest:

[...] Auch der Kläger behauptet nicht, dass die konkreten Ergebnisse in anderen Labors hätten reproduziert werden können, sein Vortrag ist vielmehr, die Ergebnisse der „R. ...-Studie“ seien richtig. Der Kläger behauptet, Ergebnisse, die auf ein genschädigendes Potential elektromagnetischer Felder hinweisen, seien inzwischen in zahlreichen Untersuchungen unter Verwendung verschiedener Methoden erhalten worden. Ausschlaggebend sei aus Sicht des Klägers allein, dass die in der „R. ...-Studie“ beobachtete genschädigende Wirkung im Grundsatz bestätigt worden sei. Wenn es aber nach Klägervortrag bisher nur untaugliche Versuche gebe, die R. ...-Studien zu wiederholen, weil etwa abweichendes Zellmaterial verwendet worden sei, so ist prozessual unstreitig, dass die Ergebnisse „so“ „von anderen Labors“ bisher nicht „reproduziert“ worden sind und dass es keine Studie gibt, die identische Methodik und Ergebnisse aufweise. Soweit der Kläger meint, es komme nicht darauf an, ob die „R. ...-Studie“ in allen Einzelheiten reproduziert worden sei, so folgt der Senat dem nicht. Denn die Äußerung in der Berichterstattung ist nach Auffassung des Senates nur in diesem Sinne zu verstehen. [...]

Die Ausführungen des Gerichts sind klar und deutlich. Doch Adlkofer wäre nicht Adlkofer, versuchte er nicht an der Redlichkeit des OLG Zweifel zu wecken und den Sachverhalt in ein anderes Licht zu rücken. So widerspricht er der Darstellung des OLG mit der überraschenden Behauptung ...

[...] Schon in der Klageschrift und erneut bei der Verhandlung vor dem Oberlandesgericht hat er vorgetragen, dass die gentoxische Wirkung der Mobilfunkstrahlung nicht nur unter Verwendung unterschiedlicher Methoden, sondern auch bei Verwendung der gleichen Methode wie in der REFLEX-Studie bestätigt worden ist. Für Letzteres hat er sogar den Beweis eines Sachverständigen angeboten. [...]

Doch die Sache hat einen Haken: Adlkofer versucht in seinem jüngsten Klagelied nicht einmal, seine Behauptung mit Fakten zu stützen. Dabei wäre es für ihn doch ein Leichtes gewesen, ordentliche bibliografische Angaben zu den Studien vorzulegen, die (angeblich) nicht nur die Ergebnisse der Reflex-Studie erfolgreich replizieren konnten, sondern denen dieses Kunststück auch noch mit der Methodik des Originals gelang. Dann könnte jeder selbst nachprüfen, ganz ohne Sachverständigen, ob Adlkofers Behauptung stimmt oder er die Wahrheit nur zurecht gebogen hat. Warum der ehemalige Reflex-Koordinator die Studien der 1:1-Replikationen nicht preisgibt ist rätselhaft, denn mit seiner Beteuerung oben erweckt er den Eindruck, die Preisgabe hätte bereits in der Klageschrift und während der Verhandlung stattgefunden. Möglicherweise hat mich Adlkofer mit seiner Beteuerung aber auch nur aufs Glatteis geführt und er hat dem OLG gar keine Studien mit 1:1-Replikationen präsentiert, sondern dem Gericht nur einen Sachverständigen angeboten, – vielleicht einen Prof. der MUW :-), der den Richtern hätte erklären sollen, es gäbe solche Studien wie von Adlkofer behauptet.

Ein 1:1-Replikationsversuch der Berliner "Reflex"-Studie wurde 2013 am Original-Schauplatz (Charité, Berlin) durchgeführt. Mit dabei waren zwei Mitglieder der Arbeitsgruppe, die um 2002 herum für die Originalarbeit an der Charité verantwortlich war. Besser kann ein 1:1-Replikationsversuch kaum sein. Und dennoch konnten keine der im "Reflex"-Abschlussbericht gezeigten Effekte (DNA-Strangbrüche, Mikrokerne) reproduziert werden.

Hintergrund
Forschergruppe schraubt Sargdeckel auf Wiener "Reflex"-Studie

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Klage, Game over, Wissenschaftliches Fehlverhalten, Aktenzeichen, Replikation, SZ, Ex-Tabaklobbyist, Hamburg, OLG

OLG pulverisiert: "Ergebnisse der 'Reflex'-Studie sind richtig"

H. Lamarr @, München, Sonntag, 04.04.2021, 18:55 (vor 200 Tagen) @ H. Lamarr

Warum der ehemalige Reflex-Koordinator die Studien der 1:1-Replikationen nicht preisgibt ist rätselhaft, denn mit seiner Beteuerung oben erweckt er den Eindruck, die Preisgabe hätte bereits in der Klageschrift und während der Verhandlung stattgefunden. Möglicherweise hat mich Adlkofer mit seiner Beteuerung aber auch nur aufs Glatteis geführt und er hat dem OLG gar keine Studien mit 1:1-Replikationen präsentiert, sondern dem Gericht nur einen Sachverständigen angeboten, – vielleicht einen Prof. der MUW :-), der den Richtern hätte erklären sollen, es gäbe solche Studien wie von Adlkofer behauptet.

Meine Mutmaßung trifft tatsächlich zu. Denn im Urteil des OLG heißt es:

[...] Auch der Kläger [Adlkofer; Anm. Postingautor] behauptet nicht, dass die konkreten Ergebnisse in anderen Labors hätten reproduziert werden können, sein Vortrag ist vielmehr, die Ergebnisse der „R. ...-Studie“ seien richtig. Der Kläger behauptet, Ergebnisse, die auf ein genschädigendes Potential elektromagnetischer Felder hinweisen, seien inzwischen in zahlreichen Untersuchungen unter Verwendung verschiedener Methoden erhalten worden. Ausschlaggebend sei aus Sicht des Klägers allein, dass die in der „R. ...-Studie“ beobachtete genschädigende Wirkung im Grundsatz bestätigt worden sei. Wenn es aber nach Klägervortrag bisher nur untaugliche Versuche gebe, die R. ...-Studien zu wiederholen, weil etwa abweichendes Zellmaterial verwendet worden sei, so ist prozessual unstreitig, dass die Ergebnisse „so“ „von anderen Labors“ bisher nicht „reproduziert“ worden sind und dass es keine Studie gibt, die identische Methodik und Ergebnisse aufweise. Soweit der Kläger meint, es komme nicht darauf an, ob die „R. ...-Studie“ in allen Einzelheiten reproduziert worden sei, so folgt der Senat dem nicht. Denn die Äußerung in der Berichterstattung ist nach Auffassung des Senates nur in diesem Sinne zu verstehen. [...]

Adlkofers Einschätzung, die Ergebnisse der „R. ...-Studie“ seien richtig, wird 2021 von Diagnose-Funk kolportiert und zum Anlass genommen, sich mit albernen Forderungen lächerlich zu machen. Aus meiner Sicht zeigte Adlkofer mit dem Wort "richtig" wieder einmal sein großes Können als Lobbyist. Denn Hinz und Kunz und möglicherweise auch die Diagnose-Funker erkennen nicht die Falle, die sich vor ihnen auftut. Durchschnittsleser, so behaupte ich, interpretieren im Kontext das Wort "richtig" dahingehend, die "Reflex"-Studie sei zutreffend, ihre Ergebnisse hätten Beweiskraft. Adlkofer könnte dagegen behaupten: Nein, das wollte ich damit nicht sagen, sondern nur zum Ausdruck bringen, die "Reflex"-Studie sei nicht gefälscht. Dass eine nicht gefälschte Studie richtig ist, lässt sich kaum bestreiten, das Prädikat "richtig" gibt jedoch keine Auskunft, ob eine Studie qualitativ gut oder schlecht ist.

Das jüngste Urteil des OLG Bremen erteilt Adlkofers Interpretation nachträglich sogar juristischen Segen, indem es Lerchl verbot zu behaupten, die "Reflex"-Studie sei gefälscht. Ein Pyrrhussieg für Adlkofer, denn zugleich ließ das OLG Bremen unter Verweis auf ein Gutachten erkennen, dass es die "Reflex"-Studien zwar nicht für gefälscht, jedoch für fehlerbehaftet hält, also von schlechter Qualität. Damit ist zum großen Ärger von Adlkofer und Diagnose-Funk die Fehlinterpretation, die "Reflex"-Studie sei zutreffend, ihre Ergebnisse hätten Beweiskraft, durch das OLG-Urteil pulverisiert worden.

Was sich die beiden Verbündeten ausgedacht haben, um aus der Klemme zu kommen, das ist an dieser Stelle unseres Irrgartens beschrieben.

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Reflex, Wissenschaftliches Fehlverhalten, Irreführung, Reflex-Koordinator, Replikation, Landgericht, Bremen, OLG, Pyrrhussieg

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