Die Verantwortungslosigkeit von wissenschaftlichen Verlagen (I) (Allgemein)

Alexander Lerchl @, Mittwoch, 09.10.2019, 23:09 (vor 34 Tagen)

Die Story ist Insidern hinlänglich bekannt. 2005 und 2008 erschienen Publikationen aus einem Labor der Medizinischen Universität Wien, die angeblich zeigten, dass elektromagnetische Felder des Mobilfunks die Erbsubstanz DNA zerstören können. Skepsis allenthalben, da die Quantenenergie bei diesen Frequenzen um den Faktor 100.000 bis 1.000.000 zu gering ist, um solche Effekte schon rein theoretisch zu verursachen. Statistische Überlegungen zeigten zudem, dass die Ergebnisse in einem absurden Maß zu schön waren, um wahr sein zu können. Reproduziert werden konnten die Ergebnisse auch nicht.

In dem Jahr (2008) wurde den Herausgebern bekannt, dass der Verblindungscode der Expositionsapparatur, ein Qualitätsmerkmal der REFLEX-Studien, einfachst geknackt werden konnte, das stand nämlich in der Bedienungsanleitung der Apparatur, hergestellt von der Arbeitsgruppe Niels Kuster (das wurde von Wolf 2008 veröffentlicht).

Alles in allem eine Gemengelage, die zum Nachdenken anregen konnte, zumal es nicht um Petitessen ging. Die Herausgeber Drexler und Schaller dachten tatsächlich nach, das Ergebnis war zunächst auch niederschmetternd:

The editors of IAOEH wish to express their doubts about the results reported in the paper by Schwarz et al. (2008) in this EXPRESSION OF CONCERN and to apologize to the readers of IAOEH for publishing this paper. It was unfortunate that they did not learn of the contents of Wolf’s manuscript (published online on 31st July 2008) until 12th August 2008.

Übersetzt: Die Redakteure der IAOEH möchten ihre Zweifel an den in der Arbeit von Schwarz et al. (2008) in diesem Expression of Concern äußern und sich bei den Lesern der IAOEH für die Veröffentlichung dieser Arbeit entschuldigen. Leider erfuhren sie erst am 12. August 2008 von den Inhalten von Wolfs Manuskript (online veröffentlicht am 31. Juli 2008).

Allerdings: Sie zogen die Publikation nicht zurück, was sie zweifelsfrei hätten tun müssen, wenn sie den entsprechenden Standards des Verlags Springer gefolgt wären. Warum sie es nicht taten, ist nicht bekannt. Was allerdings bekannt ist: diese Publikation wurde seither 73-mal zitiert:
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Im Zusammenhang mit der 5G-Debatte nicht ohne Brisanz.

Der letzte Absatz dieser unfassbaren Orgie an Feigheit und Verantwortungslosigkeit heißt es lapidar:

In the absence of new evidence or further action on the part of either the authors of the Schwarz et al. paper or the authors’ institution, the journal will not be publishing further statements or communications on this matter.

Übersetzt: In Ermangelung neuer Erkenntnisse oder weiterer Maßnahmen seitens der Autoren der Schwarz-et-al.-Publikation oder der Autoreninstitution wird die Zeitschrift keine weiteren Stellungnahmen oder Mitteilungen zu diesem Thema veröffentlichen.

So kann man sich aus der Verantwortung stehlen, denken sich die Herausgeber. Übrigens mit voller Rückendeckung des Springer-Verlages. Der verantwortliche "Senior Editor", Fritz Schmuhl aus Amsterdam, sieht keinerlei Veranlassung, diese Studie aus dem Verkehr zu ziehen.

Zum Glück gibt es Entwicklungen, die zwar etwas länger dauern, die aber eine recht durchschlagende Wirkung haben werden.

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"Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Vince Ebert

Tags:
Verantwortungslos, Reflex, Springer-Verlag, Expositionskammer

Die Verantwortungslosigkeit von wissenschaftl. Verlagen (II)

Alexander Lerchl @, Donnerstag, 10.10.2019, 20:08 (vor 33 Tagen) @ Alexander Lerchl
bearbeitet von Alexander Lerchl, Donnerstag, 10.10.2019, 20:52

Die Story ist Insidern hinlänglich bekannt. 2005 und 2008 erschienen Publikationen aus einem Labor der Medizinischen Universität Wien, die angeblich zeigten, dass elektromagnetische Felder des Mobilfunks die Erbsubstanz DNA zerstören können. Skepsis allenthalben, da die Quantenenergie bei diesen Frequenzen um den Faktor 100.000 bis 1.000.000 zu gering ist, um solche Effekte schon rein theoretisch zu verursachen. Statistische Überlegungen zeigten zudem, dass die Ergebnisse in einem absurden Maß zu schön waren, um wahr sein zu können. Reproduziert werden konnten die Ergebnisse auch nicht.

In der Veröffentlichung von 2005 in der an sich renommierten Fachzeitschrift "Mutation Research" wurden bereits die extrem niedrigen Abweichungen der angeblichen Messwerte bemerkt und führten zu einem Leserbrief von Vijayalaxmi et al., der 2006 ebenda veröffentlicht wurde und auf den einige der Autoren (Rüdiger, Diem, Pilger) antworteten. Der kritische Leserbrief und die Antwort sind für die normalen Laien-Leser, aber auch für Ärzte, Politiker etc. nur gegen Bezahlung verfügbar (rd. 40 US$), was angesichts der Brisanz der Thematik für alle Betroffenen schon mal eine perfide Art der Geschäftemacherei ist und vor allem sehr wichtige Informationen unter allgemeinem Verschluss hält. Mit wissenschaftlicher Ethik hat das überhaupt nichts zu tun, das ist einfach schändlich.

Ende 2009 erschien ein "Letter of Concern" des Herausgebers von Mutation Research, Robert Baan, in dem er von den Geschehnissen in den Jahren 2007 und 2008 berichtete (dort nachzulesen), also über die Retraktionen, den Schriftwechsel mit der Medizinischen Uni Wien usw. Dieser Letter of Concern kostet übrigens nichts.

Am Ende heißt es: "The Editors accept Dr Rüdiger’s argument on this point; as it stands, the Diem et al.[1] publication will not be withdrawn from the Journal. We leave this issue open for scientific debate."

Übersetzt: "Die Redaktion akzeptiert das Argument von Dr. Rüdiger zu diesem Punkt; die Veröffentlichung von Diem et al.[1] wird in der vorliegenden Form nicht aus dem Journal entfernt. Wir lassen dieses Thema für die wissenschaftliche Diskussion offen." Der Punkt war die Behauptung, dass das Knacken der Verblindung für das 2005 Paper angeblich nicht zutraf.

Jedenfalls lasse man das Thema für die wissenschaftliche Diskussion offen. Folge: es wurde bisher 218-mal zitiert!
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Die in der Antwort enthaltenen "Original"-Daten waren allerdings viel zu schön, um wahr zu sein, was von Lerchl und Wilhelm 2010 in einem unentgeltlichen Fachartikel, ebenfalls in Mutation Research, haarklein aufgedröselt wurde.

Ob es der mangelnde Sachverstand war, der dazu führte, dass das Paper immer noch nicht zurückgezogen wurde oder pure Ignoranz (oder Schlimmeres), ist nicht bekannt. Die Sache hatte noch ein Nachspiel. Robert Baan, auch der verantwortliche Redakteur des Vol. 102 der IARC Monographs war (da ging es um die IARC-Einschätzung der elektromagnetischen Felder in Richtung Karzinogen), versuchte - erfolglos - Lerchl als durch Interessenkonflikte belastet darzustellen, der Schuss ging bekanntlich nach hinten los.

Zum Glück gibt es Entwicklungen, die zwar etwas länger dauern, die aber eine recht durchschlagende Wirkung haben werden.

Jedenfalls schon mal jetzt mein Fazit:

Shame on You, Mutation Research!
Shame on You, Elsevier!
Shame on You, International Archives of Occupational and Environmental Health!
Shame on You, Springer!

Sie schädigen die Wissenschaft wirklich nachhaltig.

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"Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Vince Ebert

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