Mobilfunkgegner: Der Prophet von Herrenberg (I) (Allgemein)

Dorfreporter, Montag, 04.03.2019, 14:55 (vor 286 Tagen)

Herrenberg (Baden-Württemberg) hat Tirschenreuth (Bayern), Sitz der morbide gewordenen "Bürgerwelle", als Epizentrum des bundesdeutschen Anti-Mobilfunk-Protests abgelöst. Denn in Herrenberg lebt und wirkt Jörn Gutbier, erster Vorstand des Stuttgarter Anti-Mobilfunk-Vereins "Diagnose-Funk". Der Verein verbreitet bundesweit Angst und Schrecken über angebliche gesundheitliche Risiken des Mobilfunks. In Herrenberg sitzt Gutbier als Fraktionschef der "Grünen" im Stadtrat mit am Ruder der Macht. Beste Voraussetzung also, die Stadt in ein Funkloch zu verwandeln. Oder gilt der Prophet zuhause nichts? Der "Dorfreporter" hat Bilanz gezogen.

Jörn Gutbier, 52, ist gelernter Architekt, im Nebenerwerb betätigt er sich als sogenannter Baubiologe. Gemeinsam mit dem ehemaligen Drucker Peter Hensinger, 71, bildet er das Sprachrohr des Vereins Diagnose-Funk. Verzweifelte Sendemast-Bürgerinitiativen im ganzen Land rufen mal den einen, mal den anderen, damit sie ihnen in Turnhallen oder im Tanzsaal von Wirtshäusern erklären, warum sie Angst vor stählernen Mobilfunkantennen haben müssen, und warum es Bürgerpflicht ist, Kinder unter allen Umständen in Schulen vor WLAN-Strahlung zu bewahren. Gutbier ist die Speerspitze im Kampf gegen alles was Funkwellen verströmt, selbst völlig harmlose batteriegespeiste Funkwasserzähler finden bei dem gebürtigen Lüneburger keine Gnade.

Nach dieser Ouvertüre ist zu erwarten: Herrenberg muss eine Trutzburg des Widerstands gegen Funkwellen sein. Der "Dorfreporter" hat sich an Ort und Stelle umgesehen und nach Anzeichen gesucht, wie erfolgreich sich Platzhirsch Gutbier in seinem eigenen Revier durchsetzen konnte.

Zwei Dutzend Sendemasten

Was Leichtathleten der Zehnkampf, ist Mobilfunkgegnern der Kampf um Mobilfunksendemasten. Diese Masten sind die weithin sichtbaren Insignien der Macht der verhassten Netzbetreiber, zuverlässige Quelle für irrationale Ängste vor Elektrosmog und, das ist für Sendemastengegner häufig das Wichtigste, Garant für öffentliches Interesse. Doch wer nun glaubt, die Diagnose-Funk-Hauptstadt sei frei von Sendemasten, der irrt, die große Kreisstadt Herrenberg beherbergt in der Kernstadt und den sieben eingemeindeten Teilorten derzeit insgesamt 24 Standorte für Mobilfunksendeanlagen (2013 sollen es einem Medienbericht zufolge genau halb so viele gewesen sein). Das sind nur zwei Standorte weniger als in Radolfzell am Bodensee. Radolfzell hat 30.780 Einwohner und dient als Vergleichsstadt, weil es in der Liste der größten Städte Baden-Württembergs derzeit gleich hinter Herrenberg (31.250 Einwohner) Platz 55 belegt. Der zugegeben grobe Sendemastenvergleich macht deutlich: Viel hat Herrenberg nicht davon, dass der Anführer organisierter Mobilfunkgegner dort wohnt und rät.

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Standorte für Mobilfunksendemasten (blaue Ringe) im Gemeindegebiet von Herrenberg. Die höchste Standortdichte herrscht wie anderswo auch in der Kernstadt.

Kriegsbemalung für Bahnhofsmast

Ein am Rande der historischen Herrenberger Innenstadt am Bahnhof gelegener hässlicher Silo mit vielen Mobilfunkantennen obendrauf verschandelte das Stadt-Panorama. Und den Blick auf die Stiftskirche, Top-Sehenswürdigkeit der Stadt. Deshalb sollten der Silo weg und die Antennen auf einen dezenten neu zu errichtenden Masten umziehen. Doch die "Grünen"-Fraktion mit Jörn Gutbier an der Spitze dramatisierte das Vorhaben und rief das Umweltinstitut München auf den Plan, das dem Namen zum Trotz ein eingetragener Verein ist. Am Ende empfahl der damalige Standortberater des Instituts für mehr als 30.000 Euro Honorar genau den Standort am Bahnhof, den ursprünglich schon der Netzbetreiber selbst vorgesehen hatte. Den Räten der Stadt dürfte dies sauer aufgestoßen sein, schließlich liegt Herrenberg im sparsamen Schwabenland. Zu allem Überfluss forderten die "Grünen" auch noch, den Mast einige Meter höher als geplant zu bauen. Dies sollte der Bevölkerung ein paar Prozent Entlastung an Funkimmission bringen. Um die hitzig diskutierte Kuh endlich vom Eis weg auf den Grill zu bekommen, wurde diese Forderung der "Grünen" im Rat zügig durchgewunken.

Bald darauf war der Mast fertig und versorgte die Bevölkerung mit dem, wofür er errichtet wurde. Trotzdem kam neuer Unmut auf. Denn der ursprünglich unauffällige graue Betonmast bekam oben auf den Extrametern der "Grünen" eine rot-weiß-rote Leuchtturmbemalung und rote Signallampen für die Nacht. Davon wusste vorher niemand etwas. Herrenberg, mit historischer Skyline und geringem Touristenaufkommen, reagiert auf solche Späße recht sensibel. Der Mastbetreiber wusch seine Hände in Unschuld: Wegen dem nahe gelegenen Hubschrauber-Landeplatze des Krankenhauses müsse der höher geratene Mast eben auf diese Weise abgesichert werden. Es sei ja nicht seine Idee gewesen, einen funktechnisch so unnötig hohen Masten am Bahnhof zu errichten ...

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Sendemast am Bahnhof von Herrenberg. Die rote Manschette entspricht der Höhenzugabe, die Herrenberg Jörn Gutbier und seinen "Grünen" zu verdanken hat. Im Hintergrund eine Andeutung der historischen Altstadt mit der Stiftskirche, rechts davon das Dekanat.


WLAN in Hülle und Fülle

Obwohl in aller Welt WLAN so ungezwungen genutzt wird wie Spülmittel, erkennt Diagnose-Funk auch darin gesundheitliche Risiken, die nicht abgetan werden dürften. Insbesondere nicht für Kinder und Jugendliche. Das ist die Ansage. Wie steht es also um WLAN in Herrenberg?

Im April 2018 erhielten die letzten Schulen der Stadt WLAN. Dies waren kleine Grundschulen. Die großen und weiterführenden Schulen waren bereits zuvor mit WLAN versorgt worden. Herrenberg ist Träger von zwölf Schulen: Sechs große in der Kernstadt und sechs kleine und kleinste Grundschulen in den Ortsteilen. WLAN war die Krönung einer vom Rat der Stadt ohne jede öffentliche Debatte beschlossenen Aktion, die Schulen der Stadt mit zukunftsfähiger und einheitlicher IT-Infrastruktur für den Unterricht auszustatten. Neben dem Schulträger und den Schulen steht auch der Gesamtelternbeirat hinter dieser Aktion. Lokomotive war ein ehemaliger Elternvertreter mit einschlägiger Kompetenz. Diagnose-Funk konnte den Siegeszug des WLANs an keiner Schule verhindern. VLC (Visible Light Communication, Datenübertragung mit dem Licht von Deckenlampen), eine von Diagnose-Funk propagierte alternative Nischentechnik zu WLAN, sucht man in Herrenberger Schulen vergeblich.

Tablets für die Räte

Ende 2014 musste der Diagnose-Funk-Vorstand knirschend hinnehmen, dass die Stadt Herrenberg ihren Stadträten und Ortsvorstehern Tablets anbot. Nur sieben der 40 Kommunalpolitiker schlugen das Angebot aus, berichtete das Lokalblatt "Gäubote". Die Entscheidung für WLAN fiel mit 17 Ja-Stimmen, sechs Enthaltungen und fünf Nein-Stimmen. Klar, einige Sitzungsräume im Rathaus werden seither mit WLAN versorgt. Den Stadträten steht es frei, ihr eigenes Tablet zu benutzen oder das, das ihnen die Stadtverwaltung zur Verfügung stellt. Die 64 Ortschafträte in den Stadtteilen tagen seltener, deswegen bekommen sie keine Tablets gestellt und müsse die eigenen benutzen. Damit aber die Ortschafträte Zugang zu den Ratsinformationen erhalten, werden demnächst alle Sitzungsräume mit WLAN ausgestattet. Und Gutbier? Er kritisiert, dass für 40.000 Euro nun neue größere Tablets angeschafft werden müssen, die Geräte der ersten Garnitur erwiesen sich als zu klein. Von Funkstrahlung redete er in diesem Zusammenhang nicht, auch nicht von VLC.

Zweckverband

Im Dezember 2018 warb Herrenbergs Oberbürgermeister Thomas Sprißler im Rat für den Beitritt der Stadt zu einem kommunalen Zweckverband zugunsten des Breitbandausbaus im Landkreis. Damit, so hofft er, wird die Deutsche Telekom oder ein anderer Anbieter die vielen weißen Flecken in den sieben Ortsteilen der Stadt zügig erschließen und auf Rosinenpickerei verzichten. Der Zweckverband könne gegenüber der Telekom als Verhandlungspartner in Augenhöhe auftreten, versprach der OB, "die verhandelt nicht mit den 179 Kommunen einzeln.“

Jörn Gutbier hatte mit dem Beschlussantrag hingegen seine liebe Not. Ganz Mobilfunkgegner erkannte er darin eine Parallele zum geplanten Ausbau des 5G-Mobilfunknetzes. Er fürchtet, die Eingriffsmöglichkeiten von Kommunen, "die nicht alle 150 Meter einen Sendemast" haben wollen, würden regulatorisch beschnitten. Wo jetzt Breitbandausbau draufstehe, hänge hinten dran die Totalverstrahlung mit krebserregender und krank machender Mobilfunktechnik. Dieter Haarer (CDU) konterte: "Sie sehen hinter jedem Busch, in dem Technik steckt, die Menschheit untergehen." Am Ende stimmte der Rat mehrheitlich dem Antrag zu, dem Zweckverband beizutreten.

Widerstand gegen Kleinzellen

Nicht nachvollziehbar ist Gutbiers in einer Lokalzeitung an die Wand gemaltes Menetekel, die Telekom müsse künftig wegen erfolgreicher Monopolsicherung niemanden mehr fragen, wollte sie alle 150 Meter 5G-Mobilfunksendeanlagen an Straßenlaternen geschraubt. Eigentlich müsste er darüber jubeln. Ist sein Verein doch glühender Verfechter von Kleinzellennetzen. Wenn eine 5G-Funkzelle nur noch 75 Meter Radius hat, ist dies die Krone der Kleinzelligkeit. Vielleicht sind es Widersprüche wie dieser, die Gutbiers Erfolgsquote als Mobilfunkgegner in seiner Heimatstadt auf Normalnull halten.

Fortsetzung in Teil II

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Widerstand, Politik, Die Grünen, Diagnose-Funk, Kleinzellen, Schule, Netzwerk, Gutbier, VLC, WLan, Herrenberg, Tablet, Lobbyverein, Kleinzellennetz, öffentliches Interesse

Mobilfunkgegner: Der Prophet von Herrenberg (II)

Dorfreporter, Montag, 04.03.2019, 14:56 (vor 286 Tagen) @ Dorfreporter

Haushaltsrede Gutbiers vom Januar 2019

Anlässlich der Haushaltsdebatte in Herrenberg am 22. Januar 2019 nannte Fraktionschef Gutbier in seiner Rede eine Zahl: "Nach den Angaben der Mobilfunkbetreiber reden wir bei 5G bundesweit über den Zubau von 300.000 neuen Mobilfunksendeanlagen." Diese Menge verblüfft, denn wer die Streitereien um 5G auf Bundesebene mitverfolgt hat, weiß, die Netzbetreiber sind wenig von der politischen Vision begeistert, 5G bis an "jede Milchkanne" anliefern zu müssen. Die Suche mit dem Begriff "5G 300.000" führte denn auch schnell zur Quelle, aus der Gutbier schöpfte. Es sprudelten nicht "die Mobilfunkbetreiber", sondern nur einer, die Deutsche Telekom. Deren 5G-Projektleiter Alexander Lautz nannte Ende 2018 in Berlin tatsächlich die besagte Zahl: Ein flächendeckender Ausbau im genannten Frequenzbereich erfordere ungefähr 300.000 Antennen. Doch Lautz fuhr fort, volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich mache diese Anzahl keinen Sinn. Gutbier verdreht durch seine Weglassung die Aussage Lautz‘ ins Gegenteil, so als würden die Netzbetreiber geradezu darauf brennen, das Land flächendeckend mit Antennen zuzupflastern. Ob die Netzbetreiber überhaupt verpflichtet werden können, 5G gegen ihren Willen flächendeckend anzubieten, ist nach ihren Klageeinreichungen gegen die Lizenzauflagen der BnetzA vor dem Verwaltungsgericht Köln derzeit noch völlig offen.

[image]Gutbier spricht von "per se toxische[r] Mikrowellenstrahlung" und behauptet, wohlgemerkt als Architekt und Baubiologe, Mobilfunkstrahlung könne Krebs auslösen. "Das ist seit letztem Jahr gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis", lässt er seine Ratskollegen wissen. Mobilfunkstrahlung lasse "auch bei sehr geringer Dosis entartete Zellen schneller wachsen – sie ist Krebs promovierend – zweifach bestätigt durch Wiederholungsstudien des Bundesamtes für Strahlenschutz". Gutbier scheint gut informiert zu sein. Doch er bewegt sich auf dünnem Eis, denn von "sehr geringer Dosis" kann bei 0,04 W/kg Ganzkörper-SAR (50 Prozent des Grenzwerts) keine Rede sein. Und er verschweigt, dass sein Verein Diagnose-Funk dem deutschen Wissenschaftler Alexander Lerchl, der im Auftrag des Bundesamtes die besagten beiden Wiederholungsstudien leitete, im März 2011 öffentlich "mangelnde Qualifikation", "Inkompetenz" und "Entwarnungstätigkeit" unterstellte. Damals war der Bremer Wissenschaftler die zentrale Hassfigur für Mobilfunkgegner, hatte er es doch gewagt, alarmierende Mobilfunkstudien des Ex-Tabaklobbyisten Franz Adlkofer unter Fälschungsverdacht zu stellen. Als ausgerechnet Lerchl 2015 und 2018 die beiden Wiederholungsstudien zur tumorpromovierenden Wirkung von Funkfeldern gelangen, verstörte er damit seine Gegner zutiefst. Gutbiers Lösung, den angeblich so "unqualifizierten" und "inkompetenten Entwarner" Lerchl in einer 180-Grad-Kehrtwende nun anonymisiert als wichtigen Belastungszeugen zu gebrauchen, lässt über sein Verständnis im Umgang mit Forschungsergebnissen und Menschen nichts Gutes erahnen.

Zum Abschluss der Erfolgsbilanz noch ein aufschlussreiches Bonmot, das dem Fraktionsvorsitzenden der "Grünen" im Herrenberger Stadtrat anlässlich seiner jüngsten Haushaltsrede gelang. Ganz ungezwungen führte er das "Schweizer Bundesamt für Strahlenschutz" als Belastungszeugen ins Feld. Nur, ein solches Amt gibt es in der Schweiz nicht ...

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Baubiologe, Unterstellung, Gerücht, Inkompetenz, Falschmeldung, Einflussnahme, Weglassen, Hintergrund, Trick, Gutbier, Stadtrat, Herrenberg, 5G, Trittbrettfahren

Telekom-Höttges über 5G: Alle 500 Meter ein Sendemast

H. Lamarr @, München, Freitag, 29.03.2019, 19:29 (vor 260 Tagen) @ Dorfreporter

Anlässlich der Haushaltsdebatte in Herrenberg am 22. Januar 2019 nannte Fraktionschef Gutbier in seiner Rede eine Zahl: "Nach den Angaben der Mobilfunkbetreiber reden wir bei 5G bundesweit über den Zubau von 300.000 neuen Mobilfunksendeanlagen." Diese Menge verblüfft, denn wer die Streitereien um 5G auf Bundesebene mitverfolgt hat, weiß, die Netzbetreiber sind wenig von der politischen Vision begeistert, 5G bis an "jede Milchkanne" anliefern zu müssen. Die Suche mit dem Begriff "5G 300.000" führte denn auch schnell zur Quelle, aus der Gutbier schöpfte. Es sprudelten nicht "die Mobilfunkbetreiber", sondern nur einer, die Deutsche Telekom. Deren 5G-Projektleiter Alexander Lautz nannte Ende 2018 in Berlin tatsächlich die besagte Zahl: Ein flächendeckender Ausbau im genannten Frequenzbereich erfordere ungefähr 300.000 Antennen.

Auszug aus WirtschaftsWoche vom 28.03.2019:

Wenn mit den gerade in Mainz versteigerten Frequenzen ein deutschlandweites 5G-Mobilfunknetz aufgebaut werden soll, dann müsste alle 500 Meter ein neuer Sendemast aufgestellt werden, rechnet der Telekom-Chef vor. Statt der exakt 28.783 Funktürme, die heute im Einsatz sind, wären dann 100.000 Sendemasten erforderlich.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Herrenberg: "Grüne" gewinnen drei Sitze hinzu

H. Lamarr @, München, Dienstag, 28.05.2019, 17:37 (vor 201 Tagen) @ Dorfreporter

Zum Abschluss der Erfolgsbilanz noch ein aufschlussreiches Bonmot, das dem Fraktionsvorsitzenden der "Grünen" im Herrenberger Stadtrat anlässlich seiner jüngsten Haushaltsrede gelang. Ganz ungezwungen führte er das "Schweizer Bundesamt für Strahlenschutz" als Belastungszeugen ins Feld. Nur, ein solches Amt gibt es in der Schweiz nicht ...

Waren bislang fünf "Grüne" im Gemeinderat von Herrenberg vertreten, sind es nach der Gemeinderatswahl am vergangenen Sonntag künftig acht. Diagnose-Funker Jörn Gutbier zieht mit dem drittbesten Stimmenanteil bei den "Grünen" wieder in den Rat ein. Um ein Haar wäre dies mit Alfred Steinki auch dem zweiten Baubiologen in Herrenberg gelungen, ihm fehlten nur rd. 240 auf seine 4'050 Stimmen, um in der Wählergunst auf Platz acht der grünen Liste vor zu rücken.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Jetzt zwei Baubiologen im Herrenberger Gemeinderat

Dorfreporter, Sonntag, 13.10.2019, 17:12 (vor 63 Tagen) @ Dorfreporter

Mit Alfred Steinki sitzt jetzt neben Jörn Gutbier ein zweiter Baubiologe im Herrenberger Gemeinderat. Steinki rückte nach, da kurz nach der jüngsten Kommunalwahl im Mai 2019 ein gewählter Grüner auf sein Amt verzichtete. Inwieweit es den beiden gelingen wird, den Rat neu mit Elektrosmog-Ängsten zu infizieren, ist ungewiss, gegenwärtig ist "Elektrosmog" im Herrenberger Politalltag jedenfalls kein Thema mehr, es dominiert grüne Verkehrspolitik. Alle Schulen, alle Rathäuser und Sitzungssäle der Stadt sind mit WLAN ausgestattet, die Stadträte haben soeben neue größere Tablets bekommen, Sitzungs-Unterlagen werden nur noch digital verteilt. Und beim jüngsten Dorffest verkündete der Ortsvorsteher erfreut, allen Festbesuchern stünde jetzt kostenloses WLAN zur Verfügung. Das ist die Realität.

Doch im September 2019 schwor Nachrücker Steinki seine Gemeinde auf das neue Schuljahr ein und vertrat in seiner Kolumne, die auch in der Zeitung erschien, u.a. den Standpunkt ...

Wenn sie [Schülerinnen und Schüler; Anm. "Dorfreporter"] für die Zukunft gut vorbereitet sein sollen, darf das gerne auch digital geschehen. Aber bitte erst ab der 5. Klasse und mit pädagogisch fundiertem Konzept! Das Funken muss dabei nicht mit gesundheitlich fragwürdiger WLAN-Technik gemacht werden, sondern kann bereits heute über Infrarot-Strahlen geschehen.

Klingt kompetent, ist es aber nicht. Denn Herr Steinki weiß offenbar nicht: Bereits vor Jahren hat die Kultusministerkonferenz die Medienbildung für alle Bundesländer verpflichtend auch in den Grundschulen etabliert. So gilt in Ba-Wü seit 2016 ein Bildungsplan, der den Umgang mit digitalen Medien ab der 1. Klasse in allen Grundschulen verpflichtend macht. Spätestens ab der 3. Klasse kommt die Recherche dazu, in Büchern, auf CDs in der Stadtbücherei oder eben – von den Lehrkräften angeleitet – online auf kindgerechten Websites. Vor diesem Hintergrund betrachtet fordert Steinki verbeamtete Grundschul-Lehrkräfte zu nicht gesetzeskonformem Handeln auf – womit er sich als fachlicher Laie zu erkennen gibt. Auch für das von ihm verlangte "pädagogisch fundierte Konzept" hat Ba-Wü sein Landesmedienzentrum bereits neu in Stellung gebracht. Das geforderte Konzept müssen daher weder Lehrkräfte noch Dorf-Grüne neu erfinden, seit 2016 hat es jede Lehrkraft als persönliches Exemplar auf dem Schreibtisch liegen ...

Was die Datenübertragung mit Infrarotstrahlen anstelle von Funkwellen anbelangt, stellt sich ebenfalls die Frage nach Steinkis Fachkompetenz. Denn die u.a. von seinem Kollegen Gutbier propagierte VLC-Technik (Visible Light Communication) besagt schon von der Namensgebung her, dass hier mit sichtbarem weißen Licht von Deckenlampen gearbeitet wird. Infrarot ist lediglich eine Idee für den Rückkanal bei bidirektionaler Übertragung. VLC ist keine Schnapsidee, sondern für Nischenmärkte (z.B. abhörsichere drahtlose Datenübertragung) eine technische Alternative zur Übertragung mit Funkwellen. Wegen systembedingter Schwächen (siehe Hintergrund) ist diese Technik jedoch kein Ersatz für die Datenübertragung mit Funkwellen, sondern bestenfalls eine Ergänzung. Auch das Fraunhofer-Institut, das mit seiner VLC-Entwicklung technisch randständige Mobilfunkgegner begeistert und zu unqualifizierten Anwendungsideen inspiriert, sieht dies so. Elektrosmog-Phobie ist für das Forschungsinstitut jedenfalls kein Grund gewesen, VLC zu entwickeln, als Marketinghelfer sind ungebetene VLC-Befürworter ihm insgeheim aber willkommen.

Das Wunschdenken des Herrn Steinki zeigt sich auch nicht im Angebot der Schulausstatter. So bietet die Firma CoTec in Rosenheim, starker Partner der Schulen, die üblichen Tablets mit WLAN an, nicht aber Alternativen mit Licht. Fehlanzeige auch bei anderen Anbietern.

Als Baubiologen profitieren Steinki und Gutbier von einer tunlichst unendlichen Debatte über mögliche und unmögliche Risiken der Funktechnik. Dieses kommerzielle Interesse erklärt schlüssig das beständige Sticheln der beiden. Zur Tragödie von Herrenberg hochspielen muss man das jedoch nicht. Da aber ausgerechnet Herr Steinki in seiner Kolumne auch von "achtsamen und respektvollen Umgang miteinander" spricht, sei beiläufig noch an Zeiten erinnert, in denen sein Umgangston mit Meinungsgegnern ein ganz anderer war. Da es Steinkis alte Website nicht mehr gibt, zeugt heute nur noch das Webarchiv von seinem damaligen "achtsamen und respektvollen Umgang miteinander". Seine Sprache hat sich sichtbar zum Besseren geändert. Bravo! Ob dies auch beim Denken der Fall ist? Sein Handeln wird uns darüber künftig vielleicht Auskunft geben.

Hintergrund
VLC statt WLAN: energetischer Nonsense
Was gegen VLC spricht ...
Fraunhofer mottet VLC ein

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