Gibt es sogenannte Elektrosensibilität? Eher nicht! (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Samstag, 11.03.2017, 12:52 (vor 1177 Tagen)

Börsianer observieren Notenbankchefs bei öffentlichen Auftritten aufs Schärfste: Kratz er sich während einer Rede am Kopf, zieht er eine Augenbraue hoch, stockt ihm der Redefluss? Was auch immer, die Zeichen werden gedeutet und dann wird gekauft, verkauft oder gehalten.

Mobilfunkgegner und "Elektrosensible" observieren keine Notenbankchefs, sondern Ämter und Behörden, Professoren und Minister, ob diesen nicht eine irgendwie verwertbare Äußerung entschlüpft. Bekanntes Beispiel ist ein einziger unheilschwangerer Satz des bislang letzten deutschen Postministers. Ein von Skrupel nicht geplagter Baubiologe hat einst gar ganze Sammlungen angeblich erschütternder Zitate zusammengeschustert, mit denen den eher weniger hellen Kerzen der Szene die Gefährlichkeit des Risikos Mobilfunk vor Augen geführt werden soll.

Inzwischen sind die Quellen weitgehend ausgetrocknet. Eva Weber, bekennende "Elektrosensible" aus O. in M. musste deshalb tief schürfen, um noch ein Goldkörnchen zu entdecken. Sie zitiert im Gigaherz-Forum u.a. das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) mit aufregenden Worten aus dem Jahr 2009:

Unter dem Aspekt, dass vermutlich kein ursächlicher Zusammenhang mit elektromagnetischen Feldern besteht, sind diese Fragestellungen aber eher nicht im Rahmen des Strahlenschutzes zu behandeln.

Was Eva so begeistert: Das Amt schließt "Elektrosensibilität" indirekt nicht kategorisch aus, sondern nur "eher" nicht. Der Strohhalm, an den sich Eva klammert, er hat vier Buchstaben. Doch wenn ein Bundesamt vorsichtig von "eher nicht" spricht, dann ist dies eben für "Elektrosensible" nichts anders als wenn für Börsianer ein Notenbankchef beim Verlesen von Zahlen die linke Augenbraue hoch zieht und nicht die rechte.

Doch stimmt das überhaupt, was Eva Weber behauptet?

Ja, es stimmt, die Behauptung beruht auf einem Vortrag von Dr. Anne Dehos, BfS, gehalten am 25. Juni 2009 in München. Frau Dehos sprach zum Thema "Elektrosensibilität, unspezifische gesundheitliche Beschwerden". Die für überzeugte Elektrosensible "eher" unerquicklichen Äußerungen von Frau Dehos (Beispiel: Elektrosensible
unterscheiden deutlich schlechter als Kontrollpersonen zwischen echten und Scheinimpulsen) hat Frau Weber vergessen zu erwähnen, wer mag kann sie sich alle hier anschauen.

Und, gibt es sonst noch etwas? Klar!

Dasselbe Amt, also wieder das BfS, jedoch vermutlich nicht Frau Dehos, schreibt im Fazit der DMF-Studie "Untersuchung elektrosensibler Personen im Hinblick auf Begleitfaktoren bzw. -erkrankungen, wie z.B. Allergien und erhöhte Belastung mit bzw. Empfindlichkeit gegenüber Schwermetallen und Chemikalien":

Diese Fragestellungen sind aber unter dem Aspekt, dass kein ursächlicher Zusammenhang mit elektromagnetischen Feldern besteht, eher in einem breiteren umweltmedizinischen Rahmen als im Rahmen des Strahlenschutzes zu behandeln. (Quelle)

Rosinenpickerin Eva muss nun entsetzt feststellen: Aus der obigen Schlupflochformulierung "vermutlich kein ursächlicher Zusammenhang" ist das wertvolle Wort "vermutlich" verschwunden und das Strohhalmwörtchen "eher" bezieht sich jetzt konkret auf die umweltmedizinische Behandlung in einer Umweltambulanz.

Mist, "Elektrosensible" sehen sich doch so gerne als etwas Besonderes, von der Natur mit einer vermeintlich spektakulären Feldwahrnehmungsgabe gesegnet, die einige Selbstdarsteller in die willkommene Lage versetzt, sich wichtig zu machen und die Menschheit regelmäßig vor dem drohenden Strahlentod zu warnen. Päng! Diese Illusion zerplatzt wie eine Seifenblase, denn das BfS hat schließlich festgestellt, "Elektrosensible" seien nichts Besonderes, sondern ganz gewöhnliche Umweltkranke. Nicht gesagt hat das BfS die Trivialität, dass nicht wenige Umweltkranke von den Umweltambulanzen der Universitätskliniken an Psychotherapeuten weiter empfohlen werden. Aus gutem Grund.

Mein Freund "conviva" springt Eva Weber umgehend bei und meint:

Wahrscheinlich wird ernsthafte "EHS"-Forschung zumindets im Hintergrund schon betrieben.

Ich teile diese Meinung aus der hinlänglich bekannten Ecke Munkeln & Raunen nicht: Ernsthafte EHS-Forschung wurde bis etwa 2012 betrieben. Doch nachdem es nicht gelang, auch nur einen einzigen "echten" EHS ausfindig zu machen, rückt "Elektrosensibilität" mehr und mehr aus dem Blick der (seriösen) Forschung. Die Wissenschaft hat das Thema eher zu den Akten gelegt. Übrig bleiben Kargo-Kult-Forschung und Kargo-Kult-Vereine mit Kargo-Kult-Broschüren, die aus schwierig durchschaubarer Interessenlage (z.B. Ablenkungsforschung, kommerzielle Interessen, Selbstdarstellung) das Thema nicht für Experten, sondern für Laien künstlich am Leben erhalten. Zweifel säen ist eine erprobte und wirksame Desinformationsstrategie.

Hintergrund
Ungeheure Stigmatisierung von Elektrochondern

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
EHS, Gerücht, Psychotherapie, Psychotherapeut, BfS, Elektrosensibilität, Elektrochonder, Stigmatisierung, Umweltmedizin, Kargo-Kult

Strahlenschutzanzug und Aluhut

KlaKla, Sonntag, 12.03.2017, 16:32 (vor 1175 Tagen) @ H. Lamarr
bearbeitet von KlaKla, Sonntag, 12.03.2017, 16:51

Hier, ich habe sie gefunden, ganz viele im Schutzanzug und mit Aluhut. Der Strahlenschutzanzug absorbiert nicht sondern reflektiert dank der vielen kleinen Reflektoren und der Aluhut hat Antennen so dass die Strahlung nicht ins Hirn vordringen kann, sollte er mal ein Leck haben. :wink:

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Meine Meinungsäußerung

Tags:
Aluhut

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