Schneeglöckchenstraße: "Ich würde es wieder tun" (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 28.03.2016, 18:23 (vor 1243 Tagen)

Nachdem Frau Weber wenig erfreut ist, wenn meine Frau und ich unseren Ostersparziergang rund um ihren Sendemasten machen, haben wir diesmal einen alten anderen Tatort besucht: die Schneeglöckchenstraße. Und wie es der Zufall will, steht, gerade eben als wir vorbeikommen, der Standortvermieter vor seinem Haus und ist bereit, unsere Fragen zu beantworten.

Herr L., geschätzt 78 Jahre alt und inzwischen Witwer, sagt, er würde es wieder tun: Er würde sein Hausdach noch einmal an einen Netzbetreiber vermieten, weil er jetzt besser wüsste, was auf ihn zukommt und wie er damit umzugehen habe. Seine Frau aber habe damals, als die Nachbarn mit "Montagsdemos" vor seinem Haus großen sozialen Druck machten, sehr gelitten. Er habe die ganzen Vorgänge gesammelt und könnte damit einen Film bestreiten.

Der gelernte Maschineneinrichter wusste in dem 45 Minuten dauernden Gespräch so viele Details zu erzählen, dass ich mir nur die Wichtigsten merken konnte und versuche, sie hier stichpunktartig aufzuzählen.

  • Nein, weggezogen sei wegen der Sendemasten aus der Nachbarschaft niemand.
  • Ein Nachbar, der damals zu den Anführern der Mobilfunkgegner zählte, habe inzwischen auf dem Dach seines Firmengebäudes zwei Sendemasten stehen. Von Herrn L. darauf angesprochen sagte der Nachbar, diese Masten störten ihn nicht, weil er dort nicht wohne.
  • Erste Krankmeldungen aus der Nachbarschaft habe er bereits bekommen, als die Antennen zwar am Masten hingen, die Basisstation unterm Dach aber noch gar nicht eingerichtet und der Sender somit nicht betriebsfähig war.
  • Herr L. und seine Frau nutzten die "Montagsdemos" der Anwohner, um vor dem Aufmarsch der Gegner das Haus zu verlassen und zum Einkaufen zu gehen. Die Polizei habe ihnen dazu geraten und gesagt, sie werde solange auf das Haus aufpassen.
  • Die Gegner durften erst ab 50 Teilnehmern ein Megaphon benutzen (polizeiliche Auflage).
  • Um die Anzahl der Gegner zu erhöhen, mobilisierten Eltern ihre Kinder. Die Polizei ließ einmal die Kinder vortreten und fragte sie, warum sie da wären. Weil uns die Eltern hergeschickt haben, war die Antwort.
  • Von den Bewohnern eines unmittelbaren Nachbarhauses abgesehen werde er von den Nachbarn nicht mehr geschnitten und morgens auf der Straße gegrüßt.
  • Nachbarn hätten andere beunruhigt mit der Behauptung, auf dem Dach seines Hauses werde bald ein weiterer Sendemast errichtet. Erst als der Netzbetreiber ihm schriftlich bestätigte, dass diese Behauptung unwahr sei und er mit diesem Papier die Nachbarn aufsuchte, entspannte sich die Situation wieder.
  • Eine wegen des Sendemasten feindlich gesinnte Nachbarin warf Herrn L. vor, ihren Hund geschlagen zu haben. Dieser Vorfall geriet zur gerichtlichen Auseinandersetzung, die nicht zum Nachteil von Herrn L. endete.
  • Ursprünglich waren auf dem Dach zwei Sendemasten (Telekom, E-Plus). Die beiden Betreiber einigten sich, einen Masten aufzugeben und den auf dem Dach verbleibenden mechanisch zu verstärken und künftig gemeinsam zu nutzen.
  • Die "Montagsdemos" der Anwohner gegen den Masten fanden höchstens ein halbes Jahr lang statt.
  • Der Betriebsraum des Sendemasten sei unter dem Dach eingerichtet worden, dort habe der Betreiber einen vorhandenen Raum abgeteilt und die Basisstation BTS aufgebaut. Der abgeteilte Raum sei versperrt, alarmgesichert und mit einem Lüfter versehen, der ihn jedoch nicht störe. Zur breitbandigen Anbindung der BTS ans Mobilfunknetz sei zum Haus eigens ein Glasfaseranschluss gelegt worden.

2016 sieht der Sendemast in der Schneeglöckchenstraße nicht viel anders aus (großes Foto) als 2003 (kleines Foto, zum Vergrößern auf Foto klicken). Plakate und Transparente sind verschwunden, die Menschen haben sich fast alle arrangiert und kümmern sich um Wichtigeres.
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2016....................................................................................................2003

Hintergrund
News aus der Schneeglöckchenstraße
Standortvermieter: allein gegen die Nachbarschaft

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Tags:
Schneeglöckchen, Standortvermieter, Demo, Auszug, Umzug, Plakataktion, Nachbar, Verpächter

Schneeglöckchenstraße: Politik damals und heute

Alexander Lerchl @, Dienstag, 29.03.2016, 07:50 (vor 1242 Tagen) @ H. Lamarr

Nachdem Frau Weber wenig erfreut ist, wenn meine Frau und ich unseren Ostersparziergang rund um ihren Sendemasten machen, haben wir diesmal einen alten anderen Tatort besucht: die Schneeglöckchenstraße. Und wie es der Zufall will, steht, gerade eben als wir vorbeikommen, der Standortvermieter vor seinem Haus und ist bereit, unsere Fragen zu beantworten.

Aus historischer Sicht interessant, wie damals die Bürgerwelle berichtete:

- CSU-Mann: "Auch der Bezirksausschuss steht auf der Seite der Anwohner", betonte der Vorsitzende, Rainer Großmann (CSU): "Wir haben den sowohl den Standort in der Schneeglöckchenstraße als auch einen von der Firma e-plus vorgeschlagenen Alternativstandort in der Fasanerie abgelehnt." "

- Noch ein CSU-Mann: "Die Anwohner forderten im Ausschuss deshalb einen "sofortigen Baustopp". Darin werden sie vom Landtagsabgeordneten Joachim Unterländer unterstützt. Der CSU-Politiker hat e-plus jetzt in einem Schreiben aufgefordert, die Antenne gar nicht erst aufzustellen. Zunächst müsse geklärt werden, welche Auswirkungen die Kombination mehrerer Sendeanlagen auf einem Gebäude habe. Unterländer riet e-plus vorsorglich, einen "geeigneten verträglicheren Alternativstandort" zu suchen.""

Ach ja, die lieben Politiker(innen)... Immer wieder passende Aussagen je nach Großwetterlage oder - wie in diesem Fall - Mikroklima.

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"Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Vince Ebert

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Bezirksausschuss, Baustopp

Schneeglöckchenstraße: Politik damals und heute

H. Lamarr @, München, Dienstag, 29.03.2016, 13:11 (vor 1242 Tagen) @ Alexander Lerchl

Ach ja, die lieben Politiker(innen)... Immer wieder passende Aussagen je nach Großwetterlage oder - wie in diesem Fall - Mikroklima.

Klaus Buchner, schwarzes Anti-Mobilfunk-Loch der ödp, war damals ebenfalls am Tatort, genauer gesagt im Gemeindesaal einer nahe gelegenen Kirche. Im gleichen Raum hatten die Betreiber Poster aufgestellt, um Ratsuchenden das Unheimliche an der Mobilfunktechnik zu nehmen. Da Feuer und Wasser sich nicht gut vertragen, zog sich Herr Buchner mit den seinen alsbald in einen Nebenraum zurück. Am Eingang spielte, ich meine es war Uli Weiner, den Platzanweiser. Er dirigierte ankommende Besucher der Veranstaltung gleich in den Nebenraum, damit sie erst gar nicht mit den Argumenten der Betreiber kontaminiert werden konnten. Fair war das nicht, aber wirksam.

Außerdem meine ich mich an den SPD-Mann Axel Berg zu erinnern, der anlässlich einer der Montagsdemos zu den versammelten Gegnern sprechen wollte, jedoch in dem Getümmel vor dem Haus der Familie L. nicht zu Wort kam.

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Bayern-SPD

Schneeglöckchenstraße: Alle wollten telefonieren ...

Gast, Dienstag, 29.03.2016, 13:26 (vor 1242 Tagen) @ H. Lamarr

Tumultartige Szenen, wütende Proteste und hemmungslose Beschimpfungen prägten zu Beginn das Bild.

»Wir sind doch die Deppen hier; die bauen doch hin wo sie wollen«, brachte ein Besucher die Meinung der Gäste auf den Punkt. BA-Vorsitzender Dr. Rainer Großmann hatte seine Mühe zwischen den Vertretern der Mobilfunkanbieter D2 Vodafone, D1 Telekom, E-Plus und O2 und den aufgebrachten Besuchern zu vermitteln: »Entweder sie nutzen die Gelegenheit, sich zu informieren oder wir müssen abbrechen.« Nach einigem Hin-und-Her besannen sich die Teilnehmer schließlich und suchten den direkten Kontakt – mit gemischten Gefühlen: »Das ist doch keine Information. Mir kommt das hier vor, wie eine Verkaufsveranstaltung«, blickte sich Gabriele Weicher, Sprecherin der Bürgerinitiative »Gemeinsam gesund in der Fasanerie« ein wenig hilflos um.

In der Tat zeigten die Schautafeln größtenteils an, was die Besucher bereits wussten: Kartenausschnitte des Münchner Nordens mit bunten Markierungen, den Suchkreisen. Das sind jene Bereiche, in denen die Installation einer Mobilfunkantenne den von den Betreibern gewünschten Nutzen bringt. Und während Hilmar Möhlmann, Regionalsprecher bei E-Plus, mit Stirnrunzeln von »funktechnischen Zwängen« spricht, legt auch Großmann seine Stirn in Falten: »Der Bezirksausschuss erfährt von den Suchkreisen, aber über den Standort entscheidet letztlich die Regulierungsbehörde.«

Auch Möhlmann schränkt ein: »Sicher nehmen wir auf Empfehlungen der BAs Rücksicht – im Zweifelsfall müssen wir aber auf die gesetzlichen Grundlagen ausweichen.« Denn Bedarf an neuen Antennen sei da, da waren sich grotesker Weise alle Beteiligten in so fern einig, als dass »jeder telefonieren, aber keiner so einen Sender auf dem Dach haben will«, so der Tenor von Mobilfunkbetreibern wie Kritikern. gf

Münchener Wochenanzeiger 2005

Tags:
BI, Schneeglöckchen, Bezirksausschuss, München

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