Informationswäscherei Diagnose-Funk (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 25.10.2015, 21:41 (vor 1480 Tagen)

Am 17.10.2015 verbreitete Diagnose-Funk:

Israel: Verbot von WLAN / WiFi in Kindergärten
Maßnahmen zur Begrenzung der Exposition
Das israelische Gesundheitsministerium hat eine großangelegte öffentliche Aufklärungskampagne gestartet, um die Exposition von Kindern durch elektromagnetische Strahlung und Funkstrahlung zu reduzieren. Die Empfehlungen des israelischen Gesundheitsministeriums (Israeli Ministry of Health (MoH)) wurden im Bericht zur Umweltgesundheit in Israel 2015 (Environmental Health in Israel - Report 2015) veröffentlicht. In ihm wird erklärt: „Im Hinblick auf Kinder sollte Vorsorge konsequent umgesetzt werden, da sie anfälliger für das Entstehen von Krebs sind.“

Viel versprochen, wenig gehalten
Ein Verbot von W-Lan in Israels Kindergärten? Nanu, hatten wir das nicht erst vor ein paar Monaten, nur in grün? Stimmt, die vermeintliche Anti-Mobilfunk-Sensationsbombe erwies sich am Ende, das der Supreme Court Israels im April 2015 verlas, freilich wieder einmal nur als eine der vielen als Dynamitstangen getarnten Knallerbsen, mit der Mobilfunkgegner arglose Bürger gefügig machen wollen.

Ähnlich ist es mit dem Volltext des oben angerissenen Diagnose-Funk-Artikels. Wer dort nach Details des angeblichen Verbots forscht - geht leer aus. Die Überschrift ist irreführend, sie wird vom Text inhaltlich in keiner Weise gestützt. Billiger Sensationsjournalismus wie dieser ist unter seriösen Journalisten verpönt, bei Mobilfunkgegnern macht er gefühlt 90 Prozent der Meldungen aus.

Irreführenden Meldungen sind eine Spezialität des Vereins Diagnose-Funk, dessen Meldungen immer schön verpackt daher kommen, inhaltlich jedoch häufig substanzlos, falsch oder eben irreführend sind. Ein typisches Beispiel, wie dilettantisch der Verein Informationen von Dritten zu seinen Gunsten verdreht, ist die skrupellose Verwertung einer Informationsbroschüre des Versicherers Swiss Re.

Doch woher hat der Verein überhaupt sein Wissen über etwas, was in Israel vor sich gehen soll. Im Gegensatz zu Gigaherz-Präsident Jakob, der gerne ohne Quellenangaben abschreibt und fremde Leistungen als seine ausgibt, nennt Diagnose-Funk wenigstens die Quelle der W-Lan-Verbotsmeldung. Gehen wir dieser Spur nach, landen wir jedoch nicht etwa in Israel, sondern auf der Website eines Ex-Journalisten in New York. Auch der hier im Forum hinlänglich bekannte Baubiologe Wolfgang Maes behauptet, früher einmal Journalist gewesen zu sein. Argwohn macht sich in mir breit.

Südtirol exportiert Stuss in die USA
Staunend können wir auf der Seite von SBWire nicht nur nachlesen, was angeblich in Israel los sein soll, sondern auch in Südtirol! Ja, richtig gelesen, in Südtirol. Der nicht sonderlich bewegende Elektrosmog-Beschluss des Landtags zu Bozen hat, das ist schon fast irre, einen Sickerweg in die USA gefunden, und mit einiger Sicherheit sickerte dieser Schmarrn über die Bismarckstraße 63 in der Schwabenmetropole Stuttgart. Führte der Weg über München, die Meldung hätte ganz anders ausgesehen, denn das IZgMF hat sich über die kruden Vorgänge in Italiens nördlichster Provinz seine eigene Meinung gebildet.

Warum SBWire und nicht die New-York-Times?
Noch ist völlig offen, wieso Diagnose-Funk eine unbedeutende Geschichte mühsam ins deutsche übersetzt, die auf einer unbedeutenden amerikanischen Website publiziert wurde. Gruselgeschichten von Mobilfunkgegnern finden sich auch in den USA kübelweise in drittklassigen Medien, warum also griff der Stuttgarter Verein ausgerechnet bei SBWire zu?

Die Antwort findet sich bei SBWire ganz unten am Fuß der Seite. Dort wird deutlich: Der Artikel ist keine Eigenleistung von SBWire, sondern nur ein Copy-Paste-Resultat. Die wahre Quelle lautet: Environmental Health Trust.

Bingo!

Jetzt ist unsere Expedition am Ziel: Environmental Health Trust ist die auffallend "glatte" Website, mit der die welkende amerikanische Elektrosmog-Aktivistin Devra Davis ihre Bücher per Zielgruppenmarketing unter die Leute bringen möchte, allen voran ihr "Enthüllungsbuch" Disconnect. Für mich ist Frau Davis u.a. deshalb indiskutabel, weil sie mutmaßlich dafür verantwortlich ist, dass dem deutschen Ex-Tabaklobbyisten Franz Adlkofer in den USA eine Gelegenheit gegeben wurde, seine verfilzten Ansichten zur Mobilfunkfrage auf einer Akademikerbühne vorzutragen. Wer mit Adlkofer kooperiert, macht sich mMn die Finger schmutzig. Franz Adlkofer war maßgeblich daran beteiligt, dass das Passivrauchverbot in Deutschland erst spät eingeführt wurde, die Verzögerung hat wahrscheinlich tausenden Passivrauchern das Leben gekostet.

Die Unvermeidliche
Devra Davis ist eine in der Szene bekannte Mobilfunkgegnerin, dies erklärt, wieso die objektiv belanglosen Mobilfunk-Nachrichten aus Europa und dem Nahen Osten erst nach USA schwappten, um dann von Diagnose-Funk erbeutet und dem deutschsprachigen Publikum aufgetischt zu werden. Mobilfunkgegner gieren weltweit nach Meldungen, die sie verbreiten können, auch wenn inhaltlich statt Champagner nur Sprudelwasser geboten wird. Die Szene tauscht daher lieben gerne ihre häufig halbwahren, falschen und nicht selten bizarren Meldungen rund um den Globus aus, Hobbyübersetzer nehmen dann dem Inhalt zuweilen den letzten Funken Sinn, sollte einer dringesteckt haben. So warnen die Dilettanten des Stuttgarter Vereins unbekümmert von "elektrischen Schränken" in Schulen (Schränke, nicht Stühle!), an die Israels Kinder angeblich nicht näher als 1,5 Meter heran dürften. Himmel, wie doof muss man sein, um so etwas zu verbreiten!? Was dieser Stuss bedeuten soll ist nicht mehr rückverfolgbar, denn in Schulen stehen richtig übersetzt "Schaltschränke" nicht frei herum, sondern sind im Technikraum untergebracht, in den Schüler nicht hinein kommen. Da im Kontext entfernt von Hochfrequenz die Rede ist, könnte anstelle von "Schaltschrank" auch nur der W-Lan-Access-Point in einem Klassenzimmer gemeint sein. Wer will es wissen ...

Geldwäsche vs. Informationswäsche
Was ich sagen will: Diagnose-Funk betreibt Informationswäsche. Die wahre Quelle Devra Davis, die mMn für meist wenig glaubwürdigen kommerziell geprägten Alarmismus steht, wird gegenüber dem deutschen Publikum mit keinem Wort erwähnt. Stattdessen wird einem die völlig unbekannte und unverdächtige Quelle SBWire angeboten, bei der keine Alarmsensoren anschlagen. Dies erinnert stark an das Prinzip der Geldwäsche. Es ist ein Kernproblem der internationalen Anti-Mobilfunk-Szene, dass es nur sehr wenige aktive Mobilfunkgegner gibt, die deutlich mehr Mitläufer mit Material versorgen. Da stets gleichen Quellen jedoch die wenig eindrucksvolle Größe der wirklich lebendigen Anti-Mobilfunk-Allianz schmerzhaft deutlich machen, versucht die Szene mit der beschriebenen Informationswäsche, die auch innerhalb Deutschlands praktiziert wird, sich größer darzustellen als sie wirklich ist. Das kennt man z.B. von Pfauen, die, um größeren Eindruck zu machen, ein Rad schlagen.

Hintergrund
Devra Davis im IZgMF-Forum
Diagnose-Funk im IZgMF-Forum

--
Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Davis, Desinformation, Copy-Paste, W-LAN, Israel, Diagnose:Funk, Eigeninitiative

RSS-Feed dieser Diskussion
powered by my little forum