Baumschäden durch Mobilfunk, mal wieder ... (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 26.07.2015, 15:23 (vor 1596 Tagen)

Im Gigaherz-Forum machen sich zwei "Baumexperten" daran, das alberne und eigentlich abgefrühstückte Thema "Baumschäden durch Mobilfunk-Basisstationen" mit ernster Attitüde in den Vordergrund zu turnen. Mal wieder.

Den Anfang machte Teilnehmer "GöttingerSieben" mit darbendem Wein an den Fassaden der Uni Göttingen, ihm beispringen tut Teilnehmer "HKB" mit üblichen Bildern kranker Bäume, wie sie von einigen Mobilfunkgegnern wie YuGiOh-Karten gesammelt werden. Das Ganze teils dargereicht mit wissenschaftlich klingenden Begrifflichkeiten wie "radialer Transparenzgradient sehr gering", die anscheinend geballte Kompetenz vermitteln sollen.

Die beiden Teilnehmer geben sich alle Mühe seriös zu wirken. Zum Beispiel "GöttingerSieben" mit dem folgenden Hinweis, dass angeblich sogar echte Profis ratlos sind:

Für die häufig beobachtete inhomogene Schadensverteilung in den Baumkronen (s. Punkt 7 im Schreiben der Ärzteinitiative an Wissenschaftler der LMU München vom 12.02.15: http://www.gigaherz.ch/wp-content/uploa ... Selsam.pdf) hatten befragte Botaniker keine Erklärung.

Da ich weiß, dass Mobilfunkgegner liebend gerne manipulieren, indem sie z.B. Sätze aus dem Zusammenhang reißen oder Zitate verfälschen, bezweifle ich die Behauptung über die Botaniker in der dargelegten Form. Außerdem stellt sich die Frage, woher "GöttingerSieben" über den Inhalt einer Antwort der LMU an Frau W-S Bescheid wissen will. Publiziert wurde eine Antwort nicht, "Göttinger Sieben" sollte daher entweder mit Frau W-S identisch sein oder zu deren Klüngel organisierter Mobilfunkgegner gehören.

"HKB" möchte mit leisen Selbstzweifeln das Bild vom ergebnisoffenen Mobilfunkgegner zeichnen:

Ungleichmässigkeit der Kronengestalt und Immssionsrichtung entsprechen sich. Ein Ursachenbeweis ist allein hierdurch nicht gegeben. Welche Faktoren könnten eine solches Bild verursachen?

Weitere Details erspare ich mir, die grundsätzliche Vorgehensweise von "GöttingerSieben" und "HKB" ist hinlänglich von den drei bekannten "Baumexperten" der Anti-Mobilfunk-Szene überliefert, zu nennen wären Volker Schorpp (Physiker), Helmut Breunig (Kindergartenbetreiber, gelernter Forstwirt) und Cornelia Waldmann Selsam (Allgemeinärztin). Alle drei sind eigener Einschätzung zufolge "elektrosensibel".

Seit 2006 gehört die These "Mobilfunk macht Bäume krank" zum Standardrepertoire von Mobilfunkgegnern, es ist ja auch zu einfach, sich von einschlägig bekannten Webseiten diese Behauptung abzugreifen. Durchsetzen aber konnte sich die These zu keiner Zeit, auch nicht bei allen Mobilfunkgegnern. Zu groß sind die Vorbehalte, die gegen diese These sprechen. Nachfolgend in Stichpunkten die wichtigsten Vorbehalte, die mir spontan eingefallen sind:

  • Die sogenannten Baumexperten der Anti-Mobilfunk-Szene sind Laien im Fachgebiet Baumpathologie.
  • Die sogenannten Baumexperten der Anti-Mobilfunkszene sind ausnahmslos bekennende Mobilfunkgegner, teils sogar überzeugte "Elektrosensible" und damit alles andere als ergebnisoffen.
  • Sämtliche Dokumentationen, die angebliche Baumschäden durch Mobilfunk belegen wollen, lassen völlig außer Acht, dass sich gleiche Schadensbilder überall finden, auch dort, wo keine Mobilfunksender in Betracht kommen. Es ist somit keine Kunst, mit selektiver Wahrnehmung durch die Lande zu ziehen und im Umkreis der rund 80'000 Mobilfunk-Standorte in Deutschland irgendwelche kranken Bäume aufzuspüren.
  • Die Dokumentationen der Baumschäden zeigen entweder gar keine Dosimetrie oder eine mangelhafte.
  • Wenn überhaupt die EMF-Immission gemessen wurde, dann am Erdboden, nicht in den Baumkronen.
  • Selbst wenn es im Einzelfall einmal gelingen sollte, einen glaubwürdigen Zusammenhang zwischen EMF-Immission und kranken Bäumen zu konstruieren, ist dies noch immer kein Beweis für einen Kausalzusammenhang (ursächlicher Zusammenhang). Bislang konnten Mobilfunkgegner noch nicht einmal einen Zusammenhang glaubhaft machen.
  • Die sogenannten Baumexperten der Anti-Mobilfunk-Szene sind wegen mangelnder Kompetenz nicht imstande, andere Ursachen für Baumschäden, wie sie ein Fachmann erkennen könnte, in ihre Betrachtungen einfließen zu lassen. Zu diesen anderen Ursachen gehören z.B. tierische und pflanzliche Schädlinge, klimaänderungsbedingte Langzeitschäden, Grundwasserabsenkungen usw.
  • Es fehlt jegliches Wirkungsmodell, warum schwache Mobilfunkimmission Pflanzen schaden sollte.
  • Das physikalische Wirkmodell (Interferenz), warum schwache Mobilfunkimmission einen Baum schädigen sollte, einen anderen, wenige Meter daneben jedoch nicht, wurde vor rund zehn Jahren von Volker Schorpp formuliert, bis heute gibt es keine einzige sauber dokumentierte Messreihe, die den Nachweis für diese Behauptung führt.
  • Die seriöse Wissenschaft reagiert erst dann, wenn ernsthaft ein halbwegs vernünftig begründeter Anfangsverdacht vorgetragen wird. Dies ist eine qualitative Anforderung. Die sogenannten Baumexperten der Anti-Mobilfunk-Szene ignorieren die mangelhafte Qualität ihrer Dokumentationen und versuchen fehlende Qualität durch Quantität (immer neue Fotos kranker Bäume) wett zu machen.

Für mich sind die in regelmäßigen Abständen, gerne in der Sauregurkenzeit, hoch gekochten Baumbeobachtungen von Mobilfunkgegnern nur Mittel zum Zweck, um die Bevölkerung zu beunruhigen und Ängste gegenüber Funkwellen im Unterbewußtsein zu verankern. Ob dies geschieht, um echte Sorge zum Audruck zu bringen, um sich wichtig zu machen und Aufmerksamkeit zu bekommen, oder ob damit eine Förderung der Ertragslage diverser Branchen beabsichtigt ist, die mit der Angst gegenüber Funk gute Geschäfte machen, lässt sich pauschal nicht sagen.

Hintergrund
Langzeitexperiment: Keine Baumschäden im Umkreis von Mobilfunksendeanlagen
Angebliches Baumsterben im Arnulfpark
Das BfS und die Baumschäden
Baumschäden: Herbeigeredete EMF-Modekrankheit
Mein Freund der Baum ist tot
Prof. Karl Richter und sein Märchen vom toten Buchenwald

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Tags:
Waldmann-Selsam, Göttingen, Kausalzusammenhang, These, Breunig, Baumkasuistik, Sommerloch, Baumsterben, Baumkrone, unabhängige Forschung

Dr. Waldmann-Selsam in großer Sorge, wieder mal ...

H. Lamarr @, München, Sonntag, 26.07.2015, 16:27 (vor 1596 Tagen) @ H. Lamarr

Für die häufig beobachtete inhomogene Schadensverteilung in den Baumkronen (s. Punkt 7 im Schreiben der Ärzteinitiative an Wissenschaftler der LMU München vom 12.02.15: http://www.gigaherz.ch/wp-content/uploa ... Selsam.pdf) hatten befragte Botaniker keine Erklärung.

Auf Frau Waldmann-Selsam einzugehen bedeutet Eulen nach Athen tragen. Dennoch zwei Anmerkungen, weil diese mühelos möglich sind:

Von einem "Schreiben der Ärzteinitiative" an Wissenschaftler zu reden ist großspurig. Denn diese Ärzteinitiative existiert nur noch auf dem Papier, irgendeine Tätigkeit entwickelt sie nicht. Bei Licht besehen besteht diese Ärzteinitiative nur noch aus der Person Waldmann-Selsam.

In ihrem wie gewöhnlich vor Dramatik triefenden Brief schreibt Frau W-S:

Darüber hinaus waren an Stämmen verschiedener Baumarten unter Hochfrequenzbelastung ungewöhnliche Vorwölbungen aufgetreten. Derartige, vom Gartenamt in Alphen aan de Rjin, Niederlande, beobachtete Stammveränderungen hatten zu Studien an der Universität Wageningen geführt.

Dazu ist anzumerken:

  • Von Baum-Studien (Mehrzahl) der Universität Wagingen bezüglich Beobachtungen in Alphen an Rhein kann keine Rede sein, dies hat Frau W-S frei erfunden. Es gab nur eine einzige solche "Studie", die jedoch nicht wissenschaftlich publiziert wurde, sondern auf der Website der Uni einen Platz hatte.
  • Frau W-S verschweigt, dass sich ein Expertenteam der Stadt deutlich von der sogenannten Studie distanziert hat.
  • Frau W-S verschweigt, dass die "Studie" inzwischen von der Website der Uni Wageningen entfernt wurde und nicht mehr auffindbar ist.

Das vermeintlich starke Argument von Frau W-S fällt bei Belastung zusammen wie ein Kartenhaus. Und ich behaupte, so ließe sich jedes ihrer Argumente als Scheinargument entzaubern. Da ich dies schon oft genug gemacht habe, die Wanderärztin jedoch gar nicht daran denkt, die Qualität ihrer Publikationen auf ein erträgliches Niveau zu heben, genügt mir diesmal der exemplarische Nadelstich mit Wageningen.

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Baumschäden durch Mobilfunk: Wir üben Senderortung

H. Lamarr @, München, Sonntag, 26.07.2015, 16:45 (vor 1596 Tagen) @ H. Lamarr

Das Foto zeigt eine Baumgruppe, links Eschen, in der Mitte und rechts Linden. Die Frage lautet:

Wo steht der Mobilfunksender?

[image]
Bild: Wikipedia

Meine Antwort lautet: nirgends. Denn im Umkreis von diesen Bäumen steht erst in gut 1 Kilometer Entfernung der nächstgelegene Mobilfunkmast. Und der steht auch noch auf der falschen Seite, nämlich so, dass die Linde rechts im Bild ihm zugewandt ist.

Nachzuprüfen ist dies mit der EMF-Datenbank der BNetzA. Das Örtchen, um das es geht, heißt Beltershausen (in der EMF-Karte namenlos etwa in Bildmitte), die in der Karte erkennbare kleine Grünfläche im Ort ist der Standort der Baumgruppe. Dass die Linde dem Sendemast im Norden zugewandt steht, lässt sich durch weitere Recherchen belegen, die zu schildern ich jetzt keine Lust habe weil das Gezeter "Mobilfunk macht Bäume krank" sowieso nur den dilettantischen Hirngespinsten einiger weniger Mobilfunkgegner zu verdanken ist.

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Baumschäden durch Mobilfunk, mal wieder ...

Kuddel, Sonntag, 09.08.2015, 14:13 (vor 1582 Tagen) @ H. Lamarr

Bezüglich plausibler Erklärungen in Bezug auf Baumschäden siehe auch >diesen Artikel< in der Süddeutschen Zeitung.

K

Baumschäden durch Mobilfunk, mal wieder ...

hans, Donnerstag, 27.08.2015, 18:36 (vor 1564 Tagen) @ H. Lamarr

War bei Euch der Sommer auch so warm und trocken? Wenn ja, blenden das die Schadenexperten von Gagaherz grosszügig aus, schrieb GöttingerSieben doch am 24.08.2015:
Neben teilweise kahlen Ästen war die vorzeitige Rotfärbung etlicher Blätter aufgefallen.

Baumschäden durch Mobilfunk, mal wieder ...

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 27.08.2015, 21:07 (vor 1564 Tagen) @ hans

War bei Euch der Sommer auch so warm und trocken? Wenn ja, blenden das die Schadenexperten von Gagaherz grosszügig aus, schrieb GöttingerSieben doch am 24.08.2015:
Neben teilweise kahlen Ästen war die vorzeitige Rotfärbung etlicher Blätter aufgefallen.

Ja, bei uns hat es auf der Südseite unseres Hauses eine Buche erwischt, die hat schätzungsweise jedes zweite Blatt verloren, der Hausmeister kehrt schon seit Wochen gelbes Laub zusammen. Ich könnte diese Buche jetzt mühelos so fotografieren, dass unser Vodafone-Sendemast im Hintergrund zu sehen ist. Ein neuer Fall für unsere Baumkasuistiker? Nein, denn in den anderen Jahren wurde unsere Buche nicht so arg mitgenommen. Das arme Ding sollte eigentlich gar kein Baum werden, sondern mit anderen eine Buchenhecke bilden. Doch irgendwann muss das mal in Vergessenheit geraten sein, einige der Bäumchen wurden gekappt, übrig blieb eine mickrige Buche, die heute bestimmt zwölf bis 15 Meter hoch ist. Warum mickrig? Weil der Baum nicht richtig wurzeln kann, denn dort wo er tiefer wurzeln möchte, versperrt ihm die Betondecke unserer Tiefgarage den Weg. Ich schätze, mehr als 1,5 Meter Erdreich hat unsere Möchtegernbuche nicht, für eine Hecke wäre das wohl auch in Trockenperioden ausreichend.

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