Prof. Karl Richter und sein Märchen vom toten Buchenwald (Berichtigungen)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 01.07.2015, 00:26 (vor 1478 Tagen)

Es geschah am 28. Mai 2008 im großen Kornhaussaal zu Kempten: Prof. Dr. Karl Richter, St. Ingbert, trat um 21:40 Uhr ans Mikrofon und wollte eigentlich etwas über zukunftsfähigen Verbraucherschutz erzählen. Zunächst aber band er seinen Zuhörern einen ordentlichen Bären auf über das, was ihn vom Literaturprofessor im Ruhestand zum Mobilfunkgegner werden ließ:

Meine Damen und Herren, es ist richtig, dass ich Literaturwissenschaftler bin. Aber ich habe seit Jahrzehnten interdisziplinär gearbeitet. Das heißt mit Naturwissenschaftlern - ähem, Medizinern - ähem, Theologen.

Allerdings hab' ich mir den Ruhestand anders vorgestellt, geb' ich gern zu. Und diese Spätkarriere, wo ich dieses interdisziplinäre Denken jetzt auf diese Materie übertragen hab', die hat mir der Staat beschert - ähem, indem er mich mit etwa 30 Antennen in naher Umgebung umgeben hat. Zuerst hab' ich ..., zuerst hab' ich darauf reagiert, dann meine Frau, inzwischen auch ein Buchenwald, der eingegangen ist. Und das hat mich zum Kritiker gemacht, der sich mit der Materie sehr genau inform... - ähem, eingelassen hat seit etwa 10 Jahren.

Wer mag, kann sich das im Original - ähem, hier anhören und ansehen, Prof. Richter kommt bei etwa 55 Prozent der Gesamtlänge des Videos an die Reihe, nach Warnke und Kern.

Anmerkung: Sollte Herr Richter sich tatsächlich schon seit 1998 kritisch mit möglichen biologischen Nebenwirkungen des Mobilfunks befasst haben, muss er viele Jahre lang ein ungewöhnlich stiller Mobilfunkgegner gewesen sein. Denn die überregionale Anti-Mobilfunk-Szene wurde auf Richter erst acht Jahre später aufmerksam (2006).

Mir hat es der arme Buchenwald angetan. Ein ganzer Wald, weggebrannt von den Funkstrahlen eines Funkturms mit vielen Mobilfunkantennen ... So etwas Tolles hatte ich bislang noch nicht gehört.

Doch weil ich Mobilfunkgegnern schon lange nicht mehr über den Weg traue, machte ich mich auf die Suche nach diesem Buchenwald ... Die Recherche führte nach nur drei Stationen ins Ziel.

Station 1: Funkmasten nahe Richters Wohnstatt

Das folgende Bild zeigt, wo in der Nähe von Prof. Richters Häuschen (roter Punkt) Mobilfunksender stehen (orangene Dreiecke). Und tatsächlich, einer der beiden Mobilfunk-Standorte befindet sich inmitten eines Waldes, rund 190 Meter vom Haus des emeritierten Literaturprofessors entfernt (Dreieck links). Das muss der Funkturm sein, der Richter angeblich den Buchenwald vor der Nase weggeputzt hat. Wer sich das selber in der Karte der BNetzA ansehen möchte, bitte hier entlang.

Lageplan Funkmasten und Wohnhaus Richter
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Bild: BNetzA

Station 2: Buchenwald orten

Den Standort im Wald habe ich mit der IZgMF-Winkelscheibe näher untersucht. Ziel war es herauszufinden, wo genau denn die Hauptstrahlrichtungen der vielen Antennen verlaufen. Das Ergebnis der Prüfung ist für Karl Richter höchst erfreulich: Sein Haus liegt in keiner Hauptstrahlrichtung, sondern genau zwischen zwei Hauptstrahlrichtungen. Das folgende Bild verdeutlicht diese Situation. Die weißen Linien sind die Hauptstrahlrichtungen (HSR) aller Antennen auf dem Funkmast im Wald. Die gelbe Linie ist keine HSR, sie soll nur zeigen: Richters Haus liegt genau zwischen zwei HSR. Und wer glaubt, acht weiße Linien würden acht Antennen auf dem Funkturm bedeuten, der liegt falsch. Der Turm hat viel mehr Antennen, etliche davon haben jedoch die selbe HSR.

Hauptstrahlrichtungen (weiße Linien) der Antennen vor Herrn Richters Haus
[image]
Bild: Google Earth/IZgMF

Station 3: Reise zurück ins Jahr 2000

Nachdem jetzt bekannt war, wo sich die mörderischen Funkstrahlen ihren Weg durchs Geäst des Buchenwaldes vor Herrn Richters Haustüre fraßen, machte ich mich mit Hilfe von Google Earth daran, Spuren dieser Vernichtung aus der günstigen Vogelperspekive zu recherchieren. Dabei half mir die Historien-Funktion des Erdbetrachters, mit der man quasi für jede beliebige Ansicht eine Zeitreise in die Vergangenheit machen kann. Mit dieser Funktion gelang es mir, den Buchenwald vor Richters Tür auf vier Stationen bis zurück ins Jahr 2000 sichtbar zu machen. Die anderen Stationen sind 2003, 2005 und 2008 (siehe Fotos unten). Zur besseren Orientierung sind in den Fotos der Standort des Funkturms im Wald und Richters Haus markiert:

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Bilder: Google Earth/IZgMF

Man muss kein Botaniker sein, um anhand der Bildfolge zu erkennen, dem Wald vor der Haustür des Ex-Literaturprofessors ist der Funkturm schlichtweg egal. Von Schäden, von Brennpfaden entlang der HSR oder von irgendwelchen anderen Auffälligkeiten ist in den Fotos nichts zu erkennen. Nichts deutet darauf hin, dass die Behauptung Karl Richters, der Buchenwald sei eingegangen, den Tatsachen entspricht. Sollte der Gründer der sogenannten Kompetenzinitiative herbstlichen Blattfall irrtümlich dem ihm verhassten Funkturm angelastet haben? Lachen Sie nicht! In der Anti-Mobilfunk-Szene ist nichts absurd genug, um damit subjektiv empfundene Notlagen zu begründen. Oder redete Richter vielleicht von einem ganz anderen Buchenwald? Nein, aus dem Kontext seiner Einleitung geht hervor, er redete von seinem Wohnumfeld, der untersuchte Standort muss also der richtige sein.

Was immer Karl Richter gesehen haben mag, es war entweder so marginal, dass die Formulierung vom eingegangenen Wald eine schamlose Übertreibung ist, oder es war etwas, was nur er allein sehen kann und sonst niemand.

Game over. Next Player.

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Tags:
Game over, sekundärer Krankheitsgewinn, Richter, Querulant, Baum, Elektrosmog, Dossier, Unbelehrbaren, Gerüchte, Botaniker, Cargo-Kult, Seniorenvereinigung, Niederlage, Steinhardt-Verlag, sozialisieren, Egomanie

Danke für diese gelungene Recherche!

Alexander Lerchl @, Mittwoch, 01.07.2015, 20:54 (vor 1477 Tagen) @ H. Lamarr

Was immer Karl Richter gesehen haben mag, es war entweder so marginal, dass die Formulierung vom eingegangenen Wald eine schamlose Übertreibung ist, oder es war etwas, was nur er allein sehen kann und sonst niemand.

Game over. Next Player.

Hervorragende Recherche, vielen Dank! Das wird ein weiteres Highlight in meinen Vorlesungen.

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"Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Vince Ebert

Elektrosensibel bei <0,5 Promille Grezwertausschöpfung

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 01.07.2015, 23:14 (vor 1477 Tagen) @ Alexander Lerchl

Hervorragende Recherche, vielen Dank! Das wird ein weiteres Highlight in meinen Vorlesungen.

Dann sollten Sie mit einem Satz auch noch die folgende Fortsetzung erwähnen:

[image] Die beiden grünen Punkte in der Karte der BNetzA sind bekanntlich amtliche Messpunkte. Dort wurde also mal von einem Fachmann die Immission am Erdboden gemessen. Im konkreten Fall wurde unmittelbar vor Prof. Richters Haus am 12. Januar 2012 gemessen. Amateurfunk, Betriebsfunk, Datenfunk, Rettungsfunk und Rundfunk bewirkten damals eine Grenzwertausschöpfung von 0,787 Prozent. Das ist verdammt wenig. Noch viel schwächer ist mit 0,0409 Prozent die Mobilfunkimmission gewesen, die aus Sicht des Literaturprofessors ganz allein den Buchenwald vor seiner Tür auf dem Gewissen hat.

Interessant ist der zweite Messpunkt vom 27. Juni 2005, der so ziemlich genau auf der 90-Grad-HSR liegt und vom Bauchgefühl her höhere Werte zeigen müsste. Tut er aber nicht: Rundfunk und Co. schlugen damals mit 0,79 Prozent zu Buche, Mobilfunk nur mit 0,00878 Prozent!

Mobilfunkgegner Richter könnte seinen Nachbarn jetzt Angst machen und dramatisieren, die Mobilfunkimmission in der Wohngegend dort habe von 2005 auf 2012 um mörderische 465 Prozent (Faktor 4,65) zugenommen. Das wäre noch nicht einmal gelogen. Da dieser vermeintlich erhebliche Zuwachs jedoch auf sehr niedrigem Niveau stattfand (von 0,00878 Prozent auf 0,0409 Prozent) bleibt von dem Höllenhund bei Licht betrachtet nur ein Zwergpinscher übrig.

Fazit: Sogar einen Literaturprofessor sollte eine Grenzwertausschöpfung von weniger als einem halben Tausendstel des erlaubten Werts draußen vor seinem Haus beruhigen (drinnen noch viel weniger). Doch wahrscheinlich braucht Herr Richter meine Hilfe gar nicht. Denn seit seinem öffentlichen Bekenntnis, er reagiere auf EMF, sind sieben Jahre verstrichen, ohne dass ein Wohnsitzwechsel stattgefunden hat. Kann dann wohl nicht so schlimm sein, darf der unbeteiligte Beobachter mutmaßen. Ein Präzedenzfall aus München stützt diese Mutmaßung.

Schade, dass Herr Richter kein Naturwissenschaftler ist oder wenigstens Elektrotechniker, ich könnte mir vorstellen, dass bei ihm dann alles ganz anders und vor allem besser gekommen wäre.

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Tags:
Grenzwertausschöpfung, Auszug, Bauchgefühl

Video mit Prof. Karl Richter wurde entfernt

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 29.03.2017, 13:12 (vor 840 Tagen) @ H. Lamarr

Allerdings hab' ich mir den Ruhestand anders vorgestellt, geb' ich gern zu. Und diese Spätkarriere, wo ich dieses interdisziplinäre Denken jetzt auf diese Materie übertragen hab', die hat mir der Staat beschert - ähem, indem er mich mit etwa 30 Antennen in naher Umgebung umgeben hat. Zuerst hab' ich ..., zuerst hab' ich darauf reagiert, dann meine Frau, inzwischen auch ein Buchenwald, der eingegangen ist. Und das hat mich zum Kritiker gemacht, der sich mit der Materie sehr genau inform... - ähem, eingelassen hat seit etwa 10 Jahren.

Wer mag, kann sich das im Original - ähem, hier anhören und ansehen, Prof. Richter kommt bei etwa 55 Prozent der Gesamtlänge des Videos an die Reihe, nach Warnke und Kern.

Die Quelle (Video) wurde - ähem, zwischenzeitlich entfernt, so dass der Link ins Leere führt. Schade eigentlich –, ähem. Organisierte Mobilfunkgegner versuchen bereits seit geraumer Zeit, für sie unerquickliche Quellen im Netz unsichtbar zu machen. Ein nachvollziehbares Unterfangen, wer lässt sich schon gerne zum Narren machen. Richtig schlimm sind diese Putzaktionen mMn nicht, denn die Szene hat in den vergangenen zehn Jahren nicht viel dazu gelernt und tischt der Öffentlichkeit unverdrossen weiter Stuss auf. Für ständigen Nachschub ist also gesorgt, besondere Verdienste erwerben sich hierbei die beiden aktiven Diagnose-Funker.

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