Sozialmedizinische Begutachtung von MCS (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 19.05.2015, 20:01 (vor 2757 Tagen)

In Heft 1/2015 der Verbandszeitschrift UMG schreibt Rechtsanwalr Wilhelm Krahn-Zembol über die "Bewertung der Leitlinien der Deutschen Rentenversicherung für die sozialmedizinische Begutachtung Teil 1: Multiple Chemikalienüberempfindlichkeit (Multiple Chemical Sensitivity, MCS)". Kran-Zembol beklagt in dem Artikel, die DRV ordne in ihren Leitlinien von 2012 die "MCS" den psychischen Störungen und Verhaltensstörungen zu. Der aktuelle wissenschaftliche Kenntnisstand werde nicht berücksichtigt. Die Leitlinien stünden daher im Widerspruch zu höherrangigen gesetzlichen Vorgaben, nach denen der aktuelle wissenschaftliche Kenntnisstand für die Begutachtung zugrunde zu legen sei.

Überzeugte "Elektrosensible" sollten sich indes von dem Artikel nicht allzu viel versprechen, "EHS" kommt darin nicht vor. Auch nicht in Teil 2, der sich mit dem Chronischen Müdigkeitssyndrom befassen wird (CFS).

Hintergrund
Leitlinie Sozialmedizinische Beurteilung bei psychischen und Verhaltensstörungen
(Hinweis: Um als PDF erkannt zu werden, muss die von der DRV herunter geladene Datei ggf. umbenannt werden in xxx.pdf)

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
MCS, UMG, Verhaltensstörung, Verbandszeitung, Kran-Zembold

Auszug aus den Leitlinien zur Begutachtung

H. Lamarr @, München, Dienstag, 19.05.2015, 20:22 (vor 2757 Tagen) @ H. Lamarr

Hintergrund
Leitlinie Sozialmedizinische Beurteilung bei psychischen und Verhaltensstörungen

Auszug aus dem verlinkten PDF, in dem es ebenfalls an keiner Stelle um EHS geht, sondern um ... (die Hervorhebungen habe ich eingefügt):

8.4.1.8 Spezielle Syndrome von Relevanz für die psychiatrisch-psychotherapeutische Begutachtung
„Multiple Chemical Sensitivity-Syndrom" (MCS), "Idiopathic Environmental Intolerances" (IEI), "Sick Building-Syndrom" (SBS)

In den letzten Jahren ist eine Reihe von Beschwerdebildern und gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit modern anmutenden Bezeichnungen formuliert worden, deren Verursachung schädlichen Umwelteinflüssen zugeschrieben wird und die daher auch als „Umwelterkrankungen" zusammengefasst werden. Allerdings geht auch die 10. Revision der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebenen "Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme" (ICD-10) bei MCS / IEI / SBS wegen der fehlenden wissenschaftlichen Evidenz nicht von eigenständigen Krankheitsentitäten aus, zumal toxikologisch und immunologisch keine die Symptomatik erklärenden Befunde ermittelt werden konnten.
Die Beschwerden bei „Umwelterkrankungen" sind vielfältig. Häufig werden die folgenden in unterschiedlicher Kombination beklagt:

- Schleimhautreizungen
- Atembeschwerden
- Hautveränderungen, -reizungen
- Müdigkeit
- Schlafstörungen
- Schwindel
- Kopfschmerzen
- Konzentrationsstörungen
- Appetitlosigkeit
- Gelenk- und Muskelbeschwerden

Die Symptomatik ist wechselhaft und unspezifisch, neigt in hohem Maße zur Chronifizierung und Ausweitung und ist mit einem ausgeprägten Leidensdruck der Betroffenen verbunden. Als charakteristisch gilt in Kreisen der vehementen Befürworter der Umweltkausalität, dass die Beschwerden bei empfänglichen Personen bereits durch niedrigste Konzentrationen ubiquitär in der Umwelt vorkommender chemischer Substanzen ausgelöst werden. Die aktuelle wissenschaftliche Befundlage zu den „Umwelterkrankungen" ist mit einem solchen ausschließlich toxikologischen Erklärungsansatz jedoch nicht vereinbar. Vielmehr ist in jedem Einzelfall neben der Berücksichtigung einer möglichen nachweisbaren umweltbedingten (Mit-)Verursachung der Beschwerden immer auch die sorgfältige Einbeziehung anderweitiger Bedingungsfaktoren (unter anderem psychosozialer Art) erforderlich.
Eine Vermeidung der mutmasslichen Auslöser der Beschwerden ist aufgrund ihres ubiquitären Vorkommens und der postulierten Niedrigstdosis-Wirkung ohne Schwellenwert kaum möglich und die Kausalattribution in Bezug auf eine im Verlauf zunehmende Anzahl vermeintlich schädigender Substanzen fuhrt bei den Betroffenen letztlich nicht selten zu völligem sozialen Rückzug. Gelegentlich werden ausschliesslich am Arbeitsplatz ausgemachte Expositionen angeschuldigt, mit der Folge langdauernder Arbeitsunfähigkeit und schliesslicher Kündigung.

Es muss zwischen diesen diffus operationalisierten, subjektiv auf spezifische Umwelteinflüsse projizierten „Umwelterkrankungen" wie MCS, und durch nachweisbare Umweltbelastungen bei Exponierten verursachten und mit reproduzierbarer Symptomatik interindividuell gleichartig auftretenden Erkrankungen beziehungsweise Intoxikationen (zum Beispiel Asbest-, Blei-, Dioxinbelastung, hormonaktive Phtalate als „Weichmacher" in Kunststoffprodukten) unterschieden werden. Dies setzt eine sorgfältige multidisziplinäre Diagnostik voraus.

Die „Umwelterkrankungen" zeigen deutliche Überschneidungen mit psychischen Störungen wie somatoformen Störungen, Depressionen und Angststörungen, aber auch mit organisch bedingten Erkrankungen, die mit derartigen unspezifischen Beschwerden einhergehen können, wie beispielsweise Virusinfektionen, Allergien oder Karzinomerkrankungen. Je nach Studie finden sich bei 40 bis 75 % der Patienten mit umweltbezogenen Beschwerden somatoforme Störungen.
Darüber, wie genau der Zusammenhang zwischen den festgestellten psychischen Störungen und der MCS-Symptomatik beschaffen ist, wird kontrovers diskutiert.
Es existiert kein einziger diagnostischer Parameter, mit dem eine MCS spezifisch und valide nachgewiesen werden konnte. Der Nachweis niedrigster Konzentrationen angeschuldigter Substanzen aus der Umwelt in Körperflussigkeiten eines Probanden kann nicht ohne weiteres als Beweis eines Kausalzusammenhanges mit den vorhandenen Beschwerden herangezogen werden.
Eine zentrale Problematik in der Diagnostik, Behandlung und Begutachtung von Menschen mit MCS-Beschwerden resultiert daraus, dass die Beschwerden überwiegend subjektiver und unspezifischer Natur und damit ähnlich schwierig objektivierbar sind, wie es bei Schmerzen der Fall ist.

Bis heute existiert keine umfassende wissenschaftliche Fundierung der „Umwelterkrankungen". Auch aktuellere Studien haben keine eindeutigen Ursache Wirkungs-Zusammenhange ermitteln können. Die im wissenschaftlichen Bereich diskutierten Hypothesen reichen weiterhin von der Exposition gegenüber Umweltgiften über immunologische Fehlregulationen und spezifische Virusinfektionen bis hin zu Assoziationen mit traumatischen Kindheitserlebnissen - eindeutige Belege für eine spezifische Ursache gibt es nicht. Die im Rahmen einer Studie des Robert-Koch-Institutes durchgeführte standardisierte psychiatrische Diagnostik (CIDI) hat ergeben, dass Umweltambulanzpatienten signifikant häufiger unter psychischen Störungen leiden als die vergleichbare Allgemeinbevolkerung und dass die psychischen Storungen bei den meisten Patienten den umweltbezogenen Beschwerden zeitlich weit vorausgehen.
Durch das bei den Betroffenen extrem auf ausschliesslich toxikologische Einflüsse bei genetisch bedingter „Überempfindlichkeit" fixierte Krankheitskonzept wird die Aufnahme einer sinnvollen und pragmatischen, biologische, psychische und soziale Faktoren einbeziehenden Behandlung und Bewältigung der Beschwerden in vielen Fallen verhindert. Von den meisten Betroffenen wird die Feststellung organischer und externer Ursachen tendenziell als entpflichtend, dem eigenen Einfluss entzogen und gegebenenfalls zur Entschädigung berechtigend erlebt, wahrend psychische Einflussfaktoren ähnlich wie psychische Krankheiten immer noch der Stigmatisierung unterliegen und im Erleben sogar mit eigenem schuldhaftem Verhalten assoziiert werden. Diese einseitigen Einstellungen erschweren einen eigenverantwortlichen Umgang mit den Beeinträchtigungen und werden beispielsweise auch von manchen Interessenverbänden und Ärzten gefordert. Internetseiten spielen dabei eine wachsende Rolle. Nicht selten bindet bei einer vermuteten externen Ursache der Beschwerden ein energisch geführter Kampf um Anerkennung und Entschädigung (zum Beispiel eine Rentenzahlung) wertvolle Ressourcen der Betroffenen für Behandlung und aktivierende Rehabilitation

Insbesondere psychologische und psychotherapeutische Interventionen (kognitive Verhaltenstherapie) stossen daher häufig auf massive Ablehnung, aber auch die bei MCS-Beschwerden angezeigten körperlich aktivierenden und die soziale Teilhabe fördernden Therapieangebote werden nicht selten als Zumutung erlebt.
Inaktivierung, Schonung und länger dauernde Krankschreibung leisten jedoch der Chronifizierung eindeutig Vorschub. Eine pharmakologische Behandlung ist mit Ausnahme der Therapie einer eventuellen Grunderkrankung (zum Beispiel einer Depression) in der Regel verzichtbar. Sogenannte alternativmedizinische Methoden wie beispielsweise die Ausleitung mutmasslich für die Multiple Chemikaliensensitivitat verantwortlicher und im Körper akkumulierter Giftstoffe oder schädlicher Stoffwechselprodukte sind medizinisch bestenfalls harmlos, häufig aber mit nicht unerheblichen finanziellen Aufwendungen für die Betroffenen verbunden. Eine spezifische, kausale Behandlung der Beschwerdekomplexe steht bislang nicht zur Verfügung, und die berichteten Erfolge mit besonderen Therapiemethoden oder Diäten beziehen sich auf Einzelfälle oder basieren auf methodisch zweifelhaften Studien.
weiter geht es im oben verlinkten PDF ...

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Gesundheitsstörung, Frühverrentung, Stigmatisierung, Psychische Krankheit, Somatoforme Störung, Psyche, Dioxin, ICD-10, Weichmacher, Sick Building

Der Baum subjektiven Glaubens, der Nocebos wie Früchte trägt

Gast, Mittwoch, 20.05.2015, 23:19 (vor 2756 Tagen) @ H. Lamarr

Zwei Zitate aus "Chemikalien-Syndrome – Fiktion oder Wirklichkeit?" von E. Habermann:

„Klinische Ökologen erfinden die zugehörige Diagnostik und Therapie, Ärzte und Sanatorien wenden sie an und verdienen ihr Geld, Gerichte stellen die Therapiebedürftigkeit fest, und Kassen zahlen dafür.
Der Baum subjektiven Glaubens, der Nocebos wie Früchte trägt, wird als Baum objektiver Erkenntnis verkannt.“

„Viele Betroffene haben sich eine Burg aus dem Steinbruch der Wissenschaft errichtet und dabei ihre tiefsten Überzeugungen als Mörtel eingetragen. Sie empfinden es als Kränkung, wenn die harten Wissenschaftler nach getaner Arbeit das Problem als psychosozial an die Psychologen und Soziologen weiterreichen."

Gefunden in diesem PDF von Dr. med. Wolfgang Hausotter.

Tags:
Psychologen, Zitat

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