EMF-Expertengruppe hat gute Argumente für Mobilfunkgegner (Forschung)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 01.03.2015, 14:19 (vor 1717 Tagen)

Im Rahmen der Erarbeitung des Berichts über eine mögliche Anhebung der Grenzwerte in der Schweiz wurde eine interdisziplinäre Expertengruppe beauftragt, Hinweisen auf biologische Risiken infolge EMF-Einwirkung nachzugehen und sie zu bewerten. Das Ergebnis findet sich im Bericht "Beurteilung der Evidenz für biologische Effekte schwacher Hochfrequenzstrahlung" (PDF, 53 Seiten), aus dem nachstehend die zusammenfassenden Schlussfolgerungen zitiert werden [Nachtrag 02.10.2019: Link zum PDF führt nicht mehr zum Ziel, Ersatzlink]. Die Expertengruppe hat Berichte über Human-, Tier- und Zellstudien gesichtet und die aus ihrer Sicht relevanten Befunde ausgewählt. Die Bewertung konzentrierte sich auf die Frage, wie sicher ein berichteter Effekt nach wissenschaftlichen Kriterien nachgewiesen ist.

Fazit der Expertengruppe

  • Die von der ICNIRP empfohlenen Grenzwerte weisen einen kleineren Sicherheitsfaktor zu thermisch bedingten Schädigungen auf als bisher angenommen.
  • Bei Einhaltung des ICNIRP-Basisgrenzwertes können einzelne Zellen deutlich über diesem Grenzwert exponiert sein. Grund dafür ist die von der ICNIRP vorgesehene Mittelung über 10 Gramm Körpergewebe bei lokal begrenzter Exposition bzw. über den ganzen Körper bei ausgedehnter Exposition.
  • Es besteht ausreichende Evidenz dafür, dass eine kurzfristige Exposition des menschlichen Kopfes die Hirnströme beeinflusst. Der Effekt tritt bei Intensitäten im Bereich des ICNIRP-Grenzwertes für lokale Belastung auf.
  • Es besteht begrenzte Evidenz für eine Beeinflussung der Durchblutung des Gehirns, für eine Beeinträchtigung der Spermienqualität, für eine Destabilisierung der Erbinformation, sowie für Auswirkungen auf die Expression von Genen, den programmierten Zelltod und oxidativen Zellstress bei Expositionen mit Strahlung im Intensitätsbereich des ICNIRP-Grenzwertes für lokale Belastung.
  • Für weitere Auswirkungen wird die Evidenz als unzureichend beurteilt. Diese Auswirkungen können beim derzeitigen Kenntnisstand jedoch zumindest nicht ausgeschlossen werden.
  • Die Studienlage zu langfristigen Auswirkungen von Expositionen, wie sie durch ortsfeste Sendeanlagen auftreten, ist immer noch sehr dünn, so dass gesundheitliche Auswirkungen wie ein erhöhtes Krebsrisiko und Beeinträchtigungen des Wohlbefindens nicht mit genügender Sicherheit ausgeschlossen werden können.
  • Es wurden mehrfach modulationsspezifische Effekte gefunden, die zeigen, dass nicht nur der Energieeintrag, sondern auch die Charakteristik des Expositionssignals eine Rolle spielt. Dies ist nicht mit dem thermischen Wirkungsmodell kompatibel.
  • Nur für wenige untersuchte Endpunkte kann beim heutigen Kenntnisstand Entwarnung gegeben werden.

Für die Evidenzbewertung gibt die Expertengruppe folgende Definitionen:

Ausreichende Evidenz: Es wurde ein positiver Zusammenhang zwischen Exposition und Effekt beobachtet. Der Effekt wurde in mehreren Studien von unabhängigen Forschern oder mit verschiedenen Untersuchungsprotokollen bestätigt, und es besteht eine einheitliche Expositions-Wirkungsbeziehung. Andere Einflussfaktoren (Confounder) können mit zufriedenstellender Sicherheit ausgeschlossen werden.

Begrenzte Evidenz: Die Evidenz für den Effekt beruht nur auf wenigen Studien, oder es bestehen ungeklärte Fragen hinsichtlich Studiendesign, Durchführung oder Interpretation der Studien. Andere Einflussfaktoren können in den vorliegenden Studien nicht mit zufriedenstellender Sicherheit ausgeschlossen werden.

Unzureichende Evidenz: Die Qualität, Übereinstimmung oder statistische Aussagekraft der vorliegenden Studien lässt keine eindeutigen Schlussfolgerungen zu.

Die Mitglieder der Expertengruppe waren:

Kerstin Hug, Swiss TPH
Peter Achermann, Universität Zürich
Gregor Dürrenberger, FSM
Niels Kuster, IT’IS Foundation
Meike Mevissen, Universität Bern
Primo Schär, Universität Basel
Martin Röösli, Swiss TPH

Kommentar: Der Bericht der Expertengruppe ist seit Juni 2014 öffentlich zugänglich. Warum sich Mobilfunkgegner die kritischen Töne der Experten nicht zueigen gemacht haben, um ihre bislang dilettantische Argumentation endlich einmal gegen ernst zu nehmende Sachargumente auszutauschen, ist mir unverständlich. Möglicherweise sind es die tiefen Berührungsängste, die organisierte Mobilfunkgegner seit jeher davon abhalten, ihnen verdächtig erscheinenden Wissenschaftlern zu trauen. Dass diese Ablehnung sogar auf qualifizierte Sachargumente gegen Mobilfunk durchschlägt, zeigt mMn sehr schön, wie verbohrt die Sprachrohre der Anti-Mobilfunk-Szene sind und wie gering das wahre Interesse an einer Sachauseinandersetzung ist (anstelle von Panikschürerei).

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Tags:
ICNIRP, Hirndurchblutung, Schär, Spermien, Kuster, Achermann, Röösli, Studiendesign, Dürrenberger, Wärmeeffekt, Sachargumente, Basel, Hug, oxidativen Zellstress, IT’IS Foundation

EMF-Expertengruppe: Evidenzbetrachtungen zu "Elektrosmog"

H. Lamarr @, München, Samstag, 16.04.2016, 14:24 (vor 1305 Tagen) @ H. Lamarr

Im Rahmen der Erarbeitung des Berichts über eine mögliche Anhebung der Grenzwerte in der Schweiz wurde eine interdisziplinäre Expertengruppe beauftragt, Hinweisen auf biologische Risiken infolge EMF-Einwirkung nachzugehen und sie zu bewerten.

Hier die Findungen der Expertengruppe (Stand: Mitte 2014) noch einmal etwas ausführlicher:

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Forschung eine Reihe von neuen Erkenntnissen zu den Auswirkungen von hochfrequenter Strahlung geliefert hat. Im Folgenden sind die wichtigsten Erkenntnisse aufgelistet, welche relevant für die Festlegung der Grenzwerte sind:

  • Verbesserte dosimetrische Analysen zeigen, dass bei Fernfeldexposition auch unter Einhaltung der ICNIRP-Referenzwerte die Basisgrenzwerte überschritten werden können (z.B. bei Kindern) (siehe Kapitel 3.2). Damit ist im ungünstigsten Fall der Sicherheitsfaktor bei der Grenzwertfestsetzung kleiner als angenommen.
  • Die Studienlage zu langfristigen Auswirkungen von Expositionen, wie sie durch ortsfeste Sendeanlagen auftreten, ist immer noch sehr dünn, so dass gesundheitliche Auswirkungen wie ein erhöhtes Krebsrisiko und Beeinträchtigungen des Wohlbefindens nicht mit genügender Sicherheit ausgeschlossen werden können (siehe Kapitel 5).
  • Evidenz für eine Beeinflussung von Hirnströmen bei jungen Probanden bei bzw. nach einer kurzfristigen Exposition in der Höhe von 1 bis 2 W/kg ist vorhanden (siehe Kapitel 6.1). Diese physiologischen Effekte wirken sich nicht auf die kognitive Leistungsfähigkeit oder die Schlafqualität aus und es ist unklar, ob die Veränderungen eine Bedeutung für die Gesundheit haben.
  • Es wurden Hinweise gefunden (begrenzte Evidenz), dass Hochfrequenzexpositionen im Bereich von 1 bis 2 W/kg die Durchblutung und den Stoffwechsel des Gehirns von Probanden beeinflussen (siehe Kapitel 6.2). Auch diesbezüglich gilt wie bei den Hirnströmen, dass es unklar ist, ob die beobachteten Veränderungen eine Bedeutung für die Gesundheit haben. Es wurden auch Hinweise gefunden, dass Hochfrequenzexpositionen im Bereich von 1 bis 2 W/kg die Spermienqualität beeinträchtigen (Kapitel 5.4). In zell- und tierexperimentellen Studien wurden teilweise indirekte Auswirkungen auf die Stabilität der Erbinformation, die Expression von Genen, den Zelltod und die daran beteiligten Kontrollmechanismen sowie auf den oxidativen Zellstress beobachtet (siehe Kapitel 7.2.).
  • Für weitere Auswirkungen wurde die Evidenz als unzureichend beurteilt (siehe Tabelle 5). Diese Auswirkungen können beim jetzigen Kenntnisstand jedoch nicht ausgeschlossen werden.
  • Es wurden mehrfach modulationsspezifische Effekte gefunden, die zeigen, dass nicht nur der Energieeintrag, sondern auch die Charakteristik des Expositionssignals eine Rolle spielt. Dies ist nicht mit dem thermischen Wirkungsmodell kompatibel. Die plausibelsten biophysikalischen Wirkungsmechanismen im Niedrigdosisbereich sind der Radikalpaar-Mechanismus und physiologische Prozesse, die sehr temperatursensitiv sind (siehe Kapitel 8).
  • Nur für wenige untersuchte Endpunkte kann beim heutigen Kenntnisstand Entwarnung gegeben werden (siehe Tabelle 5). Allerdings bleibt hier anzumerken, dass der wissenschaftliche Nachweis der Abwesenheit einer gesundheitsschädlichen Wirkung formal nicht möglich ist, da man nie sicher sein kann, ob wirklich alle relevanten Prozesse angeschaut wurden. In der Praxis wird man jedoch durchaus Entwarnung geben, wenn für eine bestimmte gesundheitliche Auswirkung genügend konsistente empirische Daten vorliegen, wie dies beispielsweise heute für die kurzfristigen Auswirkungen der Mobilfunknutzung auf Hirntumore der Fall ist.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Sicherheitsfaktoren bei der Grenzwertsetzung in bestimmten ungünstigen Situationen überschätzt werden (z.B. bei MRI). Weiter gibt es Hinweise für das Auftreten von modulationsspezifischen Wirkungen, die nicht mit dem thermischen Wirkungsmodell erklärbar sind. Hier braucht es ein besseres Verständnis der biophysikalischen und biologischen Mechanismen, die den beobachteten biologischen Effekten von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern zugrunde liegen. Erst dieses Wissen reduziert die bestehenden Unsicherheiten der hochfrequenten EMF Belastung bezüglich möglicher Auswirkungen auf die Gesundheit, insbesondere auch im Niedrigdosisbereich und bei langfristigen Expositionen.

Hintergrund
Schweiz: Angriff auf Anlagegrenzwert hat am 1.2.2016 begonnen

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Tags:
Hirnströmen, Durchblutung, Stoffwechsel, Leistungsfähigkeit, Expositionssignal

Warum Mobilfunkgegner auf Seichtes angewiesen sind

H. Lamarr @, München, Samstag, 16.04.2016, 15:53 (vor 1305 Tagen) @ H. Lamarr

Kommentar: Der Bericht der Expertengruppe ist seit Juni 2014 öffentlich zugänglich. Warum sich Mobilfunkgegner die kritischen Töne der Experten nicht zueigen gemacht haben, um ihre bislang dilettantische Argumentation endlich einmal gegen ernst zu nehmende Sachargumente auszutauschen, ist mir unverständlich. Möglicherweise sind es die tiefen Berührungsängste, die organisierte Mobilfunkgegner seit jeher davon abhalten, ihnen verdächtig erscheinenden Wissenschaftlern zu trauen. Dass diese Ablehnung sogar auf qualifizierte Sachargumente gegen Mobilfunk durchschlägt, zeigt mMn sehr schön, wie verbohrt die Sprachrohre der Anti-Mobilfunk-Szene sind und wie gering das wahre Interesse an einer Sachauseinandersetzung ist (anstelle von Panikschürerei).

Seit obigem Kommentar sind bald zwei Jahre vergangen. Hat sich die Anti-Mobilfunk-Szene inzwischen offen die Sachargumente der Expertengruppe zueigen gemacht? Ich habe in Google nachgesehen, wer heute auf das Dokument der Expertengruppe verlinkt. Google meldet 16 Treffer, auch nur ein einziger Anti-Mobilfunk-Verein ist nicht darunter. Lediglich eine Facebook-Seite gegen Mobilfunk bedient sich des Dokuments, um eine leidlich alarmierende Passage daraus zu zitieren.

Warum tragen laute Mobilfunkgegner wie der Diagnose-Funker Jörn Gutbier bei "Infoveranstaltungen" lieber seichte und zum Teil reichlich unqualifizierte Argumente vor, statt auf die qualifizierten Argumente der Expertengruppe zurück zu greifen?

Ich meine diese Mobilfunkgegner stecken in einer Zwickmühle: Einerseits würden sie die guten Argumente gegen Mobilfunk mit Kusshand verwenden, andererseits können sie das nicht, weil die Wissenschaftler der Expertengruppe von der "anderen Seite" sind, die zuvor von den Gegnern dummerweise übel stigmatisiert wurde. Sich unter diesen Umständen offen der Argumente des Gegners zu bedienen käme einem Gesichtsverlust gleich. Aus dieser Nummer kommen Gutbier und Co. nur heraus, wenn sie die Argumente der Experten umformulieren und ohne Quellenangabe zu den ihren machen. Das wäre zwar nicht sonderlich ehrenwert, die Szene ist allerdings auch nicht für überbordernde Fairness berühmt. Es könnte sich also durchaus lohnen, in den Argumenten referierender Mobilfunkgegner nach verborgenen Spuren der sieben Argumente der Expertengruppe zu forschen.

Wer sich wundert, dass Wissenschaftler, der die Gegner eine Nähe zur Mobilfunkindustrie nachsagen, nicht rundweg Entwarnung geben, sondern immerhin sieben gute Argumente für den Köcher der Mobilfunkgegner parat haben, sei auf wirtschaftliche Aspekte verwiesen. Auch Wissenschaftler haben häufig Familie und vielleicht lastet eine Hypothek auf dem Häuschen. Allzu forsch die Unbedenklichkeit des Mobilfunks zu propagieren käme dem Durchsägen des (finanziellen) Astes gleich, auf dem man sitzt. Berühmt-berüchtigt der Schlusssatz im Abstract vieler Studien, in dem Wissenschaftler zur Erkenntnisverdichtung die weitere Erforschung des Themas empfehlen, über das sie soeben publiziert haben. Nicht wenige aufgeregte Mobilfunkgegner erkennen in solchen Empfehlungen ein alarmierendes Forschungsdefizit. Wissenschaftler hingegen geben augenzwinkernd zu, damit zu allererst einmal Geld für weitere Forschung loseisen zu wollen.

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Tags:
Fairness, Wissenschaft

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