ICNIRP zum 50-Hz-Grenzwert: wie es zu den 200 µT kam (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 30.11.2014, 22:48 (vor 1832 Tagen)

Ob es denn für ICNIRP nicht ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt gewesen sei, ausgerechnet dann den zulässigen Grenzwert für 50-Hz-Magnetfelder von 100 µT auf 200 µT zu verdoppeln, wenn die Energiewirtschaft in der EU Bedarf für zahlreiche neue Trassen angemeldet hätte? Das fragte ich kürzlich den ICNIRP-Vorsitzenden R. Matthes. Nein, sagte er, ICNIRP sei ein international aufgestellter Verein, der bei seiner Arbeit nicht auf nationale oder lokale wirtschaftliche Bedürfnisse achte. Die Grenzwertanhebung für 50-Hz-Magnetfelder durch ICNIRP falle daher nur zufällig mit dem sprunghaft wachsenden Trassenbedarf der Energiewirtschaft in Europa zusammen.

Weiter fragte ich, wieso denn überhaupt der Grenzwerte verdoppelt wurde. Er sei gar nicht verdoppelt worden, korrigierte mich Matthes. Der geltende Basisgrenzwert für den maximal zulässigen Körperstrom sei unverändert geblieben. Lediglich der davon abgeleitete und im Alltag messbare Grenzwert (einwirkende magnetische Flussdichte) sei verdoppelt worden.

Oha, ich muss zugeben, diese Erklärung war mir neu. Nur, wie konnte dieser abgeleitete Grenzwert so dir nichts mir nichts hoch gesetzt werden? Matthes: In dem 100-µT-Grenzwert steckte ein großer Sicherheitsaufschlag. Durch genauere numerische Rechenmodelle habe man inzwischen die Zusammenhänge zwischen Basisgrenzwert und abgeleitetem Grenzwert besser untersuchen können. Dabei habe sich gezeigt, der ursprüngliche Sicherheitsaufschlag sei unnötig groß gewesen, er konnte daher ohne Verlust an Schutzwirkung verringert werden.

Hmm, klingt plausibel. Leider ist mir in diesem Moment nicht eingefallen nachzuhaken, wie das alles mit den Hinweisen auf gehäufte Kinderleukämie oberhalb von 0,4 µT Dauereinwirkung zusammen passt. Diese Frage müssen jetzt andere stellen.

Anlass meines Besuchs im BfS (Neuherberg) waren die mehrwöchigen Festivitäten zum 25-Jährigen Bestehen des Amtes. Meine Frau besuchte die Ringvorlesung (NIR) ich trieb mich anlässlich des Festaktes am Schluss der Feierlichkeiten dort herum. Wir konnten keinen einzigen der bekannten Mobilfunkgegner unter den Besuchern entdecken. Dies ist umso erstaunlicher, da das Amt seine Experten dazu verdonnert hatte, für Fragesteller aller Colör bereit zu stehen. Es war also eine günstige Gelegenheit, sich aus erster Hand zu informieren. Matthes traf ich zufällig bei den Stehtischen der Cafeteria, Herr Geschwentner demonstrierte mir an dem bekannten SAR-Messkopf was passiert, wenn man ein Handy "verkehrt herum" in der Hosentasche trägt (Grenzwertüberschreitung) und Frau Pophof gab mir Auskunft, ob der Bohrhammer-Vergleich, mit dem sich ein schweizerischer Dorfelektriker i. R. ins Reich der Biologie vorwagte, tatsächlich anschaulich die Wirkung gepulster "Strahlung" auf Organismen beschreibt.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
ICNIRP, Grenzwert, Leukämie, SAR-Messkopf, Magnetfeld, Hochspannungsleitung, µT, Dorfelektriker

ICNIRP zum 50-Hz-Grenzwert: wie es zu den 200 µT kam

Dr. Ratto, Montag, 01.12.2014, 09:18 (vor 1831 Tagen) @ H. Lamarr

Leider ist mir in diesem Moment nicht eingefallen nachzuhaken, wie das alles mit den Hinweisen auf gehäufte Kinderleukämie oberhalb von 0,4 µT Dauereinwirkung zusammen passt.

Gar nicht, wie in den Guidlines selber nachzulesen ist:

Im Kapitel "SCIENTIFIC BASIS FOR LIMITING EXPOSURE" auf S. 819 steht:
"Only effects for which there was reliable scientific evidence were used as the basis for the exposure restrictions."
Als Grundlage der Guidlines dienten also ausschließlich eindeutig nachgewiesene Effekte (z.B. Nervenreizung, Phosphene). Das ist für kindliche Leukämie nicht der Fall. Hier gibt es einen begründeten Verdacht und einen statistischen Zusammenhang, ob dieser aber auch ursächlich ist bleibt bisher trotz umfangreicher Forschung unklar.
ICNIRP äußert sich dazu ganz am Ende des Dokuments so:
"CONSIDERATIONS REGARDING POSSIBLE LONG-TERM EFFECTS
As noted above, epidemiological studies have consistently found that everyday chronic low-intensity (above 0.3– 0.4 µT) power frequency magnetic field exposure is associated with an increased risk of childhood leukemia. IARC has classified such fields as possibly carcinogenic. However, a causal relationship between magnetic fields and childhood leukemia has not been established nor have any other long term effects been established. The absence of established causality means that this effect cannot be addressed in the basic restrictions. However, risk management advice, including considerations on precautionary measures, has been given by WHO (2007a and b) and other entities."

[Admin: 0.3- 0.4 T geändert auf 0.3- 0.4 µT; 01.12.14, 12:25 Uhr]

ICNIRP zum 50-Hz-Grenzwert: wie es zu den 200 µT kam

Dr. Ratto, Dienstag, 02.12.2014, 15:07 (vor 1830 Tagen) @ H. Lamarr

.... gehäufte Kinderleukämie oberhalb von 0,4 µT Dauereinwirkung...

In einer Publikation, die etwa vor 1 Jahr online veröffentlicht wurde, haben Epidemiologen nachgerechnet. Wäre der Zusammenhang zwischen Magnetfeldern und kindlicher Leukämie kausal, würde es bedeuten, dass innerhalb der 27 EU Länder Jährlich 50 - 60 Fälle (1,5 - 2% aller Fälle) auf Magnetfelder zurückzuführen sind. Die Berechnung ist mit hohen Unsicherheiten behaftet.

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