BioInitiative-Report 2014 vorgelegt? (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 19.04.2014, 13:58 (vor 2039 Tagen)

Die BioInitiative gibt ein irritierendes Lebenszeichen von sich. Gemäß dem US-Nachrichtendienst Business_wire soll die Gruppe am 11. April 2014 ein neues Update ihres Reports aus dem Jahr 2007 vorgelegt haben. Auf der Website der BioInitiative findet sich von diesem Update jedoch keine Spur, gegenwärtig ist dort lediglich das Update des Jahres 2012 aktuell (Stand: 19. April 2014, 13:45 Uhr).

Die Meldung von Bisiness_wire hat bereits den Weg in deutsche Medien gefunden, z.B. am 12. April bei Live-PR. Doch die bescheidene Qualität der Meldung zeigt sich schon im ersten Absatz, in dem es voll Widerspruch heißt:

Die Gruppe hat ein Halbjahresupdate veröffentlicht, das neue wissenschaftliche Studien von 2012 bis 2014 umfasst.

Von Halbjahresupdates des ursprünglichen BioInitiative-Reports kann überhaupt keine Rede sein, dieser Report wurde bislang in sieben Jahren erst einmal aktualisiert und jetzt eben zum zweiten mal.

Selbstverständlich ist auch das jüngste Update alarmierend, die Autoren versuchen es diesmal mit Statistik, indem sie ein Anschwellen der Anzahl alarmierender Studien beobachtet haben wollen:

Laut BioInitiative wurden Auswirkungen auf das Nervensystem bei 68 Prozent der 2014 durchgeführten Studien über Hochfrequenzstrahlung (144 von 211 Studien) berichtet. Dies entspricht einer Steigerung von 63 Prozent gegenüber 2012 (93 von 150 Studien). Bei 90 Prozent der verfügbaren 105 Studien im Jahr 2014 über extrem niedrige Frequenz-Strahlung wurden Auswirkungen auf das Nervensystem berichtet.
Genetische Folgen (Beschädigung der DNA) werden bei 65 Prozent der Studien (74 von 114) über Hochfrequenzstrahlung und bei 83 Prozent der Studien (49 von 59) über extrem niedrige Frequenz-Strahlung berichtet.

Was mit der Wortschöpfung "extrem niedrige Frequenz-Strahlung" gemeint ist erschließt sich einem erst nach einem Blick in die Originalmeldung von Business_wire. Dort ist von "extremely-low frequency studies" die Rede, also von Studien, in denen die Immission nicht elektromagnetische Hochfrequenzfelder sind, sondern niederfrequente elektrische und magnetische Felder (Haushaltsstrom).

Ob die statistische Auswertung stimmt sei dahin gestellt. Da hierzu subjektive Bewertungskriterien mit eingeflossen sein dürften und die Interessen der BioInitiative klar auf Alarmschlagen ausgerichtet sind, sollte eine neutrale Prüfung deutlich andere Ergebnisse hervorbringen.

Auch die folgende Darstellung gibt Anlass zum Stirnrunzeln:

Weil Regierungsbehörden Gewissheit brauchen, um Warnungen herausgeben zu können, sind staatliche Überprüfungen der Gesundheitsfolgen von Wireless-Hochfrequenzstrahlung seitens der Europäischen Union und Australien nach wie vor ergebnislos.

Von einer "Ergebnislosigkeit" kann mMn keine Rede sein. Die Behörden wissen sehr gut über den wissenschaftlichen Stand der EMF-Forschung Bescheid und sehen auf breiter Front keinen Anlass, dem Drängen von Interessengruppen nach niedrigeren Grenzwerten willig nachzugeben. Da ein Restrisiko jedoch nicht auszuschließen ist, sind die Behörden vorsichtig, um sich nicht rechtlich in Erklärungsnöte zu bringen. Diese partielle Unverbindlichkeit lässt sich natürlich trefflich ausweiden, um Zweifel an der Sicherheit der Funktechnik zu säen, die den eigenen Geschäftsinteressen (Abschirmprodukte, Messungen, Medizinprodukte ...) förderlich sind.

Alles in allem sind die Umstände, unter denen dieses neue Update vorgelegt wird, chaotisch und erinnern an die Geburt der Naila-Studie in der Frankenhalle des Städtchens. Auch damals eilte der Medienhype der sachlichen Auseinandersetzung weit voraus und als es dann soweit war, wurde die Bedeutung der Studie Stück für Stück bis auf Null demontiert.

Hintergrund
Das Original des BioInitiative-Reports wurde 2007 vorgelegt und fand unter Mobilfunkgegnern und bei der europäischen Umweltagentur große Beachtung (Hinweis: David Gee, ein Mitarbeiter der Agentur, ist Co-Autor des Reports). Experten waren von dem Report weniger angetan, er enthalte keine neuen Erkenntnisse und bewerte lediglich Fakten anders. Dazu ist anzumerken, dass die Initiatorin des Reports eine Baubiologin in USA ist (Cindy Sage) und so ein lupenreiner Interessenkonflikt vorliegt. Im Januar 2013 kam es zu einem ersten Update des 2007er-Reports. Schon damals zeigte sich ein wenig durchdachtes Marketing, das Update publizistisch zu vermarkten, entsprechend gering war die öffentliche Resonanz. Zwischenzeitlich hatte die BioInitiative versucht, den Zugang zu ihrer Website und zu dem Report kostenpflichtig zu machen, ein Experiment, das alsbald abgebrochen werden musste, vermutlich weil die erwarteten Einnahmen ausblieben. Auffällig an der jetzt verbreiteten englischen Originalmeldung über das jüngste Update ist die alleinige Nennung des Mediziners David O. Carpenter als Kontakt. Die Initiatorin Cindy Sage wird im Text nur noch als Co-Editorin genannt. Möglicherweise soll auf diese Weise der Geburtsfehler des Reports (finanzieller Interessenkonflikt der Initiatorin) kaschiert werden. Komplett raushalten kann sich Mrs. Sage jedoch nicht, sonst könnte der Report die Umsätze ihres Unternehmens nicht befeuern.

Fundstellen im IZgMF-Forum zum Suchwort "BioInitiative".

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Sage, Gee, Australien, BioInitiative-Report, Carpenter

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