Studieninterpretation für Dummies (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 28.03.2014, 01:04 (vor 3737 Tagen)

Eine unangenehme Begleiterscheinung des Internets sind die zahllosen Instant-Experten, die sich auch in der Mobilfunkdebatte über die Bewertung von Studien aller Art hermachen. Dass es für eine kompetente Bewertung solide Fachkenntnis bedarf, kommt den googlenden Instant-Experten erst gar nicht in den Sinn, zu sehr sind sie verzückt von der eigenen Selbstüberschätzung. Das böse Erwachen kommt, wenn überhaupt, erst dann, wenn ein "richtiger" Experte dilettantische Fehlinterpretationen zurecht rückt.

Ein Beispiel.

Wer am Tag drei bis fünf Tassen Kaffee trinkt, hat ein geringeres Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall als ein Kaffee-Abstinenzler. Das ist das Ergebnis einer großen Auswertung bisheriger Studien, weiß Spon. Das Probandenkollektiv der 36 analysierten Studien umfasst 1,3 Millionen Studienteilnehmer. Rund 48'000 erkrankten während der Studienteilnahme am Herzen, hatten einen Infarkt oder Schlaganfall. Der Analyse zufolge erleiden Menschen, die zwischen drei und fünf Tassen Kaffee am Tag trinken, seltener einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als jene, die entweder gar keinen Kaffee trinken, oder deutlich mehr als fünf Tassen.

Für die Instant-Experten Peter, Alfred und Eva gibt es, schon wegen der großen Probandenanzahl, nichts zu deuteln: Kaffee in Maßen schützt vor Herzinfarkt oder Schlaganfall. Ende, Aus, Basta! Und ich muss zugeben: Von mir hätten sie dafür keine Prügel bekommen.

Die Wissenschaftler aber, die diese Meta-Studie durchführten, sehen ihre eigene Arbeit weitaus kritischer. Trotz der großen Studien- und Probandenanzahl: Ob ein gemäßigter Kaffeekonsum tatsächlich eine schützende Wirkung habe, lasse sich nicht abschließend sagen, schreiben die Studienautoren. Es könnte zum Beispiel möglich sein, dass Menschen, die durch erhöhten Blutdruck und andere Faktoren bereits ein erhöhtes Infarktrisiko haben, eher die Finger vom Kaffee lassen. Das könnte zumindest zum Teil erklären, warum Menschen, die keinen Kaffee trinken, häufiger ein Herzleiden entwickeln.

Die zuletzt 1997 aktualisierte 2B-Einstufung von Kaffee durch die IARC (möglicherweise Ursache für Blasenkrebs) kommt in dem Spon-Beitrag übrigens nicht zur Sprache. Kaffee könnte als gut sein gegen Herzinfarkt oder Schlaganfall, zugleich aber schlecht für die Blase. Wer auf Nummer sicher gehen möchte trinkt Tee, den hat die IARC in Gruppe 3 eingeordnet (Substanz nicht klassifiziert).

Wissen ist Macht. Weißt nix. Macht nix.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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Instant-Experte, Google-Experte

Studieninterpretation für Dummies

Dr. Ratto, Freitag, 28.03.2014, 11:41 (vor 3737 Tagen) @ H. Lamarr

Kaffee könnte als gut sein gegen Herzinfarkt oder Schlaganfall, zugleich aber schlecht für die Blase.

Oder der Nachwuchs bekommt Lekämie:
Maternal coffee consumption during pregnancy and risk of childhood acute leukemia: a metaanalysis.
"The findings of the metaanalysis suggest that maternal coffee consumption during pregnancy may increase the risk of childhood AL. "
Auch hier ist der Zusammehang erstens nich abschließend bestätigt, zweites nicht unbedingt ursächlich. Die Frauen können auch irgendein physiologisches Problem haben, dass mit der Leukämie zusammenhängt und gleichzeitig das Bedürfnis nach Kaffee steigert.

Wer auf Nummer sicher gehen möchte trinkt Tee, den hat die IARC in Gruppe 3 eingeordnet (Substanz nicht klassifiziert).

Man kann nur auf Nummer sicher gehen, dass Tee nicht untersucht wurde, nicht das er nichts macht.

Wochenend-Tipp für Phobiker: Sofort die Atmung einstellen, Luft enthält Sauerstoff und verursacht oxidativen Stress! Und dann noch die vielen Pollen! :rotfl:

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