Wie 'Elektrosensibilität' entsteht (Allgemein)

Lilith, Dienstag, 25.03.2014, 23:45 (vor 3233 Tagen)

"Gift für Alle" - ein lesenswerter ganzseitiger Artikel in der Süddeutschen Zeitung, Wochenendausgabe vom 22./23. März, Rubrik "Wissen", Seite 20.

"Eine Gesellschaft im Gesundheitswahn wittert überall Bedrohungen und Gefahren. Dabei hat sich eine absurde Situation ergeben: Je besser es den Menschen geht, desto kränker fühlen sie sich - und oft prägen sich dadurch echte Symptome aus"

In dem Artikel wird auch ein Experiment beschrieben, das zeigt, wo das bei Mobilfunkgegnern so beliebte "Mobilfunksyndrom" herkommt:

"Warnungen wirken - im negativen Sinne, sie können echte Leiden wecken oder vorhandene Beschwerden mit einer Scheinerklärung verknüpfen.

Michael Witthöft von der Universität Mainz hat zum Beispiel die Konsequenzen dramatisierender Medienberichte erforscht. Der Psychologe führte der Hälfte der Probanden einen Film vor, der so tatsächlich im britischen Fernsehen gesendet worden war. Der Beitrag warnte in reißerischer Aufmachung vor vermeintlich dramatischen Konsequenzen des sogenannten Elektrosmogs. Der Film schürte Sorgen - und brachte die Probanden auf die Fährte: Der Beitrag benannte konkrete Symptome, die durch Mobilfunk ausgelöst würden.

Genau diese Symptome verspürten die Probanden im zweiten Teil des Experiments - zumindest jene Hälfte, die den reißerischen Filmbeitrag gesehen hatten und eine gewisse Grundängstlichkeit mitbrachten. Witthöft befestigte dazu Antennen auf den Köpfen der Teilnehmer -natürlich unter einem glaubwürdigen Vorwand-, die mit einem blinkenden Gerät verbunden waren. Dabei handelte es sich vermeintlich um ein starkes Wifi. 'Dann bin ich aus dem Raum gegangen, um das weiter zu dramatisieren', sagt Witthöft. Es handelte sich um ein Schmierentehater: Das Gerät sendete keine Signale, das einzige, was daran funktionierte, war das blinkende Licht.

Der Aufbau genügte jedoch, dass die Teilnehmer über Kopfschmerzen klagten, Schwindel erlebten, Kribbeln in ihren Fingern und Füßen empfanden. Wer den warnenden Film gesehen hatte und Mobilfunk ohnehin mit einer gewissen Ängstlichkeit betrachtete, horchte so sehr in sich hinein, dass er die richtigen Symptome spürte und verstärkte. Zwei Probanden mussten den Versuch sogar vorzeitig abbrechen, weil sie es nicht mehr aushielten."

Es geht bei der Mobilfunk-"Elektrosensibilität" also darum, was einer glaubt. Den Glauben, die Selbstsuggestion kann man dadurch erzeugen und verstärken, dass man den arglosen Menschen vermeintliche Ursachen einredet und ihnen diese trickreich plausibel macht. Daran arbeiten in unserer realen Welt bekanntlich verschiedene Interessensgruppen - die einen verdienen daran, andere erleben durch ihr Zusammensein als "Mobilfunkgegner" ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit und vermeintlicher Bedeutung...

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"Wer die Dummbatzen gegen sich hat, verdient Vertrauen." (frei nach J.-P. Sartre)

Tags:
Wahrnehmung, EHS, Glaube, Symtome, Phantomrisiko, Witthöft, Kribbeln

Wie 'Elektrosensibilität' entsteht

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 27.03.2014, 01:44 (vor 3232 Tagen) @ Lilith

Genau diese Symptome verspürten die Probanden im zweiten Teil des Experiments - zumindest jene Hälfte, die den reißerischen Filmbeitrag gesehen hatten und eine gewisse Grundängstlichkeit mitbrachten.

Das stimmt so nicht. Die Symptomspürer verteilten sich in etwa gleich auf beide Gruppen, also nicht nur auf die Gruppe, die den reißerischen Filmbeitrag gesehen hatte. Mehr dazu hier.

Eine ganz ähnliche Untersuchung, diesmal jedoch mit Windkraftgegnern, kam zu den gleichen Ergebnissen.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Wie sich vorgefasste Meinungen festigen

Dr. Ratto, Montag, 01.12.2014, 12:32 (vor 2982 Tagen) @ Lilith

"Warnungen wirken - im negativen Sinne, sie können echte Leiden wecken oder vorhandene Beschwerden mit einer Scheinerklärung verknüpfen.


Lieder kommt es noch schlimmer: Sind Menschen bereits besorgt und erhalten eine Entwarnung, machen sie sich noch mehr sorgen:

In interviews with 240 participants in Switzerland, Uwe Hartung, Peter Schultz and Simone Keller asked participants if, after reading an article minimizing the health risks of electromagnetic radiation from mobile phone towers, they were more worried or more reassured about the risks. The researchers thought that readers already very worried about the dangers of radiation emitted by cell phone towers would assess the risk as higher after reading a message arguing the opposite.

According to their results, they had thought right. The more worried a participant was before reading the message – a message intended to assuage worries about mobile phone tower risks – the less likely it was that his or her worries decreased after reading. In fact, worried people become more worried after reading the article about negligible risks of mobile phone towers. mehr...

Wie sich vorgefasste Meinungen festigen

H. Lamarr @, München, Montag, 01.12.2014, 13:19 (vor 2982 Tagen) @ Dr. Ratto

Lieder kommt es noch schlimmer: Sind Menschen bereits besorgt und erhalten eine Entwarnung, machen sie sich noch mehr sorgen:

Meine Meinung dazu: Die Anti-Mobilfunk-Szene tut ja auch viel dazu, jegliche Entwarnung mit dem Stigma der "bezahlten Verharmlosung" zu versehen und Experten (SSK, BfS, LfU, WHO ...) die Deutungshoheit streitig zu machen. Das Mittel dazu ist denkbar einfach: Es genügt, willkürliche Behauptungen in die Welt zu setzen und durch die Infokanäle zu verbreiten. Die Szene ist weltweit vernetzt, deshalb funktioniert diese Desinformation global heute besser denn je. Und weil bekanntlich immer ein Kleinbisschen hängen bleibt, egal wie absurd die Behauptungen auch sein mögen, das Spielchen seit langem gespielt wird und diverse echte Skandale das Vertrauen der Bevölkerung in die staatliche Aufsicht angeknackst haben, hat die Szene einen gewissen Erfolg.

Bei Twitter kabbel ich mich momentan mit einer Elektrosensiblen. Sie behauptet sie sei EHS, ich behaupte, sie glaube nur, EHS zu sein. Das Gefecht läuft wie bei Twitter üblich mit 2-zeiligen Kommentaren, für viel Gelaber ist da kein Platz. Es hat nur drei oder vier solche 2-Zeiler von mir gebraucht, und meine Streitpartnerin unterstellt: a) Studien die EHS nicht bestätigen seien gekauft, b) auch ich sei offensichtlich gekauft.

So einfach ist das. Da bist du in Null,nix entwertet wie eine eingerissene Kinokarte.

Ich bin gespannt, was die Risikokommunikation sich ausdenkt, um mit diesen "Entwertern" wirksam umzugehen. Einer der emsigsten "Entwerter" ist mein Freund Hans-Ueli. Den versuchen wir mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: a) Gebündeltes Spiegeln (und. ggf. Widerlegen) seiner Angriffe im Strang "Die Unterstellungen des Hans-U. Jakob" und b) Entwertung durch sachlich begründetes Lächerlichmachen des selbsternannten "Fachstellenleiters". Technisch betrachtet ist das die Unwirksammachung (Kompensation) des einen Signals (Desinformation) durch gegenphasige Überlagerung eines zweiten Signals (Information): Beide löschen sich gegenseitig aus (Interferenz), der verstörte Bürger wendet sich ab (von beiden, Gigaherz und IZgMF) und informiert sich bei anderen Quellen (so welche parat stehen). Inwieweit das tatsächlich wirkt ist schwierig zu beurteilen. Da fast alle Hyperaktive der Szene über 70 sind, wird leider die biologische Uhr schlagen, bevor über die Wirksamkeit Gewissheit herrscht.

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– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Unterstellung, Entwertung, Selbstüberschätzung, Inkompetenz, Lügen, Rufmord, Deutungshoheit, Laien, Diffamieren

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