Neues vom Pick-up-Girl: Studie zu Hormonstörungen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 24.12.2013, 16:01 (vor 2151 Tagen)

Unser Pick-up-Girl Eva hat wieder eine Studie aufgepickt und schreibt:

Eine neue Studie zeigt signifikante Beeinträchtigungen von Hormonen durch gepulste elektromagnetische Felder (LTE) bei Ratten.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24357488?dopt=Abstract

Und gleich im Anschluss wird ein illuminierter Mobilfunkgegner namens "Laie" durch die Studie noch mehr erleuchtet, sie macht ihm nach eigenen Worten klar:

Wer Störungen der Fruchtbarkeit verleugnet, dem ist letztlich alles andere auch egal. Die Frage ist, wer diesen Zusammenhang bemerkt.

So weit so rätselhaft.

Es ist zum heulen. Eva lernt es einfach nicht.

:crying:

Unser Engelchen ist so vernarrt ins Alarmieren, dass Sie wieder einmal etwas Entscheidendes außer 8 lässt, nämlich die Stärke der Exposition - oft schon ist sie dafür kritisiert worden. Die Immission wird im Abstract nicht genannt, wäre aber die wichtigste Voraussetzung, um das Ergebnis im Auge zu behalten (weit unter Grenzwert) oder abzuheften (weit über Grenzwert). Ohne Kenntnis dieses Werts ist die Arbeit erst recht keine Erwähnung in Laienforen wert, denn niemand dort ist imstande, die medizinische Bedeutung einer "signifikanten Beeinträchtigung von Hormonen" überhaupt richtig einzuordnen. Und ich wage zu bezweifeln, dass die werte Frau W. es kann.

So bleibt den Alarmierern nur die stille Hoffnung, dass z.B. aufgeschreckte Männer sich jetzt sorgen, unter EMF-Einwirkung zu wenig Testosteron und zu viel Östrogen zu produzieren. Das wäre dann Arbeitsteilung, denn "Schmarrn" produzieren könnte man getrost Eva überlassen, sie betreibt diese erfüllende Aufgabe ohnehin mit Feuereifer.

[Fortsetzung hier]

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Grenzwert, Gerücht, Alarmschläger, Fruchtbarkeit, Hormonstörung, Immission, Hormone, Kolporteur

Neues vom Pick-up-Girl: Studie zu Pubertät bei Rattenmädels

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 30.01.2014, 12:09 (vor 2114 Tagen) @ H. Lamarr

Es ist zum heulen. Eva lernt es einfach nicht.

Neues Beispiel <hier>.

Die alte Dame kann das Munkeln & Raunen nicht lassen. Da Widerspruch bei ihr keinen Erfolgt zeigt, diesmal kein Widerspruch.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Studien zu Rattenmädels und Rattenjungs

Dr. Ratto, Freitag, 31.01.2014, 12:30 (vor 2113 Tagen) @ H. Lamarr

Da Widerspruch bei ihr keinen Erfolgt zeigt, diesmal kein Widerspruch.

Oh doch, nicht gegen Frau W., es ist ihr gutes Recht zu glauben was in PubMed schwarz auf weis steht. Eigentlich sollte man wissenschaftlichen Publikationen grundsätzlich glauben können. Die Realität lehrt uns etwas anderes. Andererseits müsste es Laien klar sein, dass sie die Bedeutung einer einzelnen Studie nicht einordnen können und dass nicht einzelne Ergebnisse, sondern eine Übersicht aller Arbeiten zum Thema ausschlaggebend ist.

Frau W. bezieht sich auf diese Publikation:

The effects of long-term exposure to a 2450 MHz electromagnetic field on growth and pubertal development in female Wistar rats.

und zitiert die letzen Worte des Abstracts:

"Exposure to 2450 MHz EMF, particularly in the prenatal period, resulted in postnatal growth restriction and delayed puberty in female Wistar rats. Increased TOS and OSI values in the brain and ovary tissues can be interpreted as a sign of chronic stress induced by EMF. This is the first longitudinal study which investigates the effects of EMF induced by wireless internet on pubertal development beside growth."

Die Arbeit habe ich (noch) nicht. Im Abstract gibt es keine Angaben zur Expositionsintensität, Tierzahl, Scheinexposition und Verblindung. Zur Qualität der Studie kann ich deswegen nichts sagen. Sorgfältige und gewissenhafte Autoren, die sich der Wichtigkeit dieser Angaben bewusst sind, hätten die Daten genannt. Was die Ergebnisse betrifft, es waren einige, aber nicht alle Untersuchten Parameter verändert. Einige wichtige Hormone blieben unbeeinflusst. Insgesamt haben sich exponierte Tiere langsamer entwickelt, möglicherweise stressbedingt. Woher der Stress kam kann nur aufgrund der Vollversion beurteilt werden. Ob man das als verspätete Pubertät oder Entwicklungsverzögerung bezeichnet ist Ansichtssache.

Was mich an dem Abstract stört ist der letzte Satz. Er suggeriert, das so etwas noch nie gemacht wurde - die Einschränkung "beside growth" überliest ein Laie. Die sagt nämlich, so was gibt es wohl, hier wurden aber im Gegensatz zu vorherigen Studien außer dem Wachstum noch weitere Parameter untersucht. Auch das ist nicht ganz richtig.

Zum Einfluss von WiFi auf die prä- und postnatale Entwicklung gab es kürzlich eine groß angelegte internationale Kooperationsstudie. In Frankreich wurden Ratten, in Italien Mäuse untersucht. Es wurden sehr wohl auch andere Parameter als Wachstum untersucht, z.B. die Entwicklung des Immunsystems. Auch Geschlechtsorgane und die Fruchtbarkeit wurden angeschaut, es war aber nicht der wichtigste Punkt und in die Details des Hormonhaushaltes wurden nicht untersucht. Damit ist der letzte Satz des Abstracts nicht nur irreführend, sondern gelogen.

Die Ergebnisse der internationalen Studie wurden in mehreren Arbeitn publiziert.

Es wurden keine schädlichen Auswirkungen gefunden. Werden alle vorliegenden Ergebnisse betrachtet, besteht kein Grund zur Sorge, auch wenn die aktuelle Studie zum Vergleich mit aufgenommen wird.

Dass es auch anders geht, zeigt dieser Artikel:

Effect of long-term exposure of 2.4 GHz radiofrequency radiation emitted from Wi-Fi equipment on testes functions.

Die Schlussfolgerung der Autoren:

"In conclusion, we observed that long-term exposure of 2.4 GHz RF emitted from Wi-Fi (2420 μW/kg, 1 g average) affects some of the reproductive parameters of male rats. We suggest Wi-Fi users to avoid long-term exposure of RF emissions from Wi-Fi equipment."

Auch hier geht es um Langzeitexposition mit WiFi, diesmal aber nicht bei jungen Weibchen, sondern bei erwachsenen Männchen und - was den sonst - deren Manneskraft. Im Abstract ist angegeben, dass zwei Gruppen von je 8 Ratten untersucht wurden, das ist relativ wenig. Es wurde mit 2420 µW/kg exponiert. Auf eine Scheinexposition unter identischen Bedingungen wurde geachtet. Lediglich Angaben zur Verblindung fehlen. Hier haben die Autoren also zumindest genauer gearbeitet als die Autoren der Studie zu jungen Weibchen. Was die Ergebnisse betrifft, waren wieder einige Werte verändert und einige nicht. Am Ende wird eine Warnung ausgesprochen - das ist Ansichtssache der Autoren. Zumindest gibt es keine offensichtlichen Falschangaben.

Diese Arbeit habe ich bereits in Vollversion, kann also einige Aussagen machen:
Die Studie war nicht verblindet - das ist bei einer visuellen Auswertung von Spermien unterm Mikroskop schlecht, denn eine subjektive Erwartung kann die Ergebnisse auch unbewusst und ohne böse Absicht beeinflussen. Die Exposition war Fernfeld, wie der SAR Wert genau berechnet wurde ist nicht genau beschrieben, der Wert aus dem Abstract findet sich in den Methoden nicht wieder. Es wurde ein anatomisches Rattenmodell verwendet, eine Abbildung der SAR-Verteilung zeigt Werte zwischen 2,6 µW/kg im Torso und 1 mW/kg im Kopf und Hinterleib (Hoden), gemittelt über 10 g (im Abstract steht gemittelt über 1g, was stimm ist nicht nachvollziehbar). Eine Fernfeld-Exposition weit unterhalb der Ganzkörper-Grenzwerte ist für WiFi realistisch.

Ergebnisse: Die wichtigsten Parameter, wie Spermienzahl, Beweglichkeit und Anteil morphologisch defekter Spermien blieben unverändert. Gewicht von Hoden und Prostata waren auch unverändert. Die Spermienentwicklung war anhand des "Johnsen Biopsy Score" (eine quantitative Bewertungsmethode) auch unverändert. Angestiegen war der Anteil von Spermien mit defektem Kopf (aber nicht Schwanz), gesunken war Gewicht von Nebenhoden und Samenblase, und es gab Gewebeveränderungen in den Hoden. Woher diese Veränderungen kommen, ob es an der geringen Tierzahl, der fehlenden Verblindung, oder dem Verzicht auf die Bonferroni Korrektur lag, bleibt unklar. Die Bonferroni Korrektur ist ein statistisches Verfahren das bei vielen gleichzeitig durchgeführten Vergleichen angewendet werden sollte, denn einige Ergebnisse können auch zufällig sein. Je mehr Vergleiche, um so höher die Wahrscheinlichkeit ein Zufallsergebnis dabei zu haben das zunächst signifikant aussieht. Den geringen Feldern würde ich die Ergebnisse eher nicht zuschreiben. Aber auch wenn - die veränderten Werte der exponierten Tiere liegen alle im normalen physiologischen Bereich, die Rattenmännchen waren sicher alle normal fruchtbar. Also wozu die Warnung am Ende des Abstracts?

Das ganze zeigt: zwei schlechte Studien (beide zum gleiche Zeitpunkt publiziert, beide zu WiFi, beide aus demselben Land) können unterschiedlich schlecht sein. Die Abteilung für Biophysik (Männchenstudie) hat doch mehr Ahnung von Technik und Methoden als eine Abteilung für Pediatrische Endokrinologie (hier geht es Hormone bei Kindern). Das wäre überall auf der Welt wohl auch so.

Dr. Ratto

Tags:
Fruchtbarkeit, Spermien, Nachhilfe, Ratten, Wifi, Fernfled

Forscher über Forschung

Gast, Montag, 03.02.2014, 13:05 (vor 2110 Tagen) @ Dr. Ratto

Da Widerspruch bei ihr keinen Erfolgt zeigt, diesmal kein Widerspruch.

Oh doch, nicht gegen Frau W., es ist ihr gutes Recht zu glauben was in PubMed schwarz auf weis steht. Eigentlich sollte man wissenschaftlichen Publikationen grundsätzlich glauben können.

Auszug aus Spiegel Online: Begeisterter US-Forscher: Deutschland, du hast es besser

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Kraft, die mich vor über 30 Jahren zur Forschung zog. Es war die Erkenntnis, dass eine neue und vor allem korrekte Idee mit einem Schlag unser Bild von der Welt verändern kann und unseren Glauben daran, was möglich ist und was nicht. In diesem Sinne geht es bei der Wissenschaft um nichts anderes, als die Grenzen des als unmöglich Angesehenen einzureißen.

Ich denke, das erklärt, weshalb wir Forscher das Forschen lieben. Ich glaube fest, dass dieser innere Antrieb, dieses Streben nach Wahrheit, tief in jedem Forscher steckt und sein Herz schlagen lässt. Es scheint mir nur vernünftig, dass eine Gesellschaft diesem Drang nach Wahrheit Nahrung gibt. Ob Absicht dahintersteckt oder nicht, das deutsche Wissenschaftssystem leistet genau dies ziemlich gut.

Kommentar: Und trotzdem hat das DMF den Mobilfunkgegnern kein Wasser auf ihre Mühlen gebracht.

Tags:
Forscher

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