LTE-Strahlung beeinflusst Gehirnaktivität von Baubiologen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 13.12.2013, 10:39 (vor 3165 Tagen)

Unter der unfreiwillig komischen Titelzeile "LTE - Handy-Strahlung beeinflusst die Gehirnaktivität von at-home baubiologie" veröffentlicht die Baubiologin Bettina M. aus Wipperfürth auf der Website Marktplatz Mittelstand eine in der Tat inhaltlich wirre Meldung. Und, einerseits auf das Risiko hinzuweisen unter LTE-Einwirkung möglicherweise plem-plem zu werden, andererseits zugleich den frommen Wunsch auf "eine besinnliche Weihnachtszeit" zu äußern, weist auf einen enormen Mitteilungsdrang hin.

Erfreulich: Baubiologin Bettina M. wurde jedoch nicht etwa von dem kostenpflichtigen Kampfblättchen "Elektrosmog-Report" der Anti-Mobilfunk-Szene mobilisiert, sondern von der 118. Ausgabe des seriösen und unentgeltlichen WIK-EMF-Briefs, die erst am 9. Dezember 2013 publiziert wurde.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
, Baubiologie, WIK

LTE-Strahlung beeinflusst Gehirnaktivität von Baubiologen

Kuddel, Freitag, 13.12.2013, 12:59 (vor 3164 Tagen) @ H. Lamarr

Bezüglich der im WIK Brief erwähnten Studie:
Die gewählte Untersuchungsmethode (fMRT) "verwundert" mich.
Eine MRT basiert üblicherweise auf einem Magnetfeld im Tesla-Bereich plus einem enorm starken, gepulsten Hochfrequenzfeld (ca 150..400MHz, Größenordnung "Kilowatt") welches um ein Vielfaches stärker ist, als das eines Mobiltelefons.
Da frage ich mich, wie man unter solchen Umständen die Auswirkung eines viel schwächeren Mobilfunksignals auf das Gehirn vernünftig erfassen kann.

K

LTE-Strahlung beeinflusst Gehirnaktivität von Baubiologen

Dr. Ratto, Freitag, 13.12.2013, 14:12 (vor 3164 Tagen) @ Kuddel

Da frage ich mich, wie man unter solchen Umständen die Auswirkung eines viel schwächeren Mobilfunksignals auf das Gehirn vernünftig erfassen kann.

Das fMRI wurde vor und nach der LTE Exposition registriert. Während einer LTE Exposition wäre das technisch nicht möglich. Bei fMRI geht man grundsätzlich davon aus, das die Grundaktivität des Gehirns + der direkte fMRI Einfluss dargestellt werden. Wenn sich die im fMRI beobachtete Gehirnaktivität nach einer Exposition (in diesem Fall LTE, ca 1 W/kg über 10g bzw. 2 W/kg Spitzenwert) anders verändert als nach einer Scheinexposition und der Unterschied signifikant ist, kann man davon ausgehen, dass es einen Effekt gibt. Der ist weder subjektiv wahrnehmbar noch gesundheitlich relevant. Es ist auch aus EEG Messungen unter UMTS und GSM bekannt, dass es im Bereich des Teilkörpergrenzwertes in Unterschiedlichen Hirnarealen und in unterschiedlichen Frequenzbändern des EEG immer wieder Effekte gibt, oft individuell unterschiedlich. Ein konsistentes Muster und ein Wirkmechanismus wurden bisher nicht gefunden. Lange wurde über Zufallsbeobachtungen oder nicht-thermische Effekte spekuliert, seit der BEMS 2012 in Australien werden thermische Effekte in neuronalen Netzwerken postuliert (Vortrag Rodney Croft) die bereits bei ca. 0.01 - 0,1 °C auftreten können (z.B. Thermoregulation).

Dr. Ratto

LTE-Strahlung beeinflusst Gehirnaktivität von Baubiologen

Kuddel, Freitag, 13.12.2013, 19:08 (vor 3164 Tagen) @ Dr. Ratto

Das fMRI wurde vor und nach der LTE Exposition registriert. Während einer LTE Exposition wäre das technisch nicht möglich. Bei fMRI geht man grundsätzlich davon aus, das die Grundaktivität des Gehirns + der direkte fMRI Einfluss dargestellt werden. Wenn sich die im fMRI beobachtete Gehirnaktivität nach einer Exposition (in diesem Fall LTE, ca 1 W/kg über 10g bzw. 2 W/kg Spitzenwert) anders verändert als nach einer Scheinexposition und der Unterschied signifikant ist, kann man davon ausgehen, dass es einen Effekt gibt.

Danke für ihre Antwort.
Ich entnehme dem, daß man schon berücksichtigt hat, dass das fMRI selbst einen Einfluß auf die Hirnaktivität haben könnte.

Fragt sich, wie lange es braucht, bis ein denkbarer Einfluß der vergleichsweise (zur LTE-Exposition) "brutalen" fMRI Messungen selbst(=Confounder)bei den Probanden vollständig abgeklungen ist.
Es müssten also erhebliche Ruhezeiten (Tage?) zwischen den Messungen eingehalten werden, denn sonst könnte schlicht die Reihenfolge, in welcher ein Proband exponiert/scheinexponiert wurde, das Ergebnis beeinflussen.
Idealerweise wurde der Versuch mit einer geradzahligen Anzahl mehrerer Probanden durchgeführt und das Expositionsschema (Reihenfolge von Exposition/Scheinexposition) der einen Versuchsgruppe genau invers zu dem der anderen gewählt, damit sich mögliche Confounder durch die Reihenfolge der Versuche ausmitteln...

K

LTE-Strahlung beeinflusst Gehirnaktivität von Baubiologen

Dr. Ratto, Montag, 16.12.2013, 15:41 (vor 3161 Tagen) @ Kuddel

Danke für ihre Antwort.
Ich entnehme dem, daß man schon berücksichtigt hat, dass das fMRI selbst einen Einfluß auf die Hirnaktivität haben könnte.

Das ist den Wissenschaftlern oft so gar nicht bewusst. Der Einfluss der Felder des fMRI auf die Ergebnisse des fMRI, falls vorhanden, ist nicht beschrieben, denn fMRI ohne Felder geht nicht, es fehlt also ein unbeinflusster Vergleich. Es gibt eine Arbeit, die zeigt, dass Reaktionszeiten unter fMRI langsamer werden. Für Ruhe-Aktivität muss das nichts bedeuten. Das Paper steht sein 2008 als "prepublication" bei Nature, in Pubmed gelistet ist es nicht, die Frage ist also was damit nicht stimmt und warum das nicht ordentlich publiziert wurde.
Methodisch gibt es die Möglichkeit EEG während MRI zu registrieren. Technisch sicher nicht trivial. Es ist bisher nicht aufgefallen, das EEG unter MR deutlich anders wäre als ohne. Minimale Unterschiede wie in Mobilfunkstudien wurden aber nicht betrachtet.

Fragt sich, wie lange es braucht, bis ein denkbarer Einfluß der vergleichsweise (zur LTE-Exposition) "brutalen" fMRI Messungen selbst(=Confounder)bei den Probanden vollständig abgeklungen ist.

Das ist leider nicht bekannt.

Es müssten also erhebliche Ruhezeiten (Tage?) zwischen den Messungen eingehalten werden,

Zwischen den Sitzungen gab es Pausen von 1 Tag. Viele andere Studien, z.B. zu Gedächtnis und EEG, halten auch ohne MRI Pausen von 1 Woche ein.

denn sonst könnte schlicht die Reihenfolge, in welcher ein Proband exponiert/scheinexponiert wurde, das Ergebnis beeinflussen.

Das sowieso, auch ohne MRI. Gerade bei Untersuchungen des Gehirns (Kognitionstests, EEG) gibt es erhebliche Lern- und Gewöhnungseffekte die das Bild Verzerren. Diese sind vor allem bei Kognitionstests (z.B. Gedächtnis) am stärksten zwischen der 1. und der 2. Sitzung. Deswegen wird die 1. Sitzung als Übung ohne Exposition oft verworfen und nur Sitzungen 2. und 3. als exponiert/scheinexponiert ausgewertet. War hier nicht so, bei Ruhe-fMRI hat man so etwas wohl nicht erwartet.

Idealerweise wurde der Versuch mit einer geradzahligen Anzahl mehrerer Probanden durchgeführt

In diesem Fall 18. Ungerade wäre aber nicht schlimm, wenn z.B. bei 19 Probanden 10 zuerst exponiert, aber nur 9 zuerst scheinexponiert wären, müsste sich der Einfluss der Reihenfolge entweder herausmitteln, oder er würde offensichtlich auffallen.

und das Expositionsschema (Reihenfolge von Exposition/Scheinexposition) der einen Versuchsgruppe genau invers zu dem der anderen gewählt,

Denkfehler - es gab keine zwei Gruppen. Dieselben Probanden wurden jeweils einmal exponiert und am anderen Tag scheinexponiert. Das ist wichtig, bei dieser Art von Experimente sind die Unterschiede zwischen den Individuen größer als der Einfluss einer Exposition, es muss also jeder seine eigene Kontrolle sein (=within Group design). Sonst untersucht man Gruppenunterschiede (=between group design) und nicht LTE.

damit sich mögliche Confounder durch die Reihenfolge der Versuche ausmitteln...

Richtig, genau so war es, nur nicht zwischen Gruppen sondern zwischen Sitzungen. Im Fachchinesisch heißt das: "double-blind, crossover, randomized and counterbalanced paradigm", so steht es in den Methoden


K

Tags:
LTE, Impact Factor, PubMed, Nature, Fachjournal

LTE-Strahlung beeinflusst Gehirnaktivität von Baubiologen

Kuddel, Montag, 16.12.2013, 19:36 (vor 3161 Tagen) @ Dr. Ratto

Vielen Dank für die Ausführungen. Man lernt immer dazu.

Dieser Satz im dem von Ihnen verlinkten Artikel über "EEG während MRI" zeigt, was ich meinte:

From the very early days of simultaneous EEG-fMRI, safety issues have been an important aspect. Radiofrequency-related heating of electrodes or brain tissue has to be considered, and there are several factors that are relevant such as the scanning sequence, the number of EEG electrodes, or the field strength of the MRI scanner.

Während einer MRI werden Hochfrequenzpulse bei vergleichsweise hoher SAR eingesetzt.
Über das Thema hatte ich <hier> schon einmal ein paar Zahlen zusammen getragen.
Daher die ursprüngliche Frage, ob dies kein "Artefakt" zur schwächeren LTE Expostion darstellt.

und das Expositionsschema (Reihenfolge von Exposition/Scheinexposition) der einen Versuchsgruppe genau invers zu dem der anderen gewählt,

Denkfehler - es gab keine zwei Gruppen. Dieselben Probanden wurden jeweils einmal exponiert und am anderen Tag scheinexponiert.

Ja, es war von mir auch so gemeint, daß jeder Proband Exponiert und scheinexponiert wird, nur dass ein anderer Proband dann in "inverser" Reihenfolge exponiert wird, damit man zwischen beiden vergleichen kann, ob die Reihenfolge einen Einfluß hat.

"double-blind, crossover, randomized and counterbalanced paradigm",

Das wird es wohl sein ;-)


K

LTE-Strahlung beeinflusst Gehirnaktivität von Baubiologen

Dr. Ratto, Dienstag, 17.12.2013, 11:05 (vor 3161 Tagen) @ Kuddel

Daher die ursprüngliche Frage, ob dies kein "Artefakt" zur schwächeren LTE Expostion darstellt.


Höchstwahrscheinlich ja. Er müsste bei Exposition und Scheinexposition gleich groß sein und sollte dann den Einfluss der Exposition nicht verzerren. Ob das stimmt wird die Zukunft zeigen. Es ist die erste Studie dieser Art, es gibt also kein Vergleich. Der Effekt war minimal und mit komplizierten Methoden rausgerechnet.

Bekannt ist, dass die Felder der MRT (vor allem die statischen!) immense Artefakte im EKG und EEG verursachen. Das lässt sich teilweise rausrechenen, wie hier gezeigt wird:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23247189

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