Diagnose-Funk: Frau Doktor meldet 20'000 W/m (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 28.04.2013, 13:12 (vor 2304 Tagen)

Haibach, gelegen in der Nähe von Aschaffenburg (Bayern), war 2007 Ziel der Wanderärztin Waldmann-Selsam.

Was im Magazin "Der Spiegel" zu einer viel beachteten Geschichte führte, hat sich auch bei Diagnose-Funk als Fallgeschichte niedergeschlagen: Mikrowellensyndrom weit unterhalb der Grenzwerte 1

Wann diese Fallgeschichte aus dem Spätmittelalter der Mobilfunkgegnerei zu Diagnose-Funk gefunden hat ist nicht ersichtlich, sie belegt jedoch zwei Vorwürfe, mit denen sich Diagnose-Funk seit längerem konfrontiert sieht, nämlich a) fachliche Inkompetenz und b) Schleichwerbung für Nutznießer der Elektrosmog-Angst.

Fangen wir mit der Schleichwerbung an. Auf der Website ist zu lesen:

Die Messungen erfolgten mit dem Gerät HF 38B (teilweise ergänzt mit HF 59B) der Firma Gigahertz Solutions.

Wenn eine Ärztin solche Geräte verwendet, werden sich Alfred und Eva denken, dann sind die für uns bestimmt ebenfalls gut genug. Sämtliche Angaben, das messtechnische Elektrosmog-Glück im www zu finden, sind in der Schleichwerbung enthalten. Ein harmloser Satz mit lukrativen Folgen. Dabei ist Frau Waldmann-Selsam in Sachen E-Smog-Messtechnik ohne Qualifikation.

Und nun zur Inkompetenz.

Wer das vermasselt hat, schon die Ärztin oder erst Diagnose-Funk, ist nicht klar, doch die in der Fallgeschichte enthaltenen Tabellen sind auf jeden Fall allesamt falsch. Denn eine physikalische Einheit W/m gibt es nicht. Was es gibt ist die elektrische Feldstärke V/m, doch die wird von den Messgeräten der Ärztin nicht angezeigt. Anzeigen können deren Geräte die Leistungsflussdichte, die aber hat die Einheit W/m² und Dimensionen wie mW oder µW. Die Angaben in den Tabellen sind nicht W/m, sondern µW/m². Viel muss man nicht können, um dies zu erkennen. Dennoch wurde die falsche Einheit bei Diagnose-Funk eingetragen und, was noch schlimmer ist, der Serienfehler, der dort womöglich schon seit Jahren haust, blieb bis heute unbemerkt.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Fehler, Diagnose-Funk, Waldmann-Selsam, EHS-Geschichte, Aschaffenburg, Mirowellensyndrom, Gigahertz

Die Ärztin als Idealbesetzung

Lilith, Sonntag, 28.04.2013, 13:27 (vor 2304 Tagen) @ H. Lamarr

Wenn eine Ärztin solche Geräte verwendet, werden sich Alfred und Eva denken, dann sind die für uns bestimmt ebenfalls gut genug.

Alfreds und Evas unbedingte Liebe zu ihrer heiligen Johanna hat tiefere Ursachen:
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+ Die Ärztin als Idealbesetzung +

In Gestalt seiner Ärztin Dr. Cornelia Waldmann-Selsam tritt dem um seinen Status, seinen Besitz, seine Heimatlichkeit besorgten und verängstigten Bürger seine Heilige Johanna der Mobilfunkkritik in Erscheinung.

Dem Bürger, der sie als Halbgöttin in Weiss wahrnimmt, ist sie ersehnte Wahrheitsbringerin, kollektive Seelsorgerin und verfolgte Unschuld zugleich. Die prinzipiell kritikfreie Begegnung des Bürgers mit seiner Heiligen ist zugleich Programm, Sinn und Zweck der absurden Veranstaltung um das neu erfundene "Mikrowellensyndrom". Das Verhältnis zwischen der "Aufklärerin" und den "Opfern" folgt somit in letzter Konsequenz dem Muster totalitärer Denkweise.

Für gesellschaftspolitisch interessierte Menschen ist der hier einzusehende Prozess spannend zu beobachten, in dessen Fortschreiten sich ein weltanschauliches "Wir-sind-alle-bedroht"- Soziotop um seine ersehnte Lichtgestalt formiert.

Die engagierte Grüne Dr. Cornelia Waldmann-Selsam hat nicht viel dafür tun müssen. Sie wird wohl selbst erstaunt sein über den ihr zuteil gewordenen Zuspruch. Sie musste einfach nur ihre neue "Definition" einer angeblichen Mobilfunk-Massenkrankheit namens "Mikrowellensyndrom" postulieren. Der anhaltende Dank ist ihr gewiss. Die Glaubensgemeinde saugt den Unsinn von der kollektiven Strahlenerkrankung willig auf. Weitere Krankheiten und Kranke, und damit eben immer neue "Argumente", finden sich wie von selbst ein. Am Ende sind nur noch stereotype Aufzählungen notwendig, um die Selbstvergewisserung einer weltanschaulichen Gemeinde kontinuierlich weiterzupflegen. Das ist die Mission, in der Frau Dr. Waldmann-Selsam von ihrer Mobilfunkgegner-Gemeinde auf den Weg geschickt worden ist. Der weitere Erkenntniswert jedoch, der sich mit jedem neuen Update ihrer ärztlichen Mitteilungen einstellt, liegt nahe Null.

Es ist bei aller Popularität fraglich, ob sich Waldmann-Selsams Status in der Szene auf dem derzeit hohen Akzeptanzniveau wird halten können. Schliesslich ist auch der mobilfunkkritische Bürger ein Kind seiner schnellebigen Zeit. Und wenn das Programm langweilig wird, dann wird es wohl auch ihn bald wieder an den Umschaltknopf drängen, auf der Suche nach neuen Sensationen und Lichtgestalten.
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Passage zitiert aus: Das Mobilfunksyndrom und die Bürgerangst, siehe hier.

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Tags:
Totalitär, Mikrowellensyndrom

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