Der Fall Sturzenegger: Antenne weg, Angst verbreiten bleibt (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 28.10.2011, 22:44 (vor 2822 Tagen)

Der Fall des Viehbauern Hans Sturzenegger gehört zum kleinen 1x1 von Mobilfunkgegnern im deutschsprachigen Raum. Das liegt an der enormen Internetpräsenz des Landwirts, dessen Kälber angeblich wegen schwacher Funkfeldeinwirkung auf die trächtigen Muttertiere blind zur Welt gekommen sind. Mit einer akriebischen Dokumentation versucht der Verein Diagnose-Funk dem Fall einen Hauch von Wissenschaftlichkeit zu geben. Doch darum geht es mir jetzt gar nicht.

Mir geht es darum, dass der Sendemast auf dem Sturzenegger-Hof bereits im Juni 2006 abgebaut wurde. Danach sollen dort nur noch gesunde Kälber zur Welt gekommen sein, behauptet jedenfalls Diagnose-Funk. Eigentlich, sollte man meinen, hat sich das Problem des Schweizer Landwirts im Juni 2006 in Luft aufgelöst. Doch weit gefehlt. Der Bauer drehte danach erst richtig auf. Im Oktober 2010 startete er eine regelrechte Kleintournee durch Süddeutschland, um von seinem Fall zu erzählen. Prompt häuften sich besorgte Berichte, Diagnose-Funk hatte rechtzeitig vorher die Dokumentation ins Netz gestellt, auf dass aufgescheuchte Besucher einer Tournee-Station anschließend auch etwas Passendes zum Lesen vorfinden.

Doch warum in aller Welt macht jemand so etwas, der seit Jahren mit Funk kein Problem mehr hat?

Was treibt Hans Sturzenegger eigentlich an?

Für mich gibt es dafür zwei Erklärungen:

a) Sturzenegger ist ein edler Menschenfreund, der seine Erfahrungen mit den Funkwellen selbstlos und unter Strapazen der Welt unbedingt mitteilen möchte.

b) Sturzenegger wurde von Unbekannten dazu animiert, seine "olle" Geschichte immer und immer wieder neu zu erzählen, zum Vorteil des/der Unbekannten.

These a) habe ich schon zu den Akten gelegt, denn Hans Stutzenegger ist nicht nur Viehbauer, er baut auch Tabak an, seit 1977, wie in der Bauernzeitung zu lesen ist. Doch Tabakanbau und edler Menschenfreund passt mMn nicht zusammen, denn Tabak, das weiß jedes Kind, kann Menschen töten, wenn er geraucht wird.

Spekulative Zusammenhänge

Bleibt These b). Doch wer könnte der Unbekannte sein, der Sturzenegger vor seinen Karren spannt? Dazu gibt es keine Beweise, nur eine Spekulation, die allerdings nicht willkürlich aus der Luft gegriffen ist:

Als passionierter Tabakanbauer hat Sturzenegger Kontakt mit der Tabakindustrie. Diese wiederum hat, wie hier im Forum gut belegt ist, Interesse daran, von den schädlichen Folgen des Rauchens abzulenken und den Fokus auf irgendwelche andere reale oder erfundene Risiken zu lenken, zum Beispiel auf die Funkwellen des Mobilfunks. Mit Prof. Franz Adlkofer gelang 2005 ausgerechnet einem ehemals führenden Tabaklobbyisten der Nachweis (Reflex-Studie), dass schwache Funkfelder unterhalb der Handy-Grenzwerte DNA-Schädigungen bewirken können. Dieser Nachweis aber geriet 2008 in Schieflage. Der mit Fakten belegte Verdacht, bei dieser Studie sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen, konnte bis heute nicht ausgeräumt werden, ebenso wenig wurde von der Untersuchungskommission jedoch der Fälschungsvorwurf bestätigt. Unabhängige Replikationen der umstrittenen Arbeit, die endgültig Klärung bringen könnten, gibt es entgegen anderslautender Meldungen bisher nicht. Die erhoffte Ablenkung durch die Reflex-Studie hat bis 2008 gut funktioniert, danach dürfte die Wirkung deutlich nachgelassen haben. Dies könnte ein guter Grund für Tabaklobbyisten gewesen sein, anderweitig Zweifel an der Ungefährlichkeit von Funkwellen unter die Bevölkerung streuen zu lassen.

Dritter im Bunde wäre der Schweizerische Anti-Mobilfunk-Verein Diagnose-Funk, der sich so stark um die Verbreitung des Falls Sturzenegger bemüht hat. Dieser Verein pflegt enge Kontakte zu Adlkofer. Der ehemalige Tabakforscher nutzt den Verein bevorzugt als Sprachrohr für seine Verlautbarungen im Streit um den Fälschungsvorwurf gegen seine DNA-Studie (Reflex).

Die angedeuteten Zusammenhänge sind wie gesagt spekulativ, jedoch anhand der genannten Interpolationspunkte leidlich nachvollziehbar. Ob der Verdacht ganz oder teilweise zutrifft, werden wir aller Voraussicht nach nie erfahren.

Fakten, die keine Fakten sind

Nur ein Satz noch zur Sturzenegger-Dokumentation von Diagnose-Funk, die am Ende der Chronik vermeldet:

Sept. 06 Ausbau der bestehenden Swisscom-Antenne Forenberg Nord durch den Mobilfunkbetreiber. Ein Hauptstrahl der Anlage wurde dabei exakt auf unseren Hof ausgerichtet!

Ich war so frei, die Entfernung zwischen der Antenne nahe der Autobahn-Raststätte "Forrenberg-Nord" und dem Sturzenegger-Hof einmal nachzumessen: es sind mehr als 1600 Meter! Der Screenshot erklärt auch, wieso eine Antenne tatsächlich exakt auf den Hof ausgerichtet sein könnte. Mit dem Hof (am rechten Endpunkt der gelben Linie) hat dies nichts zu tun, sondern mit dem Streckenverlauf der Autobahn 1 (entlang der gelben Linie), die es zu versorgen gilt. In gut 1600 Meter Entfernung zum Mast noch davon zu reden, dass der Hof "exakt" im Hauptstrahl liegt, ist absurd. Ein klar umrissener Hauptstrahl existiert dort nicht mehr, vielmehr dürfte sich alles in 1000 Meter Umkreis (oder mehr) zum Hof im dort diffusen und sehr breiten "Hauptstrahl" befinden.

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Bild: Google Earth

Hintergrund
Kritische Anmerkungen zum Fall Sturzenegger im IZgMF-Forum

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Sturzenegger, Interessenkonflikt, Elektrosmog-Panikmache, Seilschaft, Tabak, Schweiz, Chronik, BauernZeitung, Profit

Der gute Mensch vom Bauernhof

AnKa, Samstag, 29.10.2011, 07:52 (vor 2822 Tagen) @ H. Lamarr

Als passionierter Tabakanbauer hat Sturzenegger Kontakt mit der Tabakindustrie.

Wenn das mit dem Tabakanbau stimmt, dann wäre der menschenfreundliche Herr Sturzenegger ja ein Teil im Glied jener Kette, an deren Ende dies herauskommt:

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"Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere." (Groucho Marx)

Tags:
Tabak

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