Wenn ich ein Vöglein wär... (Forschung)

Sektor3, Montag, 21.09.2009, 10:51 (vor 4762 Tagen)

Bekanntlich suchte die Tabakindustrie schon vor dem Mobilfunk nach gesundheitsschädlichen Dingen des Alltags um die Gesundheitsgefahren durch Passivrauchen zu relativieren. Die Entstehungsgeschichte und Verwendung einer solchen Gesundheitsgefährdung ist aus den unten aufgeführten Tabakdokumenten leicht (aber als Fleissarbeit) rekonstruierbar.

Das Halten von Vögeln in Wohnungen verursachte demnach ein um das 6-7 Fache erhöhte Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Eine schlimme Sache, wenn Kanarienvögel in 10% der Haushalte ihr Unwesen treiben.

Im Sommer 1987 schrieben etliche Zeitungen über die Studie des Niederländers Peter Holst. Seiner Meinung nach beruhte ein Lungenkrebsrisiko auf dem Rauchen, Vitamin C Mangel und den Exkrementen von Vögeln und so bastelte er auch an einem neuen Käfig, mit dem dieses Problem gelöst wäre.

In seinem Kampf um mediale/wissenschaftliche Anerkennung wandte er sich vertrauensvoll an die Tabakindustrie, die das Thema gerne aufnahm. Seine Thesen wurden im British Medical Journal zur Diskussion gestellt und Holst wurde von Big Tobacco hofiert, wie sich das für einen solch wichtigen Entdecker gebührt, z.B. mit einer Einladung samt Frau nach Wimbledon. Da eine wichtige These auch ein wichtiges Buch braucht, wurde eine Veröffentlichung im angesehenen Springer Verlag vorbereitet. Allerdings war Holsts Vorlage weder als Buch, noch für die Tabakindustrie geeignet, so dass Tabakexperte P.N. Lee den Entwurf weitgehend umschreiben musste.

Leider durfte BAT das Werk nicht direkt unterstützen und schlug deshalb dem Autor eine Beratertätigkeit vor. Was die Herausgabe des Buches anging, verlangte Springer eine Mindestabnahme von 1000 Exemplaren, die die Tabakindustrie gerne übernahm. Hier ist auch Prof. A.s einzige Involvierung in den Fall. Das von störenden Thesen befreite Buch hatte dann den schönen Titel „Birdkeeping as a Source of Lung Cancer and Other Human Disease“ und hatte natürlich keinerlei Verbindungen zur Tabakindustrie.

Lee war daraufhin Mitautor einer Kontrollstudie, die ergab, dass von Kanarienvögeln keine Gefahr ausging, lediglich von Tauben. Er verteidigte die Gefährlichkeit der Vogelhaltung aber weiter und führte sie als leuchtendes Beispiel im Kampf gegen Einschränkungen des Rauchens an.

1996 war der Spuk dann vorbei als zwei wesentlich detailliertere und methodisch bessere Studien ergaben, dass Kanarienvögel keinen Lungenkrebs verursachen. Um ganz sicher zu gehen, forderte Holst 1997 aber dennoch weitere Untersuchungen: Für die Gefährdung jugendlicher Vogelhalter.

...
Hinweis:
Mit diesem Link werden wesentliche Dokumente zu dieser Geschichte aus den Jahren 1987 - 1989 angezeigt. Es sind aber auch Dokumente darunter, die nichts mit dem Fall zu tun haben.
http://legacy.library.ucsf.edu/action/search/expert?p=1&q=holst+&asf=ddu&asd=&fd=1&sf=&_rs=&ps=10&_ef=&ef=on&sd=1987&ed=1989&c=at&c=ba&c=bw&c=ct&c=da&c=ll&c=lm&c=mg&c=mm&c=pm&c=py&c=re&c=rj&c=ti&c=ub&c=us

Tags:
Tiere, Tabak, Zigarettenindustrie, Ablenkungsforschung, Vogel

Wenn ich ein Vöglein wär...

H. Lamarr @, München, Dienstag, 22.09.2009, 17:16 (vor 4760 Tagen) @ Sektor3

Im Sommer 1987 schrieben etliche Zeitungen über die Studie des Niederländers Peter Holst.
...
1996 war der Spuk dann vorbei

Tja, das wären dann so in etwa zehn Jahre gewesen, in denen der Mist (Vogelmist) als Ablenkung zum Smoke taugte.

Wo überall sehen Sie denn Anknüpfungspunkte dafür, dass mit dem Abrutschen des Vogelmists als Risikofaktor der E-Smog als Ersatzrisikofaktor in den Vordergrund gerückt wurde? Ich meine: Gibt es *** noch andere konkrete Verdachtsmomente, dass die Tabakmultis womöglich in Sachen E-Smog noch mehr Eisen im Feuer haben, als nur das eine?

[Hinweis Admin: *** aus Rechtsgründen editiert am 27.07.10]

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Wenn ich ein Vöglein wär...

Sektor3, Dienstag, 22.09.2009, 21:33 (vor 4760 Tagen) @ H. Lamarr

Im Sommer 1987 schrieben etliche Zeitungen über die Studie des Niederländers Peter Holst.
...
1996 war der Spuk dann vorbei

Tja, das wären dann so in etwa zehn Jahre gewesen, in denen der Mist (Vogelmist) als Ablenkung zum Smoke taugte.

Wo überall sehen Sie denn Anknüpfungspunkte dafür, dass mit dem Abrutschen des Vogelmists als Risikofaktor der E-Smog als Ersatzrisikofaktor in den Vordergrund gerückt wurde? Ich meine: Gibt es *** noch andere konkrete Verdachtsmomente, dass die Tabakmultis womöglich in Sachen E-Smog noch mehr Eisen im Feuer haben, als nur das eine?

Die Tabakdokumente beleuchten ja die Vergangenheit, Überraschungen zu neueren Studien sind daraus nicht zu erwarten. Vor der Jahrtausendwende war NF-Elektrosmog (Hochspannungsleitungen) eines der Top-Themen der Tabakforscher.

Ein Entwurf Prof. A.s aus dem Jahr 1992 zeigt sehr schön, für was die Tabakmillionen locker gemacht wurden (1992 hatte Prof. A. ein Budget von 8.5 Mio DM, einschließlich 3 Mio. im Forschungsrat für Rauchen und Gesundheit). Bei so einem Budget kann man schon verstehen, wenn Forscher schwach werden.


(rote Teile waren durchgestrichen)

ENTWURF

Grundlage der Forschungsförderung durch den VdC ist die öffentliche Diskussion um die Bedeutung des Rauchens und des sogenannten Passivrauchens für die menschliche Gesundheit. Dabei sollen die den Tabakrauch zugeschriebenen Gesundheitsrisiken auf molekularer und zellulärer Ebene weiter abgeklärt und in Beziehung zu den allgemeinen Lebensrisiken gesetzt werden. Aus Gründen der Effektivität der Forschung sollen die bereitgestellten Mittel vornehmlich auf folgende Bereiche konzentriert werden:

1) Untersuchung der Wirkung von Nikotin allein oder in Wechselbeziehungen mit anderen Substanzen des Tabakrauchs auf die menschliche Gesundheit.
2) Untersuchung der Auswirkung des sogenannten Passivrauchens unter Berücksichtigung endogener und exogener Einflußfaktoren auf die menschliche Gesundheit.
3) Erforschung des Stoffwechsels der Tabakpflanze und Entwicklung von Methoden zu seiner Manipulation.

Bonn, 19. August 1992/Prof. A.

„Endogen“ heißt im Körperinneren entstehend, „Exogen“ sind äußere Einflüsse, z.B. Umweltverschmutzung, Strahlung, etc.
Für Normalos heißt Punkt 2: Vergleich des Passivrauchens mit anderen Gesundheitsgefahren.

Tags:
Forschung, Ablenkung, Passivrauchen, VdC, Ex-Tabaklobbyist, Umweltverschmutzung

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