Interphone-Studie - kleines Zahlenspiel (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 28.02.2009, 18:28 (vor 5093 Tagen)

Die Interphone-Studie startete 2000 mit dem Ziel, durch Befragung von Personen mit Gehirntumoren herauszubekommen, ob bei diesen Personen möglicherweise die Nutzung eines Handys (Zeitraum: Analogtelefonie bis 2000) für den Tumor verantwortlich sein kann.

Aber: Im Jahr 2000 wurden in Deutschlands Mobilfunknetzen 48,8 Mrd. Gesprächsminuten "vertelefoniert" (1999: 32,1 Mrd.), im Jahr 2007 waren es bereits 128,6 Mrd. Gesprächsminuten. Der Zuwachs aufs 2,6-fache erklärt sich damit, dass 2007 mehr Menschen länger zum Handy gegriffen haben. Der Zuwachs bedeutet aber auch, dass die Interphone-Studie, sollte deren Endergebnis überhaupt je veröffentlicht werden, ein Szenario mit schwacher Belastung untersucht hat, das inzwischen - günstiger Pauschaltarife fürs Handytelefonieren wegen - mit der gegenwärtigen Belastung (Telefonminuten pro Jahr und Teilnehmer) hinten und vorne nicht mehr übereinstimmt. Das ist in etwa so, als ob Forscher untersucht hätten, ob täglich 30 Minuten in der prallen Sonne zu mehr Hautkrebs führt, ein negatives Ergebnis herauskommt, die Leute sieben Jahre später täglich jedoch 90 Minuten in der Sonne braten und wegen der alten Studie noch immer gesagt bekommen, dass nichts zu befürchten sei.

Soll heißen: Je länger um das Endergebnis von Interphone gestritten wird und die Studie deshalb unveröffentlicht bleibt, desto unbedeutender wird sie - wenn sie wegen der heute drastisch anderen Telefoniergewohnheiten nicht schon unbedeutend ist.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
, Risikokommunikation, Interhhone-Studie

Interphone-Studie - kleines Zahlenspiel

Doris @, Sonntag, 01.03.2009, 19:07 (vor 5092 Tagen) @ H. Lamarr

Soll heißen: Je länger um das Endergebnis von Interphone gestritten wird und die Studie deshalb unveröffentlicht bleibt, desto unbedeutender wird sie - wenn sie wegen der heute drastisch anderen Telefoniergewohnheiten nicht schon unbedeutend ist.

Ich hoffe, sie wird - auch wenn die Ergebnisse schwierig zu deuten sein werden - veröffentlicht, denn sonst wird dies wieder als Unterschlagung von brisanten Ergebnissen unters Volk gestreut und dies wäre nicht mal so abwegig. Eine so große Studie, deren Veröffentlichung immer wieder verzögert wird, gehört veröffentlicht und die Probleme bei der Auswertung gehören einfach offengelegt.

Die mit den Jahren immer weiter gestiegenen vertelefonierten Handyminuten sind sicherlich eine Schwäche der Studie, aber ob diese Schwäche so bedeutend ist, ist auch ungewiss. Höhe der Belastung und Dauer der Gespräche sind die zwei Fragen. Dauer der Gespräche hat sich sicherlich verändert. Die Belastung am Ohr könnte durch die Netzverdichtung geringer geworden sein.
Wie hier schon mal angeführt, sind dies eh zwei Faktoren, die m.E. schlecht zu vereinbaren sind.
Sollte ein evtl. Gehirntumorrisiko mit der Expositionshöhe begründet sein, kann dem durch Grenzwertsenkungen fürs Handy und evtl. weiterer Netzverdichtung entgegengewirkt werden. Sollte die Dauer der Telefonate, unabhängig von der Expositionshöhe mit eine Rolle spielen, hätte das gravierendere und vor allen Dingen schwer umsetzbare Konsequenzen zur Folge.

Auch bei Ihrem Beispiel mit dem Sonnenbad ist der Faktor Zeit nicht das alleinige Risiko, sondern die Häufigkeit von Sonnenbränden. Schäden an der Haut mit dementsprechenden Auswirkungen können bei sensiblen Personen und auch bei Kindern schon weit unterhalb 30 Minuten auftreten.

Interphone-Studie - kleines Zahlenspiel

AnKa, Sonntag, 01.03.2009, 19:39 (vor 5092 Tagen) @ Doris

Die mit den Jahren immer weiter gestiegenen vertelefonierten Handyminuten sind sicherlich eine Schwäche der Studie, aber ob diese Schwäche so bedeutend ist, ist auch ungewiss. Höhe der Belastung und Dauer der Gespräche sind die zwei Fragen. Dauer der Gespräche hat sich sicherlich verändert. Die Belastung am Ohr könnte durch die Netzverdichtung geringer geworden sein.

Damit sind, was die bestimmbare Höhe der Belastung betrifft, einige unsichere Faktoren angesprochen. Die Gesprächsminuten sind nicht der alleine ausschlaggebende Faktor.

Wie groß ist die durchschnittliche Senderdichte und damit die Sendeleistung der korrespondierenden Handies? Wie groß also ist die durchschnittliche Belastung am Kopf "live"? Standardabweichung/Varianz? Müsste man z.B eine Unterscheidung in Stadt-/Landstandorte vornehmen?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Veröffentlichung der Interphone-Studie sich noch hinziehen muss, nämlich deswegen, weil sich im Zuge der Studienarbeiten die Grenzen, innerhalb derer sichere Aussagen möglich sind, als löchrig und voreilig gezogen ergeben haben. Das Nachdenken höret nimmer auf.

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"Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere." (Groucho Marx)

Tags:
, Handy, Belastung, Netzverdichtung

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