Neues von Berenis (18): September 2019 (Forschung)

H. Lamarr @, München, Freitag, 11.10.2019, 17:43 (vor 6 Tagen)

Im Zeitraum Anfang November 2018 bis Februar 2019 wurden 83 neue Publikationen identifiziert, von denen neun von Berenis vertieft diskutiert wurden. Fünf davon wurden gemäss den Auswahlkriterien als besonders relevant und somit zur Bewertung ausgewählt und werden im Folgenden zusammengefasst. Hervorheben möchte ich die Arbeit von Karipidis, sie liefert ein Erklärungsmodell, warum Hirntumoren in der Schläfenregion (vermeintlich) zunehmen.

Experimentelle Tier- und Zellstudien

Einfluss von hochfrequenten elektromagnetischen Felder auf Hirntumoren der Ratte (Ouadah et al. 2018)

In dieser tierexperimentellen Studie wurden Effekte der Mobilfunkfrequenz GSM 900 MHz mit 217 Hz Pulsmodulation auf das Gehirntumorwachstum (Glioblastome), die Überlebensrate der Tiere, sowie auf Apoptose, Nekrose, Proliferation, Mitose (Zellteilung) der Tumorzellen und Immunzellinvasion in männlichen Wistar-Ratten untersucht. Die Ratten (gesamthaft 201 Tiere) wurden in Röhren/Zylindern (angepasst an die Grösse der Tiere) real oder schein-exponiert, jeweils für 5 Tage pro Woche während 45 Minuten. Die durchschnittliche SAR des Gehirns betrug 0.25 und 0.5 W/kg. Käfigkontrollen wurden ebenfalls mitgeführt. Endpunkt der Studie war entweder der natürliche Tod, bzw. Tag 65 nach Injektion von C6 Rattenglioblastom-Zellen ins Gehirn. Ab Zeitpunkt der Injektion war die mittlere Überlebensrate der exponierten Tiere 31 Tage und war nicht verändert gegenüber scheinexponierten Tieren. Ebenso wurden nach HF-EMF Exposition keine Unterschiede der Tumorvolumina, des Mitose-Index, der Gefässeinsprossung (in den Tumor) und in der Rate von Nekrosen und Zellteilung gefunden. Einzig die Invasion von Immunzellen in den Tumor sowie die Apoptose-Rate (programmierter Zelltod) der Tumorzellen waren bei HF-EMF-exponierten Ratten SAR/Dosis-abhängig reduziert. Diese Daten liefern keine Hinweise darauf, dass GSM-modulierte HF-EMF sich auf die Progression von Hirntumoren im Rattenmodell auswirkt. Die Autoren vermuten, dass die beobachtete reduzierte Immunzellinvasion zu schwach ist, um sich auf Tumorentwicklung auszuwirken.

Neue Hinweise über den Mechanismus, wie niederfrequente Magnetfelder die Zellvermehrung beeinflussen können (Qiu et al. 2019)

Wie schon in einigen vorangegangen Zellkulturstudien berichtet, haben Qiu et al. (2019) eine leichte Veränderung der Zellproliferation durch NF-Magnetfeld-Exposition beobachtet. In dieser Studie haben die Autoren menschliche Epithelzellen der Fruchtblase für 60 Minuten einem 0.4 mT 50 Hz NF-Magnetfeld ausgesetzt und festgestellt, dass dies zu einer schnelleren Zellvermehrung verglichen mit scheinexponierten Zellpopulationen führte. Dieser Expositionseffekt wird durch die Stimulation der zentralen Signalkaskade für die Zellproliferation (Phosphorylierung von ERK1/2, Aktivierung des «MAP kinase pathway») ausgelöst und kann durch die Blockierung dieses Signalweges entsprechend aufgehoben werden. Interessant und erwähnenswert an dieser Studie ist, dass die Autoren die Aktivierung der Signalkaskade mit der Stimulation des Sphingolipid-Metabolismus verbinden konnten. Sphingolipide sind polare Fette, die wichtige strukturelle aber auch signalvermittelnde Funktionen in den Membranen haben. [...]

Humanexperimentelle Studien

Kaum Auswirkungen abendlicher Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern, die von 3G-Mobiltelefonen (UMTS) emittiert werden, auf Gesundheit und EEG Architektur im Schlaf (Lowden et al. 2019)

Achtzehn Versuchspersonen (11 Männer, 7 Frauen; 18-19 Jahre alt) wurden für 3 Stunden abends vor den zu Bett gehen elektromagnetischen Feldern von 3G-Mobiltelefonen (UMTS; 1930-1990 MHz; SAR 1.6 W/kg) und einer Kontrollbedingung (kein Feld) ausgesetzt. Die Antennen waren rechtsseitig auf einer Art Helm angebracht. Die Exposition hatte keine Auswirkung auf subjektive erfasste Gesundheitssymptome wie auch Müdigkeits- und Schläfrigkeitseinschätzungen und die kognitive Leistungsfähigkeit. Ebenso war die Schlafarchitektur (Schlafstadien und Latenzen) nicht beeinträchtigt. Im REM-Schlaf EEG war im Frequenzbereich der langsamen Schlafspindeln (11-13 Hz) eine Reduktion der EEG Leistung zu sehen, nicht aber im Non-REM Schlaf EEG, wo aufgrund früherer Studien, welche meistens eine GSM Exposition anwendeten, eine Zunahme zu erwarten gewesen wäre. Schlafspindeln sind charakteristisch für den Non-REM Schlaf.

Da keine Dosimetrie vorliegt, ist unklar welche Hirnregionen exponiert wurden. Es ist anzunehmen, dass weniger Hirnregionen exponiert sind als bei anderen Studien, welche die ganze Kopfseite exponierten. [...] Frühere Studien zeigten, dass die Pulsmodulation wichtig ist für Effekte. Es ist also denkbar, dass das verwendete UMTS-Signal, das sich vom früher verwendeten GSM Signal unterscheidet, einen geringeren Effekt haben könnte.

Epidemiologische Studien

Änderungen in der Diagnose- und Kodierungspraxis haben einen Einfluss auf die berichteten zeitlichen Trends von Hirntumoren (Karipidis et al. 2018)

[...] Karipidis et al. (2018) führten mit den Daten vom australischen Krebsregister von 1982 bis 2013 vertiefte Analysen durch. Die Autoren unterteilten die Zeitspanne in drei Perioden: 1982-1992 (charakterisiert durch eine Zunahme vom MRI- und CT-Anwendung), 1993-2002 (Verbesserung von MRI-Untersuchungen) und 2003-2013 (starke Zunahme Mobiltelefongebrauch mit mehr als 65% der Bevölkerung mit einem Mobilfunkabonnement). Für die letzte Periode wurde keine Zunahme von Glioma-Erkrankungen beobachtet (jährliche Änderung der Inzidenz: −0.6% [95% Vertrauensintervall: −1.4% bis 0.2%]). Zudem haben die Autoren für verschiedene Risikoszenarien berechnet wie gross der beobachtete Anstieg in der Inzidenz sein müsste und kommen zum Schluss, dass ein Risiko von 50% und höher mit einer Latenzzeit von 15 Jahren sich in einem nachweisbaren Anstieg der Hirntumorraten
äussern müsste. Für Latenzzeiten von 20 Jahren und länger sind die Krebsregisterdaten aber noch nicht aussagekräftig.

Grundsätzlich sind die Ergebnisse nicht neu. Interessant an der Studie ist, dass auch separate Trends für verschiedene Tumortypen und für Tumoren an verschiedenen Orten im Kopf dargestellt wurden. Die Autoren zeigen, dass es zwischen den verschiedenen Diagnosegruppen über die Zeit Verschiebungen gibt. So hat der zunehmende Einsatz von bildgebenden Verfahren (MRI und CT) dazu geführt, dass im Zeitverlauf die Tumoren mit unbekannter Lokalität stark abgenommen haben und diejenigen mit bekannter Lokalität zugenommen bei insgesamt ungefähr konstanten Fallzahlen. Das impliziert, dass es bei der Interpretation von zeitlichen Trends der Inzidenz wichtig ist, solche möglichen Änderungen in der Kodierungspraxis zu berücksichtigen. Wird also berichtet, dass Tumoren in der Schläfengegend zunehmen, muss geprüft werden, ob es daran liegen könnte, dass für mehr Tumoren solche Informationen überhaupt vorliegen. Erst wenn dies ausgeschlossen ist, kann von einer realen Zunahme in der am stärksten vom Mobiltelefon bestrahlten Kopfregion ausgegangen werden, was ein Indiz für ein Tumorrisiko durch Mobiltelefonstrahlung wäre.

Grosse multinationale Studie zu beruflicher niederfrequenter Magnetfeldexposition und Stromschlägen im Zusammenhang mit amyotrophischer Lateralsklerose (Peters et al. 2019)

Peters et al. (2019) untersuchten in einer gemeinsamen Auswertung von drei Fall-Kontrollstudien aus Irland, Italien und Holland, ob die berufsbedingte Exposition mit niederfrequenten magnetischen Feldern (NF-MF) oder Stromschläge das Risiko erhöhen an amyotrophischer Lateralsklerose (ALS) zu erkranken. ALS ist eine nicht heilbare degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache grösstenteils unbekannt ist. Die eingeschlossenen Fälle wurden zwischen 2010 und 2015 diagnostiziert und Kontrollpersonen gleichen Alters, Geschlechts und Wohnregion wurden zufällig aus der Bevölkerung ausgewählt. Die ganze Berufslaufbahn wurde mittels Fragebogen erhoben. Anhand von Job-Expositions-Matrizen wurde bestimmt, ob eine Person in ihrem Beruf gegenüber Magnetfeldern exponiert war oder ein erhöhtes Risiko für einen Stromschlag hatte. Die klinische Diagnose wurde anhand von Spitalberichten verifiziert. Insgesamt flossen Daten von 1'323 ALS-Patienten und 2'704 Kontrollpersonen in die Auswertung ein. Die statistische Analyse berücksichtigte Alter, Geschlecht, Studienzentrum, Bildung, Rauchen und Alkoholkonsum. Für Personen, die mindestens einmal in ihrem Beruf NF-Magnetfeldern ausgesetzt waren oder ein erhöhtes Risiko für Stromschläge hatten, wurde statistisch signifikant, ein 16% bzw. 23% erhöhtes ALS-Erkrankungsrisiko festgestellt. Die Ergebnisse waren jedoch nicht konsistent zwischen den drei Studienzentren/-Ländern und zeigten in Bezug auf die kumulative Exposition keine Dosis/Wirkung-Beziehung. Ausschluss der Fälle mit einer genetischen Prädisposition an ALS zu erkranken ergab die gleichen Resultate. [...]

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!


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