National Roaming: Eine Netzgesellschaft für alle Mobilfunker (Allgemein)

spatenpauli @, München, Donnerstag, 09.08.2018, 23:37 (vor 10 Tagen) @ spatenpauli

Auszug aus WirtschaftsWoche vom 8. August 2018:

Horst Lennertz ist so etwas wie der Grandseigneur der deutschen Mobilfunkbranche. Wie kaum ein anderer hat der heute 75-Jährige sein gesamtes Berufsleben für den Wettbewerb auf dem deutschen Mobilfunkmarkt gekämpft. Als Mitbegründer und Technikvorstand von E-Plus Mobilfunk steuerte er seit 1994 maßgeblich den Bau des dritten Mobilfunknetzes und schuf mit vielen Netz- und Tarifinnovationen einen schnell wachsenden Konkurrenten, der es mit den beiden früher gestarteten D1- und D2-Netzen der Telekom und Mannesmann (heute: Vodafone) aufnehmen konnte. Jeder Mobilfunkbetreiber baut sein eigenes Netz – von diesem Grundsatz hat sich der E-Plus-Manager immer leiten lassen.

Jetzt wirft ausgerechnet Lennertz seine alten Grundsätze über Bord [...]

Auch die Telekommunikation brauche [...] ein „schlüssiges Gesamtkonzept“, das Doppelinvestitionen vermeidet und die Aufbaugeschwindigkeit extrem erhöht. Besser wäre es deshalb, wenn die Netzbetreiber ihre Ausbaupläne abstimmen und die Bundesländer untereinander aufteilen. Jeder der drei großen Anbieter Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica könnte ein Drittel der Fläche Deutschlands abdecken und den Konkurrenten diskriminierungsfreien Zugang zu seinem Netz gewähren. Die drei Netzbetreiber müssten sich nur verpflichten, in ihrer Region auch die für die Anbindung der Sendemasten erforderlichen Glasfasernetze gleich mit zu verlegen.

Noch konsequenter wäre es, wenn die Netzbetreiber ihre Infrastrukturen in eine separate Netzgesellschaft ausgliedern, die allen Interessenten einen offenen Netzzugang zu fairen Konditionen anbietet. Nach Ansicht von Lennertz war es ein „gravierendes Strukturdefizit“, dass bei der Privatisierung der Bundespost im Jahr 1989 nicht die Netze in eine unabhängige Gesellschaft ausgegründet wurden.

Die Deutsche Telekom lehnte solch eine Netzgesellschaft immer ab und tut das auch noch heute. Nur der frühere Technik-Vorstand der Deutschen Telekom, Gerd Tenzer, plädierte öffentlich für die Gründung einer bundesweiten Netzgesellschaft. Doch da hatte sich der langjährige „Herr der Netze“ bereits von allen Führungsposten bei der Telekom zurückgezogen. [...]

Kommentar: Die Idee von einem Netz für alle Mobilfunker hat es Diagnose-Funker Jörn Gutbier schon länger angetan. Er glaubt, damit werde die Strahlenbelastung der Bevölkerung (auf ein Drittel) verringert und begründet das damit, das eine Supernetz würden alle die angeblich energetisch, funktechnisch und ökonomisch sinnlos weil deckungsgleich übereinander liegenden Netze (GSM, UMTS, LTE ...) der drei Netzbetreiber ersetzen. Die erforderliche Funkabdeckung sei mit wenigen Sendeanlagenstandorten möglich. Mit seinem Schlagwort "ein Netz statt zwölf oder 14" mag Gutbier sein Laienpublikum beeindrucken, ich halte es für Augenwischerei eines selbsternannten Experten. Denn zur Abwicklung des Gesprächs- und wachsenden Datenaufkommens wird die gesamte Sendetechnik weiterhin benötigt, egal ob diese nun in einem, zwölf oder 14 Netzen organisiert ist. Ein Beleg für meine Behauptung: 2015 schluckte O2 den Konkurrenten E-Plus. Gemäß Gutbier müssten plötzlich die E-Plus-Masten überflüssig gewesen sein. Tatsächlich soll E-Plus damals 18'000 Sendemasten verkauft haben. Doch die wurden nicht demontiert und die Technik verschrottet, sondern von der O2-Muttergesellschaft Telefonica teilweise zurückgemietet, der Rest (7700 Masten) ging an die Deutsche Telekom. Ein zweiter Beleg: Die Anzahl der Standorte für Mobilfunk-Sendeanlagen in Deutschland wuchs bis 2018 weiter, obwohl die Anzahl der Netzbetreiber 2015 von vier auf drei fiel: Im September 2013 gab es 71240 Standorte, diese Zahl stieg auf 72949 (April 2015), 73750 (April 2016) bis auf 74285 (Mai 2017). Nur zuletzt waren es mit 74280 (Januar 2018) eine Handvoll weniger, was mutmaßlich daran liegt, dass zu diesem Zeitpunkt die LTE-Netze fertig installiert waren. Spätestens in ein bis zwei Jahren wird 5G die Standortakquisiteure wieder ordentlich auf Trab bringen und Herrn Gutbier weiter widerlegen, egal ob es dann ein Netz für alle gibt oder wie gehabt ein gutes Dutzend oder mehr Netze.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Rentner, Blendwerk, Telekom, Netzstrucktur


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