Mobilfunk-Kohortenstudie in Dänemark

Mit einer auf viele Jahre Laufzeit angelegten Studie wollen Wissenschaftler in Dänemark herausfinden, ob mit der Verbreitung von Handys über die Zeit hinweg eine Zunahme des Krebsrisikos in der Bevölkerung zu beobachten ist. Die erste Beobachtungsphase, sie dauerte drei Jahre, ergab keinen Zusammenhang zwischen Handynutzung und Krebs. Auch die zweite, fünf Jahre dauernde Beobachtungsphase kam im Dezember 2006 zum gleichen Ergebnis, das freilich keineswegs unwidersprochen blieb. Mobilfunkkritiker aus aller Welt meldeten mehr oder weniger begründete Zweifel an der Studie an. Das IZgMF bat deshalb Studienleiter Dr. Joachim Schüz um Auskunft (27.01.07).

Die Studie zur zweiten Beobachtungsphase wurde Anfang Dezember 2006 unter dem Titel Cellular Telephone Use and Cancer Risk: Update of a Nationwide Danish Cohort im Journal of the National Cancer Institute (JNCI) veröffentlicht. Leider ist nur der Abstract der Studie unentgeltlich zugänglich. Studienleiter ist der Deutsche Joachim Schüz, der sich seit den 1990er Jahren mit der epidemiologischen Erforschung der Wirkung von Magnetfeldern und elektromagnetischen Feldern auf Menschen befasst. Schüz ist beispielsweise am Mainzer EMF-Wachhund (Erforschung der Elektrosensibilität) beteiligt gewesen sowie an der deutschen Interphone-Teilstudie (Erforschung  eines Zusammenhangs zwischen Kopftumoren und Handynutzung). Aus Sicht der Kritikerorganisationen Omega und Bürgerwelle zählt Schüz zu den industriefreundlichen Wissenschaftlern, wobei die Begründung dieses Vorwurfes allerdings wenig überzeugend ausfällt.

Nach der Veröffentlichung der Studie formierte sich in kürzester Zeit Widerstand gegen deren entwarnendes Ergebnis. Eine Zusammenstellung von Einwänden aus Dänemark, Israel, Schweden, Großbritannien, USA und Deutschland ist im IZgMF-Forum zu finden. Wir baten Dr. Schüz um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen und bekamen von ihm einige ergänzende Bemerkungen zu dem Artikel im Journal of the National Cancer Institute, die wir nachfolgend im Wortlaut wiedergeben (Überschrift und Zwischenüberschriften wurden vom IZgMF hinzugefügt).

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Dr. J. Schüz kommentiert dänische Krebsstudie

Bei der dänischen Studie handelt es sich um eine so genannte Kohortenstudie. Hierfür wurde die gesamte dänische erwachsene Bevölkerung in zwei Gruppen unterteilt. Die eine umfasst alle Dänen, die zwischen 1982 und 1995 erstmals einen Handy-Vertrag abgeschlossen haben. Die andere Gruppe ist der Rest der Bevölkerung. Ein Vorteil von Kohortenstudien ist die Weiterbeobachtung ihrer Bevölkerung unter Risiko auf das Auftreten verschiedener Erkrankungen. Da Kohortenstudien auf Grund ihrer Größe aufwändig und teuer sind, werden sie in der Regel von vornherein mit einer langen Laufzeit konzipiert. Dabei wird in regelmäßigen Abständen über die Veränderung des Krankheitsgeschehens in der Kohorte berichtet.

Größer kann eine Studie in Dänemark nicht sein

Die erste Beobachtungsphase der dänischen Mobiltelefon-Kohorte wurde 2001 veröffentlicht. Jetzt wurde 2006 die zweite Weiterbeobachtung vorgelegt, mit einer Untersuchung des Krebsaufkommens in der Kohorte bis Ende 2002. Dies ist schon im Titel der Arbeit klar beschrieben, “an update of a nationwide Danish cohort”, und im Artikel ist auch die Weiterbeobachtung der Kohorte zum Krebsgeschehen angekündigt, die dann in weiteren etwa fünf bis zehn Jahren folgen wird.

Die jetzt veröffentlichte Studie sind somit neue Ergebnisse. Im Vergleich zur ersten Veröffentlichung mit einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von etwa 3 Jahren liegt die durchschnittliche Beobachtungszeit jetzt bei 8,5 Jahren. Haben vormals nur wenige ein Mobiltelefon mehr als 10 Jahre besessen, sind es jetzt mehr als 55 000 Personen. Wurden vormals 154 Gehirntumorfälle in der Kohorte beobachtet, sind es durch die Verlängerung der Beobachtungszeit jetzt 580 Patienten.

Die Studie umfasst keinerlei Auswahl „spezieller" Mobiltelefon-Nutzer, sie folgt den gegebenen Realitäten. Damit stammen natürlich die meisten Nutzer der analogen Technik aus Mitte bis späte 1980er Jahre. Die ersten digitalen Nutzer folgten ab 1992. Die Weiterbeobachtung des Krebsaufkommens dieser Gruppe erfolgte bis Ende 2002, dies war zum Zeitpunkt unseres Abgleichs mit dem Krebsregister das aktuellste vollzählige Jahr der Registrierung. Die Studie beobachtet alle erwachsenen Dänen und den maximal möglichen Zeitraum. Größer kann eine Studie in Dänemark nicht sein.

Bei Langzeitnutzern überwiegen noch Analog-Handys

(Fast) alle Langzeitnutzer unserer Studie sind Nutzer der analogen Technologie. Dies liegt nicht in der Konzeption der Studie begründet, sondern in der Tatsache, dass die digitale Technik später eingeführt wurde und es somit nicht mehr Langzeitnutzer der digitalen Technologie gibt.

Die Hauptfragestellung der Studie ist der mögliche Zusammenhang zwischen Handys und dem Risiko, an einem Gehirntumor zu erkranken. Schaut man sich zu dieser Fragestellung die gesamte Literatur an, so findet man Studien, die keinerlei Zusammenhang zeigen, aber auch einige Studien, die Hinweise auf mögliche Zusammenhänge geben [darunter sind aktuelle Studien von Lönn et al., 2005, zum Risiko des Akustikusneurinoms aus Schweden, Schüz et al., 2006, zum Risiko des Glioms aus Deutschland, und aus den Veröffentlichungen der Hardell-Gruppe zu allen Gehirntumorformen aus Schweden (letzte Publikationen ebenfalls 2006)].

Alle diese Studien berichten ein höheres Risiko für die analogen Handys [bei Hardell et al. sind es für bösartige Tumoren bei mehr als 2000 Stunden Nutzung relative Risiken von 5,9 (analog) versus 3,7 (digital), bei gutartigen Tumoren und mehr als 1000 Stunden 2,2 (analog) versus 1,2 (digital). Bei Lönn et al und Schüz et al besteht die Gruppe der Langzeitnutzer mit 10 Jahren und mehr praktisch nur aus Nutzern der analogen Technik].

Demzufolge erscheint uns eine Untersuchung des Gehirntumorrisikos unter Mobiltelefon-Nutzern der analogen Technik wohl begründet. Die Nutzer der digitalen Technik sind in unserer Studie, wie auch allen anderen zur gleichen Fragestellung, nur zu einem kleinen Teil in den Langzeitnutzern vertreten, was sich aber bei weiterer Beobachtung der Kohorte zukünftig ändern wird.

Handys schützen nicht vor Lungenkrebs

In unserer Studie haben wir bei Männern unter den Handy-Nutzern weniger Fälle von Lungenkrebs und anderen tabak-assoziierten Krebsformen beobachtet. Dies ist das Ergebnis, welches wir über das Rauchverhalten erklären und nicht etwa einen schützenden Effekt des Handys sehen. Es wird von uns begründet durch in der Veröffentlichung dargestellte Daten des Statistik-Amts in Dänemark, die einen geringeren Teil männlicher Raucher in unserer Kohorte belegen. Bei Frauen ist der Anteil in der Kohorte ähnlich wie beim Rest der Bevölkerung, weshalb die Lungenkrebsrate in der Kohorte nicht reduziert ist.

Wissenslücken bei Kindern und Vieltelefonierern

Unsere Studie hat Limitierungen, die auch in der Veröffentlichung diskutiert werden. Daraus ergeben sich Wissenslücken. Dies betrifft vor allem Kinder. Da diese zwischen 1982 und 1995 noch nicht in größeren Zahlen zur Klientel der Handy-Nutzer gehörten und auch der Vertragsabschluss nicht in ihrem Namen ist, sind sie nicht Teil unserer Studie. Deshalb fordern wir bereits seit Jahren (z.B. auch auf einem entsprechenden Workshop der WHO) Studien speziell zu Kindern und eine solche hat jetzt 2006 begonnen.

Dies betrifft vor allem auch Vieltelefonierer. Es war nicht möglich, Vieltelefonierer innerhalb unserer Kohorte zu identifizieren. Es benötigt ein anderes Studiendesign, eine solche Gruppe zu identifizieren. Eine Studie speziell zu häufigen Nutzern von Handys wird ebenfalls von uns seit Jahren gefordert und (hoffentlich) ab 2007 umgesetzt.

Selbstredend erlaubt unsere jetzige Veröffentlichung keine Rückschlüsse auf andere Erkrankungen als Krebs und für längere Beobachtungszeiten als die von uns in der Studie betrachteten.

Nur, unsere jetzigen Resultate stehen nicht im Einklang mit denjenigen Studien, die jetzt schon, auf der Basis der gleichen Beobachtungszeit wie wir, der gleichen Technologie wie wir und einer Nutzerklientel wie wir, einen Anstieg an Krebserkrankungen in der Bevölkerung durch Handy-Nutzung proklamieren.

Fazit

Unsere auf der gesamten dänischen Bevölkerung und dem maximalen Beobachtungszeitraum für Handy-Nutzung beruhenden neuen Studienergebnisse zeigen keinen Zusammenhang zwischen Handys und dem Krebsrisiko, insbesondere dem Gehirntumorrisiko. Sie stützen damit nicht ähnliche aber kleinere Studien, die Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang beobachtet haben.

Unsere Studie hat Grenzen und erlaubt deshalb keine abschließenden Aussagen zu Handy-Nutzung bei Kindern, zu möglichen Krebsrisiken unter Vieltelefonierern, zu möglichen seltenen Krebsrisiken und zu Krebsrisiken nach noch längerer Handy-Nutzung als bisher in unserer Studie betrachtet.

Das Institut für Krebsepidemiologie der dänischen Krebsgesellschaft empfiehlt deshalb weiterhin Vorsichtsmaßnahmen wie die Nutzung von Headsets, besonders bei Vieltelefonierer und Kindern, sowie eine maßvolle Nutzung von Handys bei Kindern insgesamt und sieht weiterhin Forschungsbedarf zur Klärung der Frage, ob die Nutzung von Handys gesundheitsschädlich ist.

 

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